Vandalismus

Scherbenmeer vor dem Schulhof: Wiederholt Vandalismus-Frust in Berliner Kiez

Eine Bushaltestelle an der Parkstraße in Weißensee wird permanent zerstört und wird zur permanenten Scherbenfalle.

Annamarie Heller
4 Min
Ein weiteres Mal wurde die Bushaltestelle in Weißensee zerstört.

Ein weiteres Mal wurde die Bushaltestelle in Weißensee zerstört.

© Annamarie Heller

Berlin-Weißensee. Es scheint wie ein Art Ritual, das in diesem Kiez in Weißensee mittlerweile fast jeder kennt. Ein Ablauf wie aus einem Drehbuch: Erst zerplatzen die Scheiben der Bushaltestelle Parkstraße/Amalienstraße mit einem lauten Knall in tausende Splitter. Dann liegen die zerstörten Wände tagelang als gefährliches Scherbenmeer auf dem Gehweg.

Ein paar Tage später werden die Splitter zusammengefegt und Flatterband gespannt. Irgendwann werden die demolierten Rahmen gesäubert und verharren wochenlang leer im Raum. Bis schlussendlich das neue Glas eingesetzt wird, die Werbung wieder hängt und das Warten von vorn beginnt. Denn jeder hier weiß: Sobald die neue Scheibe sitzt, dauert es nur noch wenige Tage, bis die Zerstörer wieder zuschlagen.

So war es auch an diesem Morgen. Vermutlich in der Nacht vom 17. auf den 18. September schlugen die Vandalen erneut zu. Was zurückbleibt, ist das gewohnte Bild der blinden Zerstörungswut – und ein erhebliches Sicherheitsrisiko direkt vor der eigenen Haustür.

Gefahr auf dem Schulweg

Besonders riskant: Direkt hinter der Haltestelle befindet sich die wieder neu eröffnete Grundschule am Weißensee. Jeden Morgen ab sieben Uhr stehen hier Schulkinder ab sechs Jahren mit ihren Schulranzen, um auf den Bus zu warten oder die Straße zu überqueren. Die Kinder balancieren auf ihrem Schulweg unfreiwillig zwischen spitzen Glassplittern und scharfen Bruchkanten. Ein Stolperer im morgendlichen Gerangel reicht aus, um aus dem Schulweg einen Fall für die Notaufnahme zu machen.

Besonders gefährlich wird es, wenn die Scheiben nicht vollständig herausfallen, sondern als instabile Bruchstücke im Rahmen hängen bleiben. Ein Windstoß oder eine unbedachte Berührung durch neugierige Kinderhände genügen, um schwere Glasbrocken rausbrechen  zu lassen. Was als bloße Sachbeschädigung verbucht wird, entwickelt sich so täglich aufs Neue zu einer konkreten Verletzungsgefahr für die Kinder.

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Das Scherbenmeer vor der Grundschule am Weißen See

Das Scherbenmeer vor der Grundschule am Weißen See

© Annamarie Heller

Zerstörungswut als Dauer-Kostenfalle

Was an der Parkstraße wie ein bezirksinternes Ärgernis wirkt, ist Teil eines stadtweiten Millionenproblems. Zerstörungsfreie Haltestellen sind in Berlin längst zur Mangelware geworden. Den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) entstanden allein in den U-Bahnhöfen der Hauptstadt durchschnittlich Jahreskosten von weit mehr als 200.000 Euro für Vandalismusschäden – das entspricht rund 1000 Euro pro Vorfall. Auch die Deutsche Bahn zahlt für die hunderte Reparaturen von Glasscheiben an Berliner S-Bahnhöfen jährlich sechsstellige Beträge.

Dass die Zahlen in den Bilanzen der BVG bei den oberirdischen Bus- und Tramhaltestellen auf den ersten Blick mit rund 18.000 Euro pro Jahr überraschend niedrig ausfallen, ist jedoch reine Buchhaltungsmagie: Der Großteil der Fahrgastunterstände wird von privaten Infrastruktur- und Werbeunternehme werden privat betrieben. Diese privaten Betreiber tragen die enormen Reparaturkosten für die zertrümmerten Scheiben selbst und tauschen sie immer wieder aus.

Plexiglas als Ausweg? Eine Prüfung im Schneckentempo

Lösungsansätze gegen die Zerstörungswut gäbe es eigentlich. Bereits 2022 kündigte die BVG an, an ausgewählten Hotspots den Einsatz von bruchsicherem Plexiglas zu testen. Das Material gilt als deutlich widerstandsfähiger gegen Schläge und Tritte, ist in der Anschaffung allerdings teurer und weist ein anderes Bruchverhalten auf als klassisches Sicherheitsglas.

Doch während in der Berliner Verwaltung seit Jahren über Machbarkeit, Kosten und Materialeigenschaften debattiert wird, bleibt die Realität vor Ort unverändert. An Brennpunkten wie der Parkstraße setzt man weiterhin auf die gewohnten Glasscheiben – und liefert damit immer wieder aufs Neue leichtes Spiel.

An der Haltestelle Parkstraße/Amalienstraße wird das Spiel also bald von vorn beginnen. Wenn das Flatterband abgezogen und das Glas neu eingesetzt wird, schauen die Anwohner und Schulkinder nicht mehr mit Freude hin, sondern mit einer Stoppuhr in der Hand.

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