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Sachsen-Anhalt-Trend: Als Günther Jauch fast vom Stuhl fiel

Nicht nur der TV-Moderator fragt sich inzwischen: Geht hier etwas zu Ende, das viele allzu selbstverständlich als „unsere Demokratie“ bezeichnen?

Christian J. Barthel
6 Min
Auch Günther Jauch verliert mitunter mal die Fassung.

Auch Günther Jauch verliert mitunter mal die Fassung.

© Sven Simon/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Im Frühjahr 2025 war bei Günther Jauch der persönliche Referent des damaligen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff zu Gast. Im Gespräch über die politischen Perspektiven in Sachsen-Anhalt kam Jauch auf die kommenden Landtagswahlen zu sprechen und fragte nach möglichen Konstellationen.

Der Referent, Niklas Fries sein Name, erwähnte dabei die Möglichkeit, dass im Herbst 2026 lediglich drei Parteien in den Landtag einziehen könnten: CDU, AfD und Die Linke. Jauch wirkte so überrascht, dass er sich – fast, als wolle er nicht vom Stuhl fallen – noch einmal vergewisserte, ob er das richtig verstanden habe.

Es war nur eine kurze Episode. Für mich blieb jedoch die Erkenntnis, dass man sich dort zumindest strategisch bereits intensiv mit diesem politischen Dilemma beschäftigte.

Der Sachsen-Anhalt-Trend Mai 2026

Die üblichen Bekannten aus Politik und Medien haben bereits mit der Interpretation der Zahlen von Infratest dimap im Auftrag von MDR, Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme begonnen – nach den bekannten alten Erklärungsmustern. Ich erspare mir, das Gleiche zu tun.

Mir fiel eine Frage auf: „Welche Partei trauen Sie am ehesten zu, die wichtigsten Aufgaben in Sachsen-Anhalt zu lösen?“ Die Antworten: AfD: 31 Prozent, CDU: 18 Prozent, Die Linke: 7 Prozent, SPD: 5 Prozent, keine Partei: 22 Prozent, alle anderen deutlich unter 5 Prozent. Soweit, so schlecht.

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Bundeskanzler Friedrich Merz zu Gast bei Caren Miosga

Bundeskanzler Friedrich Merz zu Gast bei Caren Miosga

© Uwe Koch/Imago

Politik im Notbetrieb

Es gibt Wochen, in denen die politische Kommunikation so wirkt, als hätte jemand im Kanzleramt das politische System auf „Beta-Version – bitte nicht abstürzen“ gestellt. Die erste Woche im Mai gehört dazu. Friedrich Merz versucht bei Caren Miosga, die Lage der Republik zu erklären – und landet dabei irgendwo zwischen Schadensdiagnose und Selbsttherapie. Die Koalition, so der Subtext, ist nicht ganz gescheitert, aber auch nicht wirklich erfolgreich. Eher eine Art politisches Übergangswohnheim: Alle wohnen drin, niemand fühlt sich zuständig für die Küche.

Merz wirkt dabei wie jemand, der gleichzeitig den Laden führen und die Leuchtreklame reparieren soll. Die Handschrift der Union sei zu wenig sichtbar, heißt es. Übersetzt: viel Verantwortung, wenig Wiedererkennung. Oder noch einfacher: Man regiert mit, aber keiner merkt so richtig, wer eigentlich.

Dann dieser Satz, der hängen bleibt wie ein schlecht gelüfteter Parteitagsraum: Er habe „keine Lizenz zum Selbstmord der CDU“. Ein bemerkenswert ehrliches Bild. Es klingt nach Parteichef im Administrationsmodus: Zugriff verweigert, Systemrechte unzureichend, bitte wenden Sie sich an den Koalitionspartner.

Während Merz also die Innenansicht der Regierungssoftware beschreibt, liefert Karl-Josef Laumann (CDU) bei Markus Lanz die Gebrauchsanweisung für den Notbetrieb gleich mit – inklusive Warnhinweisen in Großbuchstaben. Laumann spricht wie jemand, der den Maschinenraum nicht nur kennt, sondern auch die Geräusche unterscheiden kann. Koalitionsbruch? Katastrophe. Vertrauensfrage? Europa in Turbulenzen. Minderheitsregierung? Politischer Selbstversuch ohne Sicherheitsnetz.

Die Botschaft ist klar: Alles ist schlecht – aber alles andere ist noch schlechter. Und dann kommt der Satz, der in seiner drastischen Klarheit fast schon kabarettreif ist: Eine Zusammenarbeit von CDU und AfD würde die CDU „umbringen“. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen – nicht als Prognose, sondern als politische Todesfallbeschreibung im Konjunktiv.

Beide Auftritte zusammen ergeben ein interessantes Doppelbild: Merz beschreibt die mangelnde Steuerbarkeit, Laumann die maximale Gefahr jeder Kursänderung. Der eine diagnostiziert Systemprobleme, der andere erklärt die Notausgänge für vermint. Dazwischen die große gemeinsame Erzählung: Bitte nicht bewegen. Alles wackelt zwar, aber jede Bewegung könnte noch schlimmer sein.

Politisches Perpetuum mobile der Vorsicht

So entsteht eine Berliner Regierung, die gleichzeitig Stabilität verspricht und Instabilität erklärt. Ein politisches Perpetuum mobile der Vorsicht: Man regiert, indem man erklärt, warum alles andere nicht geht. Und genau darin liegt das eigentliche Paradox dieser Koalition: Sie ist nicht an zu wenig Ideen gescheitert, sondern an zu vielen Gründen, nichts zu tun, was irgendwen verärgern könnte.

Am Ende bleibt ein Satz, der über allem schwebt wie eine unbequeme Mahnung aus der Parteizentrale: keine Lizenz zum Selbstumbau, keine Lizenz zum Abbruch, keine Lizenz zum Abflug. Und dann schließlich der Generalsekretär der CDU, Carsten Linnemann, in der Bildzeitung: Er warnt vor einer Austrittswelle in seiner Partei.

Da gibt es Fragen, die sich aufdrängen. Erleben wir gerade die letzte Bundesregierung der politischen Mitte? Entsteht auch in Deutschland – ein neues politisches System und zugleich der Zerfall der alten Parteienstrukturen? Oder, zugespitzt mit einem O-Ton von Markus Söder: „Ist dies der letzte Schuss der Demokratie?“ Oder sollten wir genauer fragen: Geht hier etwas zu Ende, das viele allzu selbstverständlich als „unsere Demokratie“ bezeichnen?

Was kommt? Vermutlich eine kleinere politische Wende in Deutschland. Der Osten ist dabei möglicherweise nur ein Vorbote.

Was kommt nicht? Keine große gesellschaftliche Wende wie 1989/90,im Osten die die gesamte Gesellschaft erfasst – bis hinein in die Eigentumsverhältnisse.

Fazit

Politik ist kein „Wir wünschen uns etwas, und wenn wir nur fest genug daran glauben und alles dafür tun, dann wird es über kurz oder lang genauso kommen“. Politik folgt nicht allein Wünschen oder moralischen Selbstbildern. Entscheidend sind reale Entwicklungen, Machtverschiebungen und strategische Zwänge.

Gerade deshalb blieb mir die Szene mit Günther Jauch im Gedächtnis. Hinter der sichtbaren Überraschung wurde deutlich, dass man sich längst mit Möglichkeiten und Konsequenzen beschäftigt, die öffentlich kaum ausgesprochen werden. Oder anders formuliert: Politik richtet sich am Ende nicht nach dem, was man sich wünscht, sondern nach dem, was unter den jeweiligen Umständen möglich wird.

Christian J. Barthel, Jahrgang 1952, wohnhaft in Halberstadt, begleitet den Strukturwandel in Sachsen-Anhalt als kritischer Kommentator. Sein Fokus liegt auf einer medienkritischen Perspektive der Region sowie der Einordnung gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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