Fußball

RW Erfurt gegen Carl Zeiss Jena: Rivalität, Geschichte und Derby-Drama

In Thüringen prallen Geschichte, Stolz und blanke Emotionen aufeinander. Wenn Erfurt und Jena an diesem Samstag aufeinandertreffen, geht es nicht nur um Punkte – sondern um alles.

Michael Jahn
8 Min
Letztes Aufeinandertreffen: Am 29. März 2026 gewann Jena (in Blau) das umkämpfte Halbfinale des Thüringenpokals in Erfurt erst nach dem Elfmeterschießen.

Letztes Aufeinandertreffen: Am 29. März 2026 gewann Jena (in Blau) das umkämpfte Halbfinale des Thüringenpokals in Erfurt erst nach dem Elfmeterschießen.

© Christian Heilwagen/imago

Man spürt es seit Tagen in Erfurt rund um das Steigerwaldstadion und sogar in der Innenstadt mit der berühmten Krämerbrücke – die besondere Vorfreude bei vielen Leuten vor einem großen Fußballspiel. Auch im nur 55 Kilometer entfernten Jena sind Aufregung und Anspannung am Fuße der Kernberge zugleich zu spüren. Egal ob am wunderschönen neuen Stadion, der Ad-hoc-Arena im Ernst-Abbe-Sportfeld oder im Zentrum rund um den 144 Meter hohen JenTower – viele Menschen in beiden Städten fiebern dem Thüringenderby zwischen den beiden ambitionierten Regionalligisten FC Rot-Weiß Erfurt und FC Carl Zeiss Jena entgegen.

Es sind zwei Vereine mit einer glorreichen Vergangenheit zu DDR-Oberliga-Zeiten und einer schwierigen Gegenwart, in der beide im Moment nur noch viertklassig sind. Die Planer des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) wollten es so, dass am 16. Mai das seit vielen Jahrzehnten stets brisante Duell am letzten Spieltag der Saison 2025/26 in Jena steigt. Das Derby wird nun sogar zum Schauplatz um die Meisterschaft, da Jena mit dem Tabellenführer der Regionalliga Nordost, dem 1. FC Lok Leipzig, mit je 69 Punkten gleichauf liegt, aber ein um vier Treffer schlechteres Torverhältnis hat. Lok trifft zeitgleich auf den 1. FC Magdeburg II. Volkan Uluc, der 56‑jährige Cheftrainer der Zeiss-Mannschaft, beschreibt die Lage so: „In der Woche vor dem Derby dreht sich alles nur um dieses Duell. Wenn meine Spieler durch die Stadt gehen, werden sie ständig angesprochen, viele unserer Fans kommen zum Training und machen ihre Lieblinge heiß.“

Auch sein Konkurrent auf der Trainerbank, Rot-Weiß-Chefcoach Fabian Gerber, berichtet von seinen aufgeregten Spielern vor dem Derby. „Sie wissen, das Duell ist von großer Bedeutung für den Verein, für die Stadt und die Region“, sagt Gerber. Der 46-Jährige, einst selbst Profi, der für Mainz 05 Derbys gegen Eintracht Frankfurt spielte, erklärt: „Die Spiele gegen Jena sind die Highlights des Jahres. Jeder will mit aller Macht gewinnen.“ Gerber versucht, die Trainingswoche vor dem Derby so normal wie möglich zu gestalten, „damit die Nervosität nicht noch größer wird.“

Es geht um Lokalstolz und alte Geschichten

Bei Jena contra Erfurt geht es ums Prestige, um die Vorherrschaft im Thüringer Fußball, um Erfolgserlebnisse, die lange anhalten, bei Spielern, Trainern und natürlich bei den oft heißblütigen Fans. Es geht auch um Lokalstolz und alte Geschichten, die diese Rivalität von Generation zu Generation weitertragen. Die Fans beider Lager nehmen nur ungern den Vereinsnamen des Gegners in den Mund. Die Erfurter sprechen abfällig von „Lobeda“ und die Jenenser von „Vieselbach“, jeweils Vororte ihrer Städte.

Hitziges Thüringenderby: Beide Fanlager offenbaren ihre große Rivalität bei Duellen mit bildlicher Sprache und Pyrotechnik.

Hitziges Thüringenderby: Beide Fanlager offenbaren ihre große Rivalität bei Duellen mit bildlicher Sprache und Pyrotechnik.

© Christian Heilwagen/imago

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Laut Fachmagazin Kicker gab es bislang 98 Derbys in allen Ligen und Wettbewerben, von denen Jena 41 gewann, Erfurt 29 Mal als Sieger vom Platz ging und 28 Mal trennte man sich Unentschieden. Allein in der DDR-Oberliga, wo die Wurzeln der Rivalität liegen, gab es 63 Duelle.

Meist lieferten diese Spiele viele Tore und aufregende Momente. Das letzte Derby in dieser Spielzeit wurde gar zu einem fast epischen Ereignis, einem „Spiel, von dem man in zehn Jahren noch sprechen wird“, wie Jenas Coach Volkan Uluc euphorisch berichtete. Am 29. März 2026 trafen beide Mannschaften im Halbfinale des Thüringer Landespokals in Erfurt aufeinander. Nach 90 Minuten stand es 4:4, nach der Verlängerung und 120 Minuten 5:5. Im Elfmeterschießen trafen alle vier Jenenser Schützen, zwei Erfurter scheiterten dagegen am Zeiss-Keeper Marius Liesegang, der als Held gefeiert wurde. Jena siegte mit 9:7 nach Elfmeterschießen. Ein wahnsinniges Spektakel mit einer irren Torfolge und großen Emotionen. „Es war ein Spiel, das du nicht erklären kannst“, meinte Uluc. Dem konnte der Erfurter Coach Fabian Gerber nur kopfschüttelnd zustimmen.

Den Wechsel von Lutz Lindemann nicht verziehen

Viele Ereignisse rund um die Derbys gingen in die lange Historie beider Vereine ein. Vor allem die Auseinandersetzungen in der DDR-Oberliga lieferten viele Geschichten, beförderten Karrieren und sorgten auch für unschöne Anfeindungen. Erfurt, 1954 und 1955 noch unter dem alten Namen SC Turbine zu Meisterehren gekommen, konnte später mit den Jenensern sportlich und wirtschaftlich nicht mehr Schritt halten, was auch viel Neid produzierte. Der SC Motor Jena, in den 1960er-Jahren das Nonplusultra im DDR-Fußball und dreimal Meister, wurde zum Sehnsuchtsort exzellenter Kicker, die fast alle zu Nationalspielern reiften. Auch die finanziellen Anreize mit dem Zeiss-Werk im Rücken, waren groß und die Mannschaft hieß im Volksmund süffisant der „FC Fiat“.

Die Animositäten zwischen den beiden Klubs wurden auch deshalb stets am Leben erhalten, weil starke Rot-Weiß-Spieler immer wieder ausgerechnet nach Jena wechselten. Besonders krass hat das der 21-malige Nationalspieler Lutz Lindemann erlebt. Der kreative Regisseur wurde einst bei den Rot-Weißen lange als Liebling gefeiert. Es gab den Spruch der Anhänger: „Wir brauchen keinen Uwe Seeler, wir brauchen keinen Siggi Held, wir haben unseren Lutz Lindemann, den besten Mittelfeldspieler der Welt!“ Als Lindemann im Juli 1977 wegen der besseren sportlichen Perspektive und der Aussicht, international im Europacup spielen zu können, nach Jena wechselte, begrüßten ihn die Erfurter Fans beim ersten Derby im neuen Trikot mit dem Plakat „Gelb-Weiß-Blau, Lindemann, du Sau!“ Gelb, Weiß, Blau sind die Vereinsfarben vom FC Carl Zeiss. Trotz dieser Widrigkeiten nahm Lindemanns Karriere wie erhofft schnell Fahrt auf. Er wurde zum Nationalspieler und stand in zahlreichen legendären Europacup-Duellen mit Jena auf dem Platz.

Kurioserweise haben einige Rot-Weiß-Anhänger dem heute 76-Jährigen seinen Wechsel zum Erzrivalen vor fast 50 Jahren nicht verziehen und die altvorderen Fans der 1970er-Jahre haben ihren Frust von anno dunnemals wohl an ihre Söhne weitergegeben. Lindemann jedenfalls steht nach wie vor in der Öffentlichkeit und arbeitet seit Juli 2018 als angesehener TV-Experte für die Dritte Liga und die Regionalliga Nordost für den MDR und die Sendung „Sport im Osten“. Im November vorigen Jahres, beim 3:1-Heimsieg der Erfurter im Derby, holte Lindemann wieder einmal seine Vergangenheit ein. Er wurde im Steigerwaldstadion vor dem Anpfiff und vor Sendebeginn im TV von drei Rot-Weiß-Fans beschimpft und bedrängt. Sie riefen: „Mach, dass du wegkommst! Verschwinde aus unserem Stadion!“ Und sie trommelten mit ihren Fäusten auf das Dach der kleinen Kabine, in der Lindemann mit MDR-Reporter Tom Scheunemann saß. Lutz Lindemann, der in Erfurt lebt, berichtet aber auch von ganz anderen, positiven Erlebnissen. „Wenn mich Leute auf der Straße in der Stadt erkennen, was oft passiert, wollen viele ein Selfie mit mir machen und klopfen mir auf die Schulter.“

Oldies beider Rivalen treffen sich am Erfurter Stammtisch

Mit weniger Ballyhoo und ohne große Häme der Fans verlief 1977 der Wechsel des beliebten Abwehrrecken Rüdiger Schnuphase von Erfurt nach Jena. „Ich wollte unbedingt international spielen“, erinnert sich „Hase“, der später 45 Länderspiele bestritt, „das ging in Erfurt nicht und ich hatte auch Probleme mit dem Trainer.“ Kurios: Schnuphase wohnte weiter in Erfurt. „Jenas Trainer Hans Meyer erlaubte mir, dass ich jeden Tag nach Hause fahren durfte. Meine Frau war beruflich sehr eingespannt als Solo-Tänzerin am Erfurter Theater und eine bekannte Künstlerin.“ Während der Derbys, erinnert sich Schnuphase, „gab es kaum Böswilligkeiten der Spieler untereinander auf dem Platz. Nur die Fans machten oft Theater auf den Rängen.“

DDR-Nationalspieler Lutz Lindemann: Den Wechsel des begnadeten Mittelfeldspielers 1977 nach Jena haben ihm einige Erfurter Fans bis heute nicht verziehen.

DDR-Nationalspieler Lutz Lindemann: Den Wechsel des begnadeten Mittelfeldspielers 1977 nach Jena haben ihm einige Erfurter Fans bis heute nicht verziehen.

© Sven Simon/imago

Dennoch, dass Wechsel von Erfurt nach Jena auch in der heutigen Zeit nicht problemlos über die Bühne gehen, hat Stürmer Kay Seidemann (26) 2024 erfahren. Jenas Anhang ignorierte damals den Neuzugang, weil er sich einst als Erfurter Spieler äußerst abfällig über den FC Carl Zeiss geäußert hatte. Im Rahmen eines Thüringenderbys ließ er sich als Rot-Weißer in einem Shirt ablichten, auf dem eine Figur das Wappen von Carl Zeiss verspeist. 2022 sagte er in einem Interview, dass er sich nicht an den Vereinsnamen des Rivalen erinnern kann. Die heftige Konsequenz: Jenas Ultras setzten durch, dass sich Seidemann selbst nach Toren für Zeiss der Jenaer Fankurve nicht nähern durfte!

Etwas Versöhnliches am Ende: Wie man das Thüringenderby mit all seinen Facetten auch auswerten kann, zeigen die Oldies beider Vereine, die sportlich erfolgreiche Zeiten in der DDR-Oberliga erlebten. Alle sechs Wochen treffen sich die Protagonisten von einst, etwa die Jenaer Harald Irmscher, Lothar Kurbjuweit und der ehemalige Weltklassestürmer Peter Ducke zusammen mit den Erfurter Spielern wie Jürgen Heun und Martin Busse zum „Erfurter Stammtisch“. Mittendrin: Lutz Lindemann. Beim Bier geht es absolut friedlich zu und ab und an sogar in die Verlängerung.

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