Bisher wurde noch bei jeder neuen "Tagesthemen"-Moderatorin geraunt und gemunkelt: Kann die das? Ist sie nicht nur eine Quotenausfüllerin? Egal ob es nun die Ulrike-Wolf-Nachfolgerin Sabine Christiansen war, der ihr früherer Job als Stewardess lange so unfreundlich wie unnötig unter die Nase gehalten wurde oder ob man Gabi Bauer missmutig begrüßte, weil sie die mittlerweile zur TV-Ikone aufgestiegene Christiansen nicht adäquat ersetzen könne. Nun also Anne Will. Da saß sie, die versierte Journalistin, die früher gespottet hatte, zu den "eitlen Affen" vom Fernsehen wolle sie nie, nun zwischen den Herren Riewa (Meldungen) und Nadvornik (Sport) und begann mit erfreulicher Selbstverständlichkeit ihr Debüt, kam schnörkellos zur Sache und bestätigte die zuvor viel zitierte Selbstauskunft "Ich weiß, dass ich stets gut vorbereitet bin." Der erste anzusagende Beitrag am Ostersonnabend war der über die extrem schleppenden, seit drei Jahren andauernden Ermittlungen gegen den früheren SS-Mann Engel, der in Italien als "Henker von Genua" unvergessen ist und unbehelligt in Hamburg lebt. 246 Morde werden ihm zur Last gelegt, eine Zahl, deren Ungeheuerlichkeit Will so groß erschien, dass sie diese völlig zu Recht noch einmal mit hochgezogenen Augenbrauen wiederholte: "246 Fälle." Etwas seltsam geriet dann aber, wenn auch ohne Wills Schuld, das offenbar zuvor aufgezeichnete Interview mit dem Istanbul-Korrespondenten Dieter Sauter, der in einer unschönen Mischung aus Redundanz und Redseligkeit über die Finanz- und Staatskrise in der Türkei berichtete, statt präzise auf die Fragen aus dem Studio zu antworten. Mit seinem gönnerhaft spendierten Kompliment "Das ist eine gute Frage" an die Adresse Wills blamierte sich der Mann dann noch gleich doppelt, weil er diese beharrlich wiederholte, weitere Auskünfte aber umständlich verweigerte.Ein paar Worte zum äußeren Eindruck seien gestattet: Auch wenn das Jubilieren der "Bild"-Zeitung, Anne Wills Lächeln koche sogar Pflastersteine weich, an diesem Ostersamstag keiner genaueren Überprüfung unterzogen werden konnte, wurde doch klar, dass die ARD bei ihrer Entscheidung auch die Frage der Attraktivität wohl bedacht hatte. Ja, diese Frau wirkt natürlich, ja, sie sieht gut aus (selbst wenn sie nicht lächelt).Zurück zur Sachlichkeit - mit der bewältigte sie souverän die Sendung, nur beim Übergang zum Sport, ihrem Hauptbetätigungsgebiet der letzten Jahre, gestattete sie sich etwas größere mimische Anteilnahme und den ersten Anflug von Süffisanz, der hier aktualitätsbedingt auf Kosten des FC Bayern München ging. Besonders gespannt sein durfte man auf ihre erste Wetteransage, fast schon traditionell und mangels großartiger Entfaltungsalternativen das persönliche Markenzeichen eines jeden "Tagesthemen"-Moderators. Und da lieferte sie eine kleine Meisterleistung mit dem Satz: "Das ist genauso, wie man es sich zu Weihnachten eben wünscht" - kleine dramaturgische Pause - "nur ist blöderweise gar nicht Weihnachten." Da hatte sie die Herzen der verhinderten Oster-Ausflügler gewonnen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]