Russland sucht wegen der Probleme an seinen Häfen am Schwarzen und am Asowschen Meer verstärkt nach neuen Wegen für seine Getreideexporte. Jetzt macht Estland eine weitere mögliche Ausweichroute über das Baltikum dicht: Es hat den Transit von russischem und belarussischem Getreide durch das Land verboten.
Die Regierung in Tallinn hat am Donnerstag eine entsprechende nationale Sanktion beschlossen. Sie soll verhindern, dass estnische Häfen künftig als neue Exportdrehscheibe für russisches Getreide in Drittstaaten genutzt werden. Außenminister Margus Tsahkna begründete den Schritt ausdrücklich mit Russlands Suche nach Alternativen zum Schwarzen Meer.
Das Verbot ist zunächst vor allem präventiv. Denn über Estland selbst wurde bislang kaum russisches Getreide transportiert. Doch genau das sollte sich offenbar ändern: Nach Angaben aus dem russischen Agrarmarkt waren für Oktober erste größere Weizenlieferungen über estnische Terminals vorgesehen. Estland verfügt unter anderem in Muuga und Sillamäe über größere Umschlagkapazitäten.
Estland will neue Getreideroute gar nicht erst entstehen lassen
Der estnische Außenminister hatte bereits im September erklärt, der Transit russischen Getreides durch sein Land sei bislang „praktisch nicht existent“ – und so solle es auch bleiben. Russland suche wegen der eingeschränkten Möglichkeiten im Schwarzmeerraum nach neuen Exportwegen, Estland wolle deshalb frühzeitig verhindern, dass sich die Warenströme in seine Häfen verlagern.
Durch Angriffe und Sicherheitsprobleme sind wichtige Anlagen im Schwarzmeer- und Asowschen Raum ausgefallen oder zeitweise nicht nutzbar. Reuters zufolge entfielen auf beschädigte Terminals rund 13,8 Millionen Tonnen jährliche Exportkapazität. Vor den jüngsten Störungen liefen etwa 70 Prozent der russischen Getreideexporte über diese südlichen Routen.
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MehrRussische Unternehmen reagieren bereits. Terminals in Ust-Luga, St. Petersburg und sogar Murmansk, die zuvor vor allem Dünger oder Kohle abfertigten, werden inzwischen für Getreide umgerüstet. Auch der Bahntransport Richtung Ostsee wird verstärkt.
Ernte in der Region Charkiw: Mähdrescher auf dem Feld der Gagarin Agricultural Firm LLC während der Erntezeit in der Region Charkiw, Ukraine, am 3. August 2026
© Viacheslav Madiievskyi/IMAGO
Auch ukrainische Landwirte kämpfen mit gestörten Exportwegen infolge russischer Angriffe auf Häfen und Schiffe. Kiew hatte den 1. Oktober zuvor als „bedingten Punkt ohne Wiederkehr“ für seine Agrarausfuhren bezeichnet – inzwischen ist diese Frist verstrichen, ohne dass sich die Lage grundlegend entspannt hätte.
Im September brachen die ukrainischen Getreideexporte deutlich ein. Die Ausfuhren laufen weiter vor allem über die Donauhäfen und Landkorridore durch Osteuropa. Zusätzlich versucht Kiew, Transporte über Rumäniens Hafen Constanta sowie über die EU-„Solidarity Lanes“ auszubauen. Auch längere Korridore über Polen und Deutschland werden geprüft.
Nach Angriffen auf Schwarzmeerhäfen: Kiew nennt 1. Oktober „Punkt ohne Wiederkehr“ für Getreide
Russisches Getreide läuft bereits in großen Mengen über Lettland
Für das russische Getreide hat Lettland zuletzt als alternative Route an Bedeutung gewonnen. Allein zwischen dem 1. und dem 24. September wurden nach Angaben der lettischen Steuerbehörde mehr als 253.000 Tonnen russisches Getreide durch das Land transportiert. Dazu kamen rund 40.000 Tonnen aus Belarus. Der Transit aus Russland war damit fast doppelt so hoch wie im gesamten September 2025. Das Getreide ist dabei nicht für den europäischen Markt bestimmt. Die baltischen Häfen dienen vor allem als Transit- und Umschlagpunkte für Lieferungen in Drittstaaten, etwa nach Afrika, Asien oder Lateinamerika.
Lettland hatte deshalb bereits im September eine massive Verteuerung angekündigt. Die Nutzung der Bahninfrastruktur für entsprechende Getreidetransporte soll um 300 Prozent teurer werden. Der Regierungschef Andris Kulbergs erklärte, der Transit solle dadurch wirtschaftlich unattraktiv werden. Die Änderungen wurden vom Kabinett gebilligt; über die konkrete gesetzliche Umsetzung musste anschließend noch das Parlament entscheiden.
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Nach Angaben des russischen Beratungsunternehmens SovEcon, die die Geschäftszeitung Kommersant zitiert, liefen im September rund 300.000 Tonnen russisches Getreide über baltische Häfen. Das entsprach demnach etwa zwölf Prozent der gesamten russischen Getreideausfuhren in diesem Monat. Der weitaus größte Teil entfiel auf Lettland; über Litauen liefen demnach weitere rund zwei Prozent.
Für Moskau würde ein gemeinsames Verbot ein weiteres Problem schaffen. Die Ostseeroute kann die südlichen Häfen ohnehin nur teilweise ersetzen. Russlands eigene nordwestliche Häfen bauen ihre Getreidekapazitäten zwar aus, doch die Umleitung größerer Mengen erfordert zusätzliche Bahnkapazitäten, neue Terminals und längere Transportwege.
Estlands Verbot allein dürfte Russlands Exporte deshalb zunächst kaum treffen. Entscheidend wird, ob Lettland und Litauen nachziehen. Dann könnte Moskau einen inzwischen wichtigen Teil seines baltischen Ausweichkorridors verlieren.
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