Wirtschaft

Nach AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt: Von Stornowelle im Tourismus bisher keine Spur

Ein AfD-Wahlsieg könne gravierende Folgen für den Tourismus in Sachsen-Anhalt haben, hieß es vor der Wahl. Von einer Stornowelle fehlt bisher jedoch jede Spur.

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Das Bauhaus in Dessau-Roßlau zählt laut Reiseführer „Lonely Planet“ zu den Top-Reisezielen weltweit.

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© Hendrik Schmidt/dpa

Unmittelbar nach der Landtagswahl am 6. September hatten Tourismusverbände in Sachsen-Anhalt vor den Folgen für die Branche gewarnt. Erste Rückmeldungen deuten nun darauf hin, dass sich die Befürchtungen - zumindest vorerst - nicht bewahrheiten.

Zwar berichteten Kollegen aus der Branche von einzelnen Stornierungen, sagt Martin Schulze, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Sachsen-Anhalt, auf OAZ-Anfrage. „Aktuell lässt sich hieraus aber noch keine Welle, Trend oder gar breite Einbrüche erkennen.“ Die Wahl beschäftige die Menschen dennoch: „Fakt ist, uns erreichen täglich Schreiben von beunruhigten Gästen und von Menschen, die uns an ihrer Meinung zur Landtagswahl teilhaben lassen wollen.“ Ein endgültiges Urteil will Schulze deshalb noch nicht fällen: „Dies lässt sich aktuell noch nicht abschließend bewerten. Exakt können wir dies erst mit Blick auf die amtliche Statistik bestimmen.“

Konstante Nachfrage in Sachsen-Anhalt

Die Zuschriften nehme der Verband sehr ernst und suche gemeinsam mit den Partnern nach Wegen, um klarzustellen, dass der Tourismus in Sachsen-Anhalt weiterhin für gelebte Gastfreundschaft, Vielfalt und Weltoffenheit stehe. Die derzeitige Lage der Branche sieht der Tourismusverband ambivalent. „Die Nachfrage ist, auf Basis der amtlichen Statistik, in den letzten drei Jahren konstant geblieben. Jedoch werden hier nur Betriebe ab zehn Betten erfasst, was beispielsweise den stark gewachsenen Ferienwohnungsmarkt außen vor lässt“, so Schulze weiter.

Durch Preisanpassungen seien die Einnahmen auf einen neuen Höchststand von 3,6 Milliarden Euro gestiegen. „Jedoch sind die Betriebsausgaben stärker gestiegen, wodurch weniger Rücklagen in den Unternehmen gebildet werden konnten beziehungsweise Verluste eingefahren wurden“, so der Geschäftsführer. Die Hoffnung, dass Urlauber wegen der hohen Spritpreise auf lange Autofahrten ins europäische Ausland verzichten und stattdessen in Sachsen-Anhalt Urlaub machen, erfülle sich nicht. „Die hohen Energiepreise führen nicht zu einem stärkeren Fokus auf den heimischen Tourismus.“ Vielmehr bewirkten sie das Gegenteil.

Sachsen-Anhalt als zweites oder drittes Urlaubsziel

Die Energiepreise und die allgemeine Unsicherheit aufgrund vieler gegenwärtiger Krisen führten zu einem Absinken der Kaufkraft sowie zu einer steigenden Rücklagequote und der damit verbundenen geringeren Ausgabebereitschaft der Gäste. „Sachsen-Anhalt ist das Reiseland für die zweite bis dritte Urlaubsreise. Diese erfolgt dann meist in Form einer Kurzurlaubsreise.“ Am Haupturlaub sparten die wenigsten, an weiteren Urlauben jedoch schon. Zudem würden Kurzurlaubsreisen immer kurzfristiger gebucht. Dadurch spielten beispielsweise Wetterereignisse eine größere Rolle.

Hinzu kommt Gegenwind aus Berlin. „In ihrer seit Juli gültigen Luftfahrtstrategie hat die Bundesregierung zudem die Kosten für den Flugverkehr stark gesenkt – beispielsweise bei der Luftverkehrsteuer oder den Flugsicherungskosten.“ Dadurch seien Auslandsurlaube trotz oder gerade wegen steigender Energiekosten im Inland eine Alternative. Diese Problemlagen trügen dazu bei, dass die amtlichen Tourismuszahlen trotz guter Weiterentwicklung des Angebots derzeit konstant blieben. Wenn sich diese Lage entspanne, könne die Branche sogar von steigenden Übernachtungszahlen ausgehen.

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Herausforderungen beschäftigen die Branche

Dennoch steht die Branche in den kommenden Jahren vor Herausforderungen: Die Personalknappheit falle dabei besonders ins Gewicht. Dazu kämen Energiekosten, bürokratische Auflagen, der Ausbau der touristischen Infrastruktur, die Klimafolgenanpassung, die teils prekäre kommunale Haushaltslage, Betriebsübergaben sowie die Mobilität im ländlichen Raum.

Am meisten würde der Branche nach Einschätzung des Verbandes ein Ende der gegenwärtigen Krisen helfen – darauf habe Sachsen-Anhalt allerdings keinen Einfluss. Handlungsbedarf im Land sieht Schulze an anderer Stelle: Ausländische Fachkräfte müssten leichter Zugang zum Arbeitsmarkt finden, zudem gelte es, Bürokratie abzubauen. Die Kommunen müssten gestärkt werden, damit sie in den Tourismus investieren können, und der Ausbau der Infrastruktur solle fortgeführt werden.

Von der künftigen Landesregierung erwarte Schulze eine klares Bekenntnis zum Tourismus: Keine andere Branche sorge so sehr für gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land, jede Investition in den Tourismus sei zugleich eine Investition in die Lebensqualität vor Ort. Sachsen-Anhalt könne sich als attraktives Lebensumfeld und Wirtschaftsstandort daher nur gemeinsam mit dem Tourismus weiterentwickeln. Grundlage dafür seien jedoch Gastfreundschaft, Vielfalt und Weltoffenheit. Eine künftige Landesregierung tue gut daran, sich zu diesen Werten zu bekennen, wenn sie den Tourismus unterstützen wolle.

Befürchtungen der Touristik vorerst nicht bewahrheitet

Nach dem starken Abschneiden der AfD, die bei der Landtagswahl auf 43,8 Prozent kam, hatten die Branchenverbände teils deutlich gewarnt. Der Tourismusverband sah in einer ersten Stellungnahme das Image des Landes, die Sicherung des Personalbedarfs und den Erhalt der Kulturlandschaft unter Druck. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Sachsen-Anhalt berichtete in einem offenen Brief von Gästen, die das Land aus Angst meiden könnten, sowie von ersten Absagen für Aufenthalte im kommenden Jahr.

Die befürchtete Stornowelle ist bislang jedoch ausgeblieben. Auch im Harz ist nach Angaben der Wernigerode Tourismus GmbH, der Stadt und des Landkreises weder von massenhaften Absagen noch von einem Einbruch bei den Buchungen etwas zu spüren; dort gingen lediglich rund 10 bis 15 besorgte E-Mails ein. Entwarnung will dennoch niemand geben: Wie sich Wahlergebnis und Regierungsbildung langfristig auf das Image des Landes und die Suche nach Fachkräften auswirken, ist offen.

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