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Sächsin backt Blumensträuße aus Teig: „Kann mich vor Bestellungen kaum retten“

Sophie Schwarzenberger aus Pirna gibt ihren sicheren Bürojob auf, zaubert lieber Cupcakes mit täuschend echten Blütenmotiven. Sie sind der Renner in ganz Deutschland.

8 Min
Sophie Schwarzenberger hält den kleinsten ihrer Cupcake-Blumensträuße in die Höhe. Die Blüten sind aus italienischer Buttercreme.

Sophie Schwarzenberger hält den kleinsten ihrer Cupcake-Blumensträuße in die Höhe. Die Blüten sind aus italienischer Buttercreme.

© Maurice Weiss/Ostkreuz

Was darf’s denn sein? Chrysanthemen, Rosen, Sonnenblumen, Geranien, Tulpen oder vielleicht doch die zarte Birnenblüte? Wer auf die Webseite des Mini-Lädchens in der Pirnaer Altstadt geht, denkt, er ist beim Blumenversand gelandet. Zauberhafte Sträuße in bunten Farben, Ton in Ton, sogar dem eigenen Brautstrauß nachempfunden. Sophie Schwarzenberger kreiert sie alle.

Doch ihre Blüten sind vergänglicher als die der Natur und werden ab September auch deutschlandweit in Kühlboxen verschickt. Denn Sophies Sträuße sind essbar, ihre Bouquets entstehen in der Rührschüssel. Es ist eine Geschäftsidee, die der gebürtigen Brandenburgerin bei ihrer Ausbildung in Sachsen kam. Und für die sie ihr Arbeitsleben noch einmal völlig umkrempelte und ins volle Risiko ging.

Das Vorurteil über die Generation Z, also die Geburtsjahrgänge 1995 bis 2010, die angeblich immer viel fordert, aber wenig leisten will, trifft so gar nicht auf Sophie zu. Sie ist das beste Gegenbeispiel, das mittlerweile auch die Statistiken belegen. „Die Ergebnisse des Mikrozensus zeigen vielmehr, dass die Erwerbsbeteiligung junger Menschen heute auf dem höchsten Niveau seit Jahrzehnten liegt“, schreiben die Volkswirtschaftler Timon Hellwagner und Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber im IAB-Forum.

Die Altstadt von Pirna spiegelt sich in den Fensterscheiben ihres Ladens. Sophie Schwarzenberger wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

Die Altstadt von Pirna spiegelt sich in den Fensterscheiben ihres Ladens. Sophie Schwarzenberger wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.

© Maurice Weiss/Ostkreuz

„Die Erwerbsquote der 20- bis 24-Jährigen stieg zwischen 2015 und 2025 um 7,1 Prozentpunkte auf nunmehr 76,8 Prozent. Auch in der Vergleichsgruppe der 25- bis 64-Jährigen setzte die Erwerbsquote ihren jahrzehntelangen Aufwärtstrend bis zum aktuellen Rand fort – mit einem Anstieg um 3,1 Prozentpunkte zwischen 2015 und 2025“, so die Experten. Heißt also zusammengefasst: In Deutschland sind so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt wie nie zuvor.

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Von den Akten in die Backstube

Trockene Theorie, die Sophie auch in ihrem alten Job hatte. „Ich habe eigentlich Rechtsanwaltsfachangestellte gelernt“, sagt die 23-Jährige. Was man ihr erst entlocken muss: Sie hat die dreijährige Ausbildung in anderthalb Jahren durchgezogen, sich zur Prüfung angemeldet – und mit 18 Jahren bestanden. Die 500 Euro Lehrlingsgehalt spornten sie an, früher ins voll bezahlte Berufsleben zu wechseln.

Als Ausgleich zum Verkehrsrecht, bei dem sie tagsüber Kfz-Schadensfälle für eine Versicherung regulierte, buk sie abends Torten „nur für mich, die Nachbarn und Arbeitskollegen“, erinnert sie sich. 

„Doch Torten sind sehr aufwendig. Du musst die Böden backen, befüllen, warten, einstreichen und nochmal kühlen. Dann nochmal einstreichen – das dauert ewig, bis man fertig ist und die Torte endlich verzieren kann“, erklärt sie. Die sogenannten Cupcakes (Tassenkuchen), ein Muffin mit üppigem Belag oben drauf, gingen da schneller.

„Da kann man einmal ganz viel backen und dann ganz viel verzieren“, sagt sie. Den Blütentrend habe sie sich aus den USA abgeguckt: „Ich hab’s zuerst mit Rosen probiert. Die ersten Versuche sahen lange nicht so aus wie die jetzt“, lacht sie. Doch ihre Ideen trieben immer neue Blüten, die Spritztechnik hat sie sich selbst beigebracht. 

Freunde gaben erste Bestellwünsche ab, die Sophie anfangs sogar kostenlos erfüllte. „Ich konnte nichts verlangen. Ich backe zu Hause, hab das nicht direkt gelernt und kann die Cupcakes jetzt nicht so einfach verkaufen“, sagt sie bescheiden. Dann wurde es jedoch so viel, dass Sophie die Geschäftsidee dahinter erkannte.

Auf die Schokoteig-Muffins wird die Blüte aus Buttercreme per Hand aufgespritzt.

Auf die Schokoteig-Muffins wird die Blüte aus Buttercreme per Hand aufgespritzt.

© Maurice Weiss/Ostkreuz

Am 23. Januar letzten Jahres meldet sie ihr Gewerbe an – sie weiß das noch genau – es war ihr 22. Geburtstag. „Erst habe ich nur nach einer Küche gesucht, in der ich nach der Arbeit backen kann. Ich wollte meinen sicheren Job nicht verlassen“, sagt Sophie. Ihre Ausbildung hatte sie aus Lauchhammer vor über fünf Jahren nach Dresden gebracht. Aber in der Landeshauptstadt eine günstige Möglichkeit zum Backen zu finden – außerhalb der eigenen Küche – war schier aussichtslos.

Auch Heidenau, am Stadtrand von Dresden, „war ebenfalls sehr teuer“. Doch der Leerstand in Pirnas hübscher Altstadt war die Chance für sie. In der Schössergasse, wo sie nun ihren kleinen Laden betreibt, stehen 80 Prozent der Geschäfte leer. Die Kleinstadt kämpft mit Überalterung und geringen Löhnen. Die Jugend? Zieht weg, wenn sie kann. Doch Sophie kam im April 2025 und blieb.

Ihr 36 Quadratmeter großer Laden inklusive Backküche kostet nur ein paar hundert Euro Miete. „Das war so günstig, dass ich ihn nebenbei noch von meinem Fachangestelltengehalt bezahlen konnte“, sagt Sophie. Denn sich ganz den bunten, schmackhaften Blumensträußen zu verschreiben, war ihr immer noch zu riskant.

„Doch dann eskalierte es im Sommer letzten Jahres.“ Die Aufträge wurden immer mehr, die Arbeitsstunden bei der Versicherung immer weniger. „Ich musste mich entscheiden, wie es weitergeht. Soll ich den sicheren Hafen verlassen?“, grübelte sie damals. Auch ihre Eltern waren skeptisch, dass sich mit Backen der Lebensunterhalt bestreiten ließe, wo sie doch einen „ordentlichen Beruf“ erlernt hatte. Sie kündigte dennoch im November ihren Job bei der Versicherung, backt seitdem Vollzeit hauptsächlich für Hochzeiten, Geburtstage und Selbstabholer.

Ihr ganzes Erspartes investierte sie in die kleine Industrieküche, weitere Tausende Euro in den Webauftritt, die Unternehmensberatung, professionelle Fotos. „Meine ersten Einnahmen hab ich sofort wieder in den Laden gesteckt“, erinnert sie sich. Instagram trägt ihre Backkunst in die Welt, die Bestellungen kommen aus Österreich, der Schweiz, Spanien, Portugal oder auch Dänemark. „Doch ich konnte sie nicht erfüllen. Das hat mich damals wahnsinnig geärgert“, so Sophie.

Über ein Dutzend verschiedener Blütenmotive bietet Sophie auf ihren Cupcakes an.

Über ein Dutzend verschiedener Blütenmotive bietet Sophie auf ihren Cupcakes an.

© Maurice Weiss/Ostkreuz

Denn das zarte Backwerk braucht eine ganz besondere Verpackung, um auch noch ansehnlich und lecker beim Kunden anzukommen. Ihr größter Strauß besteht aus 61 Cupcake-Blumen und kostet 500 Euro. Die kleinste Blumensendung für den Gaumen gibt es schon für 50 Euro (sieben Cupcakes).

Alle Grundformen werden aus Schokoteig gebacken und wahlweise mit einem Fruchtpüree oder einer Schokoladenfüllung befüllt. Danach beginnt die Handarbeit auf dem Cupcake. Ihr wichtigstes Werkzeug sind zwei ruhige Hände. Links dreht gleichmäßig, wie auf einer Töpferscheibe, das Backwerk. Rechts setzt mit der Tülle aus italienischer Buttercreme zum Blumenmuster an. Durch die beigemischte Lebensmittelfarbe in der Creme werden die Blumen „lebendig“. Über ein Dutzend Blütenmotive hat Sophie zur Auswahl.

Testwurf mit Paketen

Damit sie so zauberhaft wie in der Backstube auch beim Kunden ankommen, musste Sophie viel über Versandzentren der Deutschen Post lernen. „Wenn ein Paket das erste im Container des Verteilzentrums ist, fällt es schon mal 10 Meter tief in den Container – und alle Folgepakete oben drauf“, erklärt sie. Also keine Option für zartes Gebäck. 

Sie suchte und testete weiter und wurde letztlich bei einem Spezialversand fündig: „Der Kurierdienstleister fährt über Nacht und transportiert zum Beispiel auch Fische und Pflanzen, die zerbrechlich sind.“

Sophie entwickelte eine spezielle Packtechnik: Alle ihre Sträuße sind mit Stäbchen im Karton fixiert. „Wir haben die Box testweise gekippt, gedreht, geschüttelt – der Cupcake-Strauß blieb heil.“ Dann kam der zweite Teil: die Kühlung.

Selbstabholer bekommen den Blumengruß zum Essen in einem Geschenkkarton. Für Online-Bestellungen wird dieser zusätzlich in ein Kühlpaket verpackt.

Selbstabholer bekommen den Blumengruß zum Essen in einem Geschenkkarton. Für Online-Bestellungen wird dieser zusätzlich in ein Kühlpaket verpackt.

© Maurice Weiss/Ostkreuz

Da ihre italienische Buttercreme aus pasteurisiertem Eiweiß und Butter gefertigt und gut eine dreiviertel Stunde aufgeschlagen wird, ist Kühlung essentiell. „Wir haben nachhaltige, biologisch abbaubare Zellulose-Verpackungen für Kühlakkus gefunden, die mit ins Versandpaket kommen. So ist 24 Stunden lang eine Temperatur zwischen 4 und 7 Grad garantiert.“  

„Ich kenne meine Generation. Die geht gern auf Amazon shoppen, am nächsten Tag ist alles da, der Versand kostenlos. Das ging natürlich für mich nicht“, erklärt sie und entschuldigt sich fast, dass sie 24,99 für die gekühlte Nachtsendung verlangt.

Doch die ersten Vorbestellungen für den deutschlandweiten Kühlversand ab September geben ihr recht: Das Geschäft brummt. Sophie will auch etwas an die Stadt zurückgeben, die ihr ihre Geschäftsidee ermöglicht hat. Pirna stellt als Souvenirs verschiedenste kunsthandwerkliche Unikate mit Bezug zur Region her. Sophies Birnenblüten-Cupcake wird bald ein weiteres davon sein.

„Ich hatte mir überlegt: Pirna hat ja einen Birnbaum im Stadtwappen. Also habe ich eine Birnenblüte kreiert, die auf einem Schokokuchen mit Lemoncurd-Füllung sitzt“, erklärt sie ihre Idee. Selbst die millimeterdünnen Blütenstempel sind aus Buttercreme, ein wahrliches Kunstwerk. Ende August wird es von der IHK Dresden offiziell zertifiziert.

Ihre nächste Idee sind glutenfreie und vegane Cupcakes, genauso schmackhaft und dekorativ wie die jetzigen. „Am glücklichsten macht mich, wenn meine Sträuße verschenkt werden und die Beschenkten dann bei mir auch bestellen, weil sie jemandem genau so eine Freude machen wollen.“

Sophies herausforderndste Bestellung ist derzeit für eine Hochzeit: „Eine Kundin möchte ihren Brautstrauß identisch in Cupcakes nachgebildet haben.“ Die junge Frau gibt ihr Bestes. Nur vom traditionellen Wurf in die Hochzeitsgesellschaft würde sie abraten …

Für ihre zweite Heimat Pirna ließ sich Sophie den Cupcake mit einer stilisierten Birnenblüte einfallen.

Für ihre zweite Heimat Pirna ließ sich Sophie den Cupcake mit einer stilisierten Birnenblüte einfallen.

© Cupcake Floristry

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