Nach sechs aufeinanderfolgenden Tagen russischer Luftangriffe auf Kiew hat Moskau seine Aufforderung an ausländische Staatsbürger und Diplomaten bekräftigt, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen. Der Evakuierungsaufruf stamme aus dem Mai, verliere aber nicht an Bedeutung, erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.
„Ich möchte daran erinnern, dass die Empfehlung des russischen Außenministeriums nicht an Aktualität verliert, sondern im Gegenteil aktuell bleibt“, sagte Sacharowa laut Interfax bei einem Briefing. Sie richte sich an „das gesamte diplomatische Korps und ausländische Staatsbürger in Kiew“.
Sacharowa begründete den Aufruf mit dem Übergang der russischen Streitkräfte zu „systematischen und aufeinanderfolgenden Angriffen auf die militärische Infrastruktur der Ukraine“. Tass zufolge äußerte sie sich am Rande des Östlichen Wirtschaftsforums in Wladiwostok.
Damit verband Sacharowa die Warnung aus dem Mai direkt mit der laufenden russischen Angriffskampagne. Einen neuen Zeitplan, konkrete Ziele oder den Einsatz bestimmter Waffen nannte sie nicht.
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Zwölf Tote nach sechstem Angriffstag auf Kiew
Bei russischen Luftangriffen wurden in der Nacht zum Dienstag nach Angaben ukrainischer Behörden mindestens zwölf Menschen in Kiew und der umliegenden Region getötet. Reuters zufolge starben acht Menschen in der Hauptstadt und vier weitere in Boryspil östlich von Kiew. Mehr als ein Dutzend Menschen wurden verletzt.
Unter den Toten in Kiew waren nach Angaben der ukrainischen Staatsbahn sechs Beschäftigte eines Eisenbahndepots. Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland habe eine größere Zahl strahlgetriebener Drohnen und ballistischer Raketen eingesetzt.
Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, militärische Einrichtungen und Energieanlagen in Kiew und Odessa sowie in den umliegenden Regionen getroffen zu haben. Die ukrainische Seite berichtete von Einschlägen in Wohngebieten und Schäden an ziviler Infrastruktur.
Sacharowa bezeichnete die russischen Angriffe als Reaktion auf zunehmende ukrainische Attacken gegen Wohngebiete und zivile Einrichtungen in russischen Regionen. Das ist die Darstellung Moskaus. Die Ukraine weist den Vorwurf zurück, gezielt Zivilisten anzugreifen.
Russland warnte Kiew bereits Anfang Mai
Im Mai hatte Russland in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen zur Evakuierung Kiews aufgerufen. Am 4. Mai drohte das russische Verteidigungsministerium mit einem „massiven Raketenangriff“ auf das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Voraussetzung sei ein ukrainischer Versuch, die russischen Feierlichkeiten zum 9. Mai zu stören.
Das Außenministerium informierte ausländische Vertretungen am 6. Mai über die Aufforderung, ihr Personal vorsorglich aus Kiew abzuziehen. Einen Tag später rief Sacharowa Ukrainer und ausländische Diplomaten öffentlich dazu auf, die Warnung ernst zu nehmen und die Hauptstadt rechtzeitig zu verlassen.
Diese erste Drohung war an mögliche ukrainische Aktionen rund um den russischen Feiertag geknüpft. Die zweite Warnung vom 25. Mai ging deutlich weiter.
Oreschnik-Angriff erfolgte vor der zweiten Warnung
In der Nacht zum 24. Mai flog Russland einen der schwersten Luftangriffe auf Kiew seit Beginn des Krieges. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden 600 Drohnen und 90 Raketen eingesetzt. Vier Menschen kamen in Kiew und der umliegenden Region ums Leben, fast 100 wurden verletzt.
Bei der Attacke setzte Russland auch die atomwaffenfähige ballistische Mittelstreckenrakete Oreschnik ein. Reuters berichtete zunächst von einer Rakete, die bei Bila Zerkwa südlich von Kiew eingeschlagen sei. Selenskyj sprach später von zwei gestarteten Oreschnik-Raketen. Die genaue Zahl wurde nicht unabhängig bestätigt. Der ukrainische Präsident Selenskyj meldete kurz darauf Schäden an fast 300 Orten in Kiew.
Erst am folgenden Tag veröffentlichte das russische Außenministerium die weiter gefasste Warnung. Als Begründung nannte Moskau einen Drohnenangriff auf ein College im russisch besetzten Starobilsk im Gebiet Luhansk. Russische Behörden meldeten 21 Tote. Der ukrainische Generalstab erklärte dagegen, eine Kommandozentrale einer russischen Drohneneinheit angegriffen zu haben. Die Angaben beider Seiten ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Das russische Außenministerium kündigte daraufhin „systematische“ Angriffe auf Unternehmen der ukrainischen Rüstungsindustrie, Kommandozentralen und weitere militärisch genutzte Einrichtungen in Kiew an. Ausländische Staatsbürger, Mitarbeiter diplomatischer Missionen und Vertreter internationaler Organisationen sollten die Stadt „so schnell wie möglich“ verlassen.
Sacharowas aktuelle Begründung greift die damalige Formulierung von „systematischen und aufeinanderfolgenden“ Angriffen nahezu wörtlich auf.
Ist Sacharowas Aussage ein Vorbote weiterer Angriffe?
Einen belastbaren Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden Oreschnik-Einsatz oder einen neuen Großangriff liefert Sacharowas Aussage nicht. Anders als bei der russischen Drohung Anfang Mai nannte sie weder einen Anlass noch eine Frist oder mögliche Konsequenzen.
Ihre Worte sind dennoch mehr als eine beiläufige Erinnerung. Nach sechs Angriffstagen bekräftigt Moskau öffentlich, dass Ausländer und Diplomaten Kiew verlassen sollten. Zugleich macht Sacharowa deutlich, dass Russland die im Mai angekündigte Kampagne systematischer Angriffe auf Ziele in der ukrainischen Hauptstadt nicht als beendet betrachtet.
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