Sarah Oswald kennen viele Berlinerinnen und Berliner noch als Gesicht der „Abendschau“. Mehr als vier Jahre lang moderierte die Köpenickerin die Hauptnachrichtensendung des RBB.
Nach einem kurzen Abstecher in den Berliner Senat steht sie nun wieder vor der Kamera und am Radiomikrofon. Seit Mai moderiert Sarah Oswald live aus Köln „Deutschland am Morgen“, das gemeinsame Nachrichtenmagazin von RTL und ntv. In Berlin führt sie auf RTL Radio durch den „Feel-Good-Nachmittag“.
Gut fühlt es sich für die gebürtige Berlinerin auch an, nach kleinen Auszeiten wieder in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Wo sie am liebsten ist, hat sie uns im Fragebogen verraten.
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1. Frau Oswald, Sie moderieren seit 20 Jahren für Radio, TV und auf Bühnen. Angenommen, Ihre Heimatstadt Berlin wäre Ihr nächster Talkgast – wie würden Sie sie ankündigen?
„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein. So dreckig und grau.“ Wie oft habe ich diese Zeile von Peter Fox beim Anblick meiner Heimatstadt schon im Kopf zitiert. Aber eins ist auch klar: „Egal ob ich dich lieb oder hass, in meinem Herz hast du für immer Platz. Dicker, ich bleib in Berlin.“ Kool Savas rappt so treffend über diese Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass, das Gefühl, Berlin nicht mehr zu ertragen, gleichzeitig aber keine andere Stadt gegen Berlin eintauschen zu wollen.
Am schönsten ist es aber eh in unseren Kiezen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Meine Liebe gehört dem Berliner Südosten, meiner Heimat Treptow-Köpenick. „Guck mal auf den Stadtplan, Berlin rechts unten. Nur ein kurzer Blick, schon hast du das Paradies gefunden.“ Romano weiß, wo es am schönsten ist. Berlin, ich habe also viele Fragen an dich. Herzlich willkommen!
2. Zur Welt gekommen sind Sie 1986 in Ost-Berlin. Was sind Ihre einprägsamsten Kindheitserinnerungen?
Wie so viele Ost-Berliner Familien sind wir kurz vor der Wende in einen Plattenbau nach Hohenschönhausen gezogen. Bis zur vierten Klasse habe ich meine Kindheit zwischen Klettergerüst und Tischtennisplatten im Innenhof verbracht. Und es war wirklich schön. Viele junge Familien mit vielen Kindern haben dort gelebt. Als Einzelkind habe ich es natürlich geliebt, von früh bis spät mit den anderen zu spielen.
An den Wochenenden sind wir den weiten Weg mit S-Bahn und Straßenbahn bis nach Schmöckwitz an den Stadtrand rausgefahren. Kurz hinter der Stadtgrenze lag unser kleines Wochenendgrundstück, wo meine Mutter heute lebt. Der Krossinsee gleich um die Ecke. Ich erinnere mich an den zugefrorenen See im Winter, wo dann sogar mal jemand mit einem Trabi raufgefahren ist. Es war eine schöne Kindheit.
3. Drei Jahre nach Ihrer Geburt fiel die Mauer. Haben Sie dennoch so etwas wie eine Ost-Identität? Eine besondere Beziehung, einen anderen Blick auf den Osten des Landes?
Oh ja! Meine Identifikation mit dem Osten ist mit den Jahren sogar noch gewachsen. Das hängt auch mit dem Blick zusammen, den der Westen oft von oben herab und verallgemeinernd auf den Osten wirft. Die Journalistin Marieke Reimann beschreibt in ihrem neuen Buch „Zweite Wende“ sehr treffend, dass auch Wende- und Nachwendekinder sich irgendwie diffus ostdeutsch fühlen, obwohl sie kein eigenes bewusstes Erleben der DDR haben. Auch wenn die Mauer weg war, durch meine Eltern und Großeltern wurde ich ja trotzdem weiter ostdeutsch sozialisiert. Im Kindergarten und in der Schule haben mich ostdeutsche Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen betreut und unterrichtet.
Der Osten ist für mich Heimat. Die Menschen, deren Art, die Bodenständigkeit, der Wille, etwas anzupacken, und die Fähigkeit, immer wieder von vorn anzufangen. Daran spüre ich, dass wir alle ähnlich geprägt wurden. Auch und vielleicht sogar noch mehr nach dem Fall der Mauer. In den wilden 90er-Jahren.
Zur Person
4. Von Ihrer Zeit in Hohenschönhausen haben Sie schon erzählt. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie sonst noch gewohnt?
Ich bin innerhalb Berlins so oft umgezogen, dass ich aufgehört habe zu zählen. Das hat sich jetzt mit den steigenden Mieten natürlich verändert. Aber mit meinen Eltern schon und auch in meinem Erwachsenenleben ging es zwischen den Kiezen wild hin und her: von Treptow nach Friedrichshain, über Tempelhof an den Kudamm, nach Kreuzberg und zurück nach Köpenick.
In Friedrichshain bin ich in mein eigenes Leben gestartet. An der Westfälischen Straße habe ich etwas gutbürgerliche Luft geschnuppert, ich bin bis heute gern dort. In Kreuzberg habe ich zwischen Kotti und Graefekiez die Auswahl zwischen den vielen Restaurants und Cafés sehr geliebt. Aber ich hatte irgendwann das Gefühl, die einzige Berlinerin in meinem Haus zu sein. Außerdem wurde mir die Miete zu teuer. Heute lebe ich wieder in meinem Heimatbezirk Treptow-Köpenick. Für mich als Berlinerin ist das wie für viele Zugezogene ihr Dorf, in das sie wieder zurückziehen. Ich liebe die Natur, den Müggelsee und die Menschen.
5. Sie besuchen auch regelmäßig die Spiele im Stadion an der Alten Försterei. Wann entstand Ihre Liebe zu Union – und was macht den Verein für Sie so besonders?
Wenn du in Köpenick wohnst, kommst du an Union einfach nicht vorbei. 2019 bin ich zurück nach Köpenick gezogen und dann über Umwege ins Stadion gekommen. In dieser Zeit und den Jahren danach war es natürlich leicht, Feuer und Flamme für den Verein zu sein. Die Urs-Fischer-Ära, Champions League – unfassbar! Bis heute gehe ich gern in die Alte Försterei – egal ob zu den Männern oder zu den Frauen.
Auch wenn’s sportlich mal nicht so läuft: Wir gehen ja nicht zum Fußball, wir gehen zu Union. Beim gemeinsamen Singen der Hymne habe ich jedes Mal Gänsehaut. Zu erleben, wie alle Fans ihre Mannschaft anfeuern, egal ob es gut oder schlecht läuft, macht einfach großen Spaß. Ich schätze es sehr im Stadion, dass wir alle mal unsere eigene Bubble verlassen und mit anderen Fans ins Gespräch kommen.
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6. Viele Menschen empfinden die Stadt mittlerweile als zu laut, zu dreckig, zu voll. Spielen Sie mal mit dem Gedanken, Berlin zu verlassen?
Nein, auch wenn ich jede Auszeit von Berlin genieße. Aber schon auf der Fahrt nach Hause, beim ersten Berlin-Schild, freue ich mich auf mein Zuhause. Und das ist nicht irgendeine Wohnung. Das ist in erster Linie Berlin als Stadt. Aber natürlich bin auch ich melancholisch und trauere dem Berlin hinterher, das es nicht mehr gibt. Das ohne moderne Hochhäuser am Spreeufer, mit mehr Spiel- und Freiräumen, mit weniger durchgentrifizierten Kiezen. Wir alle trauern doch dem Berlin hinterher, als noch nicht jeder herwollte. Außer Visit Berlin natürlich.
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?
Ich bin total gern am Müggelsee unterwegs. Von Friedrichshagen, durch den Spreetunnel, vorbei an Rübezahl und der Müggelseeperle, durch Rahnsdorf und vorbei an der Fisch-Borke – das war meine Laufstrecke bei der Marathon-Vorbereitung. Morgens ist es dort am schönsten.
8. Ihre persönliche No-go-Area?
Ich habe keinen Ort in Berlin, den ich bewusst meide. Aber in einer Straße wünsche ich mir, dass dort deutlich weniger Menschen einfach über die Straße latschen würden. Die Bahnhofstraße in Köpenick ist für mich also in diesem Sinne eine No-go-Area. Bitte einfach mal die Ampel benutzen. Dankeschön!
9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?
Einfach die Bahnhofstraße weiter geradeaus fahren, in Richtung Mahlsdorf. Kurz vor dem kleinen Waldstück ist auf der linken Seite das Eicheneck. Das familiengeführte Restaurant blickt auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurück. Angefangen hat alles als Kneipe im industriell geprägten Köpenick. Heute führen Jordan Kretschmann und seine Lebensgefährtin Laura Kaiser in fünfter Generation diesen wunderbar bodenständigen Ort mit deutscher Küche von richtig guter Qualität. Mit Liebe nach alten Familienrezepten gekocht von Mutter und Tante. Meine Empfehlung: im Herbst und Winter das Bauernfrühstück.
10. Einkaufen in der Stadt – in welchem Laden glüht Ihre Kreditkarte besonders gern?
Beim Shoppen bin ich nicht so festgelegt, mal im Bikini am Zoo, mal am Hackeschen Markt. Wo ich gar nicht nein sagen kann, sind Buchläden. Entweder der Klassiker: Dussmann in der Friedrichstraße. Oder ein kleiner Kiez-Buchladen, wie das Neue Büchereck in Baumschulenweg.
11. Der beste Teil der Stadt? Oder der schlimmste?
Köpenick ist für mich der beste Stadtteil. Die Warschauer Straße hingegen ertrage ich Freitag- und Samstagnacht nur noch schwer. Da sind mir zu viele Party-People.
12. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?
Nerven ist das falsche Wort. Die zunehmende Verwahrlosung macht mich traurig und widert mich gleichzeitig an. Drogenabhängige, Betrunkene, Obdachlose – die kaputte Seite Berlins zeigt sich immer härter. Das tut manchmal echt weh.
13. Wie sieht ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?
Mein perfektes Berlin-Wochenende beginnt früh. Endlich mal wieder eine Runde laufen gehen. Entweder eine schnelle Runde um den Landschaftspark Johannisthal oder eine längere Strecke am Ufer des Müggelsees. Frühstücken geht besonders gut im Milchkaffee in der Altstadt Köpenick. Vielleicht sind ja auch irgendwann mal die Baustellen da fertig. Wenn ich frei habe, verbringe ich auch sehr gern Zeit mit unserer Hündin Tinka – am liebsten in Köpenick im Wald oder am Wasser. Wenn’s doch mal urbaner sein soll: Ab ins Museum, machen wir Berliner in der eigenen Stadt doch viel zu selten. Und natürlich was Leckeres essen gehen. Am Wasser geht das besonders gut in der Hafenküche in Rummelsburg oder in der Fisch-Borke in Rahnsdorf.
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