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Ryuichi Sakamoto im Hamburger Bahnhof Berlin: Wenn Erdbeben Klavier spielen

Der Hamburger Bahnhof in Berlin würdigt den großen japanischen Musiker und Multimediakünstler Ryuichi Sakamoto mit seiner ersten Retrospektive in Europa. Ein Spektakel.

5 Min
Zu sehen im Hamburger Bahnhof als Teil der Ausstellung „seeing sound, hearing time“: die Installation „async-immersion“ (2023) von Ryuichi Sakamoto und Shiro Takatani

Zu sehen im Hamburger Bahnhof als Teil der Ausstellung „seeing sound, hearing time“: die Installation „async-immersion“ (2023) von Ryuichi Sakamoto und Shiro Takatani

© The Estate of Ryuichi Sakamoto/KAB Inc, Foto: Jacopo La Forgia

Ryuichi Sakamoto war in Japan ein Popstar. Er war es bis zu seinem Tode 2023, als er dem Krebs mit 71 Jahren erlag. Und er war es schon lange, bevor er 1992 in Madonnas Musikvideo „Rain“ auftrat; bevor er 1988 den Oscar für seinen Soundtrack zum Film „Der letzte Kaiser“ gewann; und bevor er 1983 an der Seite David Bowies eine Hauptrolle in „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“ spielte.

Sakamoto war ein Popstar seit den späten 1970ern. Stichwort: Yellow Magic Orchestra. In dieser Band (im Bunde mit Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi) brachte er die elektronische Musik von Asien aus voran auf eine Weise, wie man sie in Europa mit der Band Kraftwerk vergleichen muss.

Lange bevor Techno ein Genre wurde (Events wie die Loveparade und Clubs wie das Berghain waren noch Zukunftsmusik), experimentierten Yellow Magic Orchestra ab 1978 mit technoiden Synthesizer-Klängen. Aber auf eine Weise, die oft discotanzbodentauglich war und meistens großen Pop-Appeal versprühte.

Sakamoto hat diese Anfänge seiner Karriere nie verraten, hat sie auch nie vergessen. Und doch haben ihn, der ursprünglich vom Jazz-Piano kam, mit der Zeit auch ganz andere Fragen gereizt. Allen voran: Wie lässt sich die Musik von der Zeit befreien, aus ihr herauslösen? Traditionelle Musikformate wie Alben und Konzerte haben ja naturgemäß einen Anfang und ein Ende; eine dem Zuhörer auferlegte zeitliche Struktur.

Eine befreiende Antwort, die Sakamoto (gemeinsam mit langjährigen Weggefährten/Mitstreitern wie dem in Karl-Marx-Stadt geborenen Berliner Künstler Carsten Nicolai) gefunden hat, lautet: die Kunst-Installation im dreidimensional frei begehbaren Raum. Etwa seit der Jahrtausendwende brachte Sakamoto Multimedia-Werke (bei denen die Musik „nur“ ein, aber freilich ein elementarer Teil ist) in die Museen. Und zwar mit gigantischem Erfolg.

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Nachdenklicher Typ mit viel Humor: Ryuichi Sakamoto

Nachdenklicher Typ mit viel Humor: Ryuichi Sakamoto

© Neo Sora

340.000 Menschen haben die Sakamoto-Ausstellung „seeing sound, hearing time“ in Tokio gesehen. Ein Besucherrekord für das dortige Museum of Contemporary Art. Auch in China (Peking, Chengdu) und Korea (Seoul) hat Sakamoto etliche Fans, darunter erstaunlich viele junge, ins Museum locken können. Nun aber ist erstmals in Europa eine Retrospektive des großen Japaners zu sehen, eine speziell für Berlin adaptierte Version von „seeing sound, hearing time“, die zur Berlin Art Week eröffnet.

„Ryuichi ist der Da Vinci unserer Zeit“, schwärmt Sachiko Namba, als sie uns durch die Schau in den riesigen Rieckhallen geleitet. „Ein Künstler in einem weiteren Sinne.“ Gemeinsam mit Ingrid Buschmann vom Hamburger Bahnhof hat sie, die sie eine Dekade lang bis zu seinem Tode eng mit Sakamoto gearbeitet hat, die Berliner Retrospektive kuratiert. Und die hat es in sich.

„async-immersion“ (2023) von Ryuichi Sakamoto und Shiro Takatani

„async-immersion“ (2023) von Ryuichi Sakamoto und Shiro Takatani

© The Estate of Ryuichi Sakamoto / KAB Inc, Foto: Jacopo La Forgia

Alles beginnt mit einem Yamaha-Klavier, das in schwarz schimmerndem Wasser steht: „IS YOUR TIME“ (2017/2024) heißt die Arbeit, die gemeinsam mit dem Künstler Shiro Takatani aus Kyoto kreiert wurde. Gespielt wird das sogenannte Player-Piano durch einen metallenen Aufsatz für automatisches Klavierspiel. „Menschen denken, das Klavier wäre verstimmt“, sagt Sachiko Namba. „Aber Ryuichi sagte: Die Natur hat es gestimmt.“ Für Sakamoto gab es keine Hierarchie zwischen Melodie, Geräusch, Künstlichem oder Natürlichem – er behandelte alle Klänge als gleichwertig.

Dräuend, träumend, schwelend, schwebend

Das Klavier im ersten von fünf kolossalen Ausstellungsräumen der Sakamoto-Schau bringt eine Geschichte mit. Das kann man sehen und hören. Sakamoto fand es in einer verwüsteten Schule in der Präfektur Miyagi. Zerstört wurde sie samt dem Klavier vom Großen Ostjapanischen Erdbeben infolge des Tsunamis 2011.

Die Noten, denen wir auf dem Klavier lauschen, folgen keiner Komposition im klassischen Sinne – sie werden errechnet von Computern, gespeist mit seismographischen Daten aus aller Welt. Natur und Zivilisation, das waren für den menschen- und wasserliebenden Sakamoto (den lebenslangen Pazifisten und Umwelt-Aktivisten) mit die größten Themen.

Ryuichi Sakamoto und Apichatpong Weerasethakul: „Durmiente“ (2021)

Ryuichi Sakamoto und Apichatpong Weerasethakul: „Durmiente“ (2021)

© The Estate of Ryuichi Sakamoto / KAB Inc, Foto: Jacopo La Forgia

Ob wir nun Tilda Swinton beim Eindämmern bewundern („Durmiente“ von 2021, gemeinsam mit dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul) oder in „ENDO EXO“ (2024) von Carsten Nicolai Skelette und Tierpräparate aus naturhistorischen Sammlungen betrachten – und dabei fühlen, dass die Welt sehr schlimm und doch sehr schön ist. Immer ist Ryuichi Sakamotos Musik da: dräuend, träumend, schwelend, schwebend.

Nein, sie ist nicht nur da, sie schwingt in uns. Denn das ist klar: An den opulent-kraftvollen Soundsystemen hat man im Hamburger Bahnhof (wo man dieses Jahr 30-jähriges Bestehen samt Klangkunstfokus feiert) mitnichten gespart. Und Ryuichi Sakamoto hat die Logik der Zeit überlistet, wieder einmal. Auch so gesehen ist er tot und lebt zugleich.

Ryuichi Sakamoto: seeing sound, hearing time. Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Di+Mi+Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa–So 11–18 Uhr. 11. September 2026 bis 20. Juni 2027

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