RUSSLAND - Systematisch hat Staatschef Wladimir Putin die Seilschaft seines Vorgängers Boris Jelzin von den Schaltstellen der Macht verdrängt. Jetzt steht er kurz vor dem Ziel.

Der Präsident räumt auf

Gisbert Mrozek
3 Min

MOSKAU, 18. Januar. Seit die russische Generalstaatsanwaltschaft sich nun auch mit den Geschäften des Leiters der Präsidialverwaltung, Alexander Woloschin, beschäftigt, scheint die Schlussrunde im Kampf um den Kreml begonnen zu haben. Sie war seit längerem erwartet worden, hatte doch Wladimir Putin systematisch die von Jelzin übernommenen Leute in seiner Umgebung durch die eigene Seilschaft ersetzt. Zuletzt war aus dem Jelzin-Clan neben Premierminister Michail Kassjanow nur noch Woloschin übrig geblieben - eine schwere Figur auf dem Schachbrett der Macht, weil er dank seiner Position großen Einfluss auf Personalpolitik und Strategie des Kreml hat. Anfang des Jahres wurde einer der persönlichen Berater Woloschins verhaftet. In seinem Safe sollen Beweise dafür gefunden worden sein, dass sich Woloschin mit minderjährigen Strichmädchen abgegeben hat, behaupten Moskauer Zeitungen - ohne den Beweis dafür anzutreten. Diese Methode der Denunziation ist in Moskau durchaus üblich. Gefährlicher als die Verleumdung ist für den Verwaltungschef des Kremls etwas Anderes. Einige Duma-Abgeordnete haben die Staatsanwaltschaft gebeten, die Finanzgeschäfte Woloschins zu untersuchen. Der Jelzin-Vertraute habe in den 90er-Jahren umgerechnet mindestens 80 Millionen Euro beiseite geschafft, heißt es da. Darüber war auch schon früher gemunkelt worden. Neu ist, dass Woloschin die Untersuchungen nicht mehr unterbinden kann. Schon vorher war zumindest in seinem Umfeld ermittelt worden, so 1992 gegen eine von ihm gegründete Firma wegen Schmuggels. Nach den Direktoren fahndete Interpol. Ein Jahr später nutzte Woloschin gemeinsam mit dem Oligarchen Boris Beresowski die absurden russischen Handelsgesetze. Aus diesen ergab sich, dass russische Autos erheblich billiger wurden, wenn sie zuerst exportiert und dann re-importiert wurden. Das Duo Woloschin/Beresowski exportierte nicht die PKWs, sondern nur die Fahrzeugpapiere. Mit 2 000 Dollar Gewinn pro Auto. Die beiden "Geschäftsleute" verlegten sich danach auf Anlagebetrug. Als die dafür gegründete Tschara-Bank Pleite ging, erhängte sich deren Direktor - Woloschin stieg weiter auf, bis an die Spitze des russischen "Business". Die dann von ihm gegründete Firma wurde Hauptveranstalter der Wertpapier-Auktionen, in denen Staatsbetriebe privatisiert wurden. Das brachte 83 Millionen Dollar an Provisionen - nach Berechnungen des russischen Rechnungshofes waren das 55 Millionen zu viel. Die Duma-Abgeordneten konnten der Staatsanwaltschaft sogar die Bankverbindung nennen, über die der schwarze Gewinn verschoben wurde. Am 31. Mai 1996 eröffnete demnach die Moskauer Guta-Bank in ihrer Filiale auf den Bahamas das Konto Nr. 300000120201 für die Londoner Firma Glinford Financial Services Ltd., London, Sidney Str. 102. Der Direktor hieß Woloschin.Diese Fälle wurden erstmals im März 2001 ruchbar. Die Informationen sollen aus dem damals nichtöffentlichen Hearing der Duma zur Kapitalflucht stammen. Kurz danach gab es eine erste Welle von Gerüchten über einen bevorstehenden Woloschin-Rücktritt.Auch bei den Aktien-Auktionen funktionierte das Duo Woloschin/Beresowski wieder prächtig. Woloschin sorgte dafür, dass Beresowski und dessen Partner Roman Abramowitsch die drittgrößte Ölgesellschaft Russlands, "Sibneft", günstig übernehmen konnten. Beresowski wiederum, der damals zum Küchenkabinett Jelzins gehörte, empfahl seinen Partner Woloschin weiter. Im November 1997 wurde dieser zunächst Wirtschaftsberater in der Präsidialverwaltung, dann 1998 Stellvertreter und schließlich im März 1999 selbst Chef des Kreml-Apparates. Alexander Woloschin diente noch ein Jahr lang treu dem Präsidenten Jelzin, dann führte er kompetent die Geschäfte Putins - ohne die eigenen Interessen zu vergessen. Sein Eigensinn erboste die neue Petersburger Gefolgschaft jedoch immer mehr. Seit einiger Zeit geht auch Putin auf Abstand. Nur wo das Protokoll es fordert, darf sich Woloschin noch an seiner Seite zeigen."Wer bei uns Millionen entwendet, der ist ein Politiker." W. Putin

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