Prenzlauer Berg hat seit 1906 eine Chodowiecki-Straße. Die zu DDR-Zeit immer maroder gewordenen alten Gründerzeithäuser im nördlichen Winsviertel sind längst prächtig saniert, die begehrten Wohnungen mit ihren Stuckdecken in den Jahren nach dem Mauerfall gentrifiziert und privatisiert.
Aber wissen all die zugezogenen und wohlhabenden Neu-Bewohner, wer der Mann hinter dem klangvollen Namen war, dessen 300. Geburtstag an diesem 16. Oktober gedacht wird? Kennen sie auch nur ein einziges Blatt oder Gemälde dieses Meisters der scharfen Feder, des spitzen Pinsels und der feinen Nadel?
Das ist leicht nachzuholen: Im Berliner Kupferstichkabinett oder bei einem herbstlichen Ausflug nach Neuhardenberg in Märkisch-Oderland bietet sich die Möglichkeit einer Wieder- oder Neuentdeckung.
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„Pater Gassner und die Exorzierung eines Mädchens“, 1790, Pinselzeichnung (aus „Taschenbuch der Aufklärung“)
© SMB/Kupferstichkabinett/D. Katz
Der Hugenotte Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) kam einst aus Danzig (der Stadt, aus der auch der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, ein passionierter Chodowiecki-Fan, stammte) nach Berlin. Da war der künftige Superstar der Illustration und Druckgrafik in der Zeit der Aufklärung gerade 17. Er ließ sich auf väterlichen Wunsch kaufmännisch ausbilden. Dann zog es ihn zur Kunst, als Emaille-Maler. So verdiente er sich und seiner Familie das Brot.
Doch als er 40 war, avancierte er auf dem boomenden Buchmarkt zum Illustrator der Aufklärung, wurde so gefragt wie berühmt. Schließlich berief man ihn gar zum Direktor der Preußischen Akademie der Künste. Seit damals und bis heute gilt der Mann als leuchtendes Beispiel einer erfolgreichen Einwanderungs- und Aufstiegsgeschichte.
Chodowiecki war atemberaubend produktiv
Als der Dichterfürst Goethe 1778 zum einzigen Mal in seinem Leben nach Berlin reiste, besuchte er unter all den hiesigen Prominenten nur den Maler und Kupferstecher Chodowiecki. Dessen Illustrationskunst genoss Bestseller-Ruf. Über 4000 überlieferte Arbeiten belegen eine atemberaubende Kreativität und Produktivität. Und weil seine Biografie zwölf Leben ausfüllen könnte, widmen ihm die Stiftung Schloss Neuhardenberg und Berlins Kupferstichkabinett (mit Gemäldegalerie und Akademie der Künste) jeweils fulminante Ausstellungen.
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Berlin kann aus den eigenen Sammlungen schöpfen, darunter Porträts von Zeitgenossen der Aufklärung, so vom Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai und dem Religionsphilosophen Moses Mendelssohn. Sie gehörten zu den Protagonisten unter den vielen Intellektuellen ihrer Zeit, die für eine neue Debatten- und Diskurskultur eintraten und gegen Verschwörungstheorien und Esoterik ankämpften. Und sie inspirierten den Grafiker und Maler zu eigenen prägnanten Bildkommentaren, so zu einer Pinselzeichnung, in der er die Exorzierung eines vielleicht physisch kranken oder auch nur aufsässigen Mädchens durch einen Pfaffen anprangert. Das Blatt stammt aus dem „Taschenbuch der Aufklärung“ 1790.
„Porträt des Religionsphilosophen Moses Mendelssohn“, Rötel, 1774
© SMB/Kupferstichkabinett/D.Katz
Chodowiecki bezog Haltung. Erstmals überhaupt ist am Kulturforum die Bildserie von 1767 „Abschied des Jean Calas von seiner Familie“ (seit langem getrennt in drei Sammlungen) zusammen zu sehen, als Ölgemälde und als Grafik. Grundlage der Komposition war die europaweit bekannt gewordene Causa, das tragische Schicksal des Toulouser Kaufmanns Jean Calas und der unrühmlichste Justizskandal der Aufklärung. Calas gehörte als lutherisch-reformierter Christ einer im damaligen Frankreich Repressionen ausgesetzten Minderheit an. Als sich einer seiner Söhne 1761 das Leben nahm, versuchte die Familie zunächst, den Selbstmord als Mord darzustellen, nur, um den Sohn christlich beerdigen zu lassen.
Ein gemalter Justizskandal, dramatisch und emotional
Doch so geriet Jean Calas selbst in Verdacht, seinen Sohn aufgrund dessen angeblicher Absicht, zum Katholizismus überzutreten, erwürgt zu haben. Obwohl es keine Beweise für diesen Vorwurf gab, führte der religiöse Fanatismus gegen den Protestantismus dazu, dass Jean Calas zum Tode verurteilt und am 10. März 1762 öffentlich hingerichtet wurde. Entsetzt über diesen Justizmord verfasste der Philosoph Voltaire (1694–1778) die Schrift „Über die Toleranz“ (1763) und erreichte 1765 die postume Rehabilitierung von Jean Calas und dessen Familie. Chodowieckis dramatische, hochemotionale Darstellung des Moments, in dem der zum Tode verurteilte Calas von seiner Familie Abschied nimmt, zählt zu den wichtigsten Bildern der Aufklärung.
„Wallfahrt nach Französisch-Buchholz“, 1779, Radierung
© Privatsammlung Berlin/D’mage Berlin/Schloss Neuhardenberg
Auch in der Ausstellungshalle des Schlosses Neuhardenberg geht es um das künstlerische Ankämpfen Chodowieckis gegen Unrecht und Aberglauben. Man betritt quasi das 18. Jahrhundert, spürt den Wind der Aufklärung, des aufstrebenden Bürgertums und der Entstehung einer „Mediengesellschaft“. Chodowiecki, der erfolgreichste Illustrator seiner Zeit, war deren Avantgardist, gedruckt in Büchern und ersten Publikationen, so der „Vossischen Zeitung“.
Ironie wider Aberglaube, Dummheit und Gier
Er gründete und pflegte intellektuelle Netzwerke, stellte in seiner grafischen Kunst Fragen nach Moral, (Aber-)Glaube, Verantwortung und auch nach seiner Identität als „Eingewanderter“. Ausgebreitet sind Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen: Jugendzeichnungen, Pastelle von Familienmitgliedern, Vorzeichnungen zu den wegweisenden pädagogischen Lehrbüchern von Basedow und Salzmann und Entwürfe für den Französischen Dom, das Berliner Gotteshaus der Hugenotten. Auch Druckplatten des Meisters sowie ein bislang noch nie öffentlich gezeigtes Selbstporträt können angeschaut werden.
Illustration „Eine Schatz Gräber Geschichte des Mode-Thorheiten-Druckbogens“, 1788. Aus: Berliner genealogischer Kalender auf das Jahr 1789, Radierung
© Privatsammlung Hessen/D’mage/Schloss Neuhardenberg
Ein besonderes „Schmankerl“ der Ausstellung ist das Blatt Nr. 7 aus Chodowieckis „Mode-Thorheiten“ von 1787, eine Radierung. Er griff einen aberwitzigen Kriminalfall auf, trieb seine Satire zum fabelartigen Höhepunkt: Es ist die „Schatzgräbergeschichte“ aus Quappendorf/Neuhardenberg, eine Parodie von Aberglauben, Leichtgläubigkeit und Gier: Ein Betrüger hatte die reiche, aber naive Witwe Ruschke mittels einer nächtlichen Geisterbeschwörung, die ihr einen großen Schatz bescheren würde, um eine Menge vorab gezahlten Geldes gebracht. Er verschwand und die Frau erntete Spott und Hohn.
„Das Auge der Vorsehung“, 1787, Radierung
© Privatsammlung Berlin/D’mage Berlin/Schloss Neuhardenberg
Nicht weniger ironisch und entlarvend sind Chodowieckis Motive in den „Sudelbüchern“ und „Göttinger Taschenkalendern“ von Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), dieser satirischen Stimme der deutschen Aufklärung. Dem Dichter wie dem Zeichner gelang es, das bürgerliche Zeitalter zwischen Empfindsamkeit, Rollenspiel und sozialer Kontrolle zu spiegeln. Und plötzlich haben wir Heutigen eine Menge Déjà-vus.
Die zwölf Leben des Daniel Chodowiecki. Schloss Neuhardenberg, Mi–So 11–18 Uhr, ab 6. November Fr–So 11–16 Uhr. Bis 27. Dezember 2026. Die Ausstellung ist Teil des internationalen Jubiläumsjahres „Chodowiecki 300“.
Berliner Bilder der Aufklärung. Kupferstichkabinett Berlin, Kabinett Gemäldegalerie, am Kulturforum, Di–So 10–18 Uhr. Bis 10. Januar 2027
Vivat Chodowiecki! Akademie der Künste: Präsentation und Vorträge anlässlich des 300. Geburtstags von Daniel Chodowiecki am Freitag, den 16.Oktober, 19 Uhr, Pariser Platz. Verleihung des Daniel-Chodowiecki-Preises für polnische und deutsche Zeichnung und Grafik 2026, von Günter Grass gestiftet an Ryszard Wasko, sowie Förderpreise, 17. Oktober, 19 Uhr, Pariser Platz
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