Sonnenfinsternis

Sonnenfinsternis am Mittwoch: Uhrzeiten für Ihre Stadt – und was mit den Tieren passiert

Sonnenfinsternis am 12. August: Uhrzeiten für Deutschland, Bedeckung bis 90 Prozent und was Forscher über das Verhalten von Tieren wissen.

7 Min
Illustration einer Sonnenfinsternis über der Savanne. Zoo-Studien zeigen, dass Giraffen bei Verdunkelung unruhig werden.

Illustration einer Sonnenfinsternis über der Savanne. Zoo-Studien zeigen, dass Giraffen bei Verdunkelung unruhig werden.

© Illustration: Tobias Roetsch/IMAGO

Galápagos-Riesenschildkröten verbringen ihre Tage überwiegend damit, aus mittlerer Entfernung wie ein Findling auszusehen. Sie fressen, sie dösen, sie bewegen sich in einem Tempo, das man mit bloßem Auge kaum als Bewegung erkennt.

Am 21. August 2017 aber, im Riverbanks Zoo in South Carolina, im Moment der totalen Sonnenfinsternis, fingen sie plötzlich an, sich zu paaren.

Niemand weiß bis heute, warum.

Am kommenden Mittwoch schiebt sich der Mond wieder vor die Sonne, diesmal über Deutschland. Und Millionen Menschen werden dabei nicht nur nach oben schauen, sondern auch aufs Haustier. Macht der jetzt was Komisches?

Die Forschung hat darauf inzwischen eine Antwort – und die zeigt in eine unerwartete Richtung.

Sonnenfinsternis am 12. August: Uhrzeiten und Bedeckung

Erst die Fakten. Total wird die Finsternis in Deutschland nirgends – der Kernschatten zieht über Grönland, Island und Nordspanien.

Hierzulande bleibt es bei einer sehr tiefen partiellen Finsternis. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt die Bedeckung mit rund 85 Prozent in Berlin und bis zu 90 Prozent in Freiburg an. Je weiter südwestlich, desto mehr Sonne verschwindet.

Uhrzeiten der Sonnenfinsternis in Deutschland

  • Hamburg: Beginn 19.13 Uhr, Maximum 20.07 Uhr, Bedeckung ca. 85 Prozent
  • Berlin: Beginn 19.15 Uhr, Maximum 20.08 Uhr, Bedeckung ca. 85 Prozent
  • Dortmund: Beginn 19.17 Uhr, Maximum 20.11 Uhr, Bedeckung ca. 89 Prozent
  • Köln: Beginn 19.18 Uhr, Maximum 20.12 Uhr, Bedeckung ca. 88 bis 90 Prozent
  • Frankfurt am Main: Beginn 19.19 Uhr, Maximum 20.13 Uhr, Bedeckung ca. 88 Prozent
  • München: Beginn 19.23 Uhr, Maximum 20.15 Uhr, Bedeckung ca. 89 Prozent
  • Freiburg: Beginn 19.23 Uhr, Maximum 20.17 Uhr, Bedeckung ca. 90 Prozent

Ein Detail, das die meisten Übersichten unterschlagen: Das rechnerische Ende der Finsternis erlebt kaum jemand. Die Sonne geht vorher unter, im Osten schon während der partiellen Phase. In Görlitz verschwindet sie gegen 20.28 Uhr, im westlichsten Zipfel Nordrhein-Westfalens erst gegen 21.03 Uhr.

Praktisch heißt das: freier Blick nach Westen bis Nordwesten, und zwar wirklich frei. Ein Hügel, ein Feldrand, eine Brücke. Eine Häuserzeile reicht schon, um den ganzen Abend zu ruinieren.

Zoo-Studie 2017: Galoppierende Giraffen, singende Gibbons

Zurück zu den Tieren. Die Untersuchung im Riverbanks Zoo, geleitet von Adam Hartstone-Rose von der North Carolina State University und 2020 im Journal Animals veröffentlicht, war die erste Studie dieser Größenordnung seit 1932. Davor: fast nichts. Ein paar Anekdoten aus dem 19. Jahrhundert, viel Hörensagen.

Sein Team beobachtete 17 Tierarten. Rund drei Viertel zeigten eine Reaktion, und die ließ sich in vier Muster sortieren.

Muster eins, mit Abstand das häufigste: Dämmerung im Schnelldurchlauf. Die Tiere zogen in ihre Nachtquartiere, Vögel verstummten, Primaten machten sich bettfertig. Für sie war schlicht Abend, nur eben zwei Minuten lang und um kurz nach halb drei nachmittags.

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Muster zwei: Nervosität. Männliche Giraffen begannen zu galoppieren. Das klingt harmlos, ist es aber nicht – Giraffen sind empfindliche Tiere, die kaum je rennen. Wenn sie es tun, fliehen sie meist vor einem Raubtier. Flamingos drängten sich um ihre Jungtiere zusammen. Ein Komodowaran flitzte untypisch schnell durch sein Gehege.

Muster drei: keinerlei Reaktion. Ein Teil der Tiere ließ sich vom verschwindenden Tageslicht nicht im Geringsten beeindrucken.

Und dann Muster vier, die Kategorie, die den Forschern das größte Rätsel aufgab: völlig neues Verhalten. Ein Siamang-Paar, das seine Rufe sonst zuverlässig am Morgen austauscht, sang mitten am Nachmittag – und zwar so anders, dass sich der Unterschied zu allen zuvor aufgezeichneten Rufen statistisch nachweisen ließ.

Siamangs rufen sonst am Morgen. Bei der Sonnenfinsternis 2017 sangen sie am Nachmittag (Symbolbild)

Siamangs rufen sonst am Morgen. Bei der Sonnenfinsternis 2017 sangen sie am Nachmittag (Symbolbild)

© IMAGO

Schildkröten-Sex bei Sonnenfinsternis: Warum, weiß bis heute niemand

In dieselbe vierte Kategorie fallen die Riesenschildkröten. Und sie sind der Fall, der bis heute niemanden loslässt.

Galápagos-Riesenschildkröten sind die größten Landschildkröten der Welt, Männchen bringen mehr als 200 Kilogramm auf die Waage und werden weit über hundert Jahre alt. In den Vergleichsbeobachtungen vor und nach der Finsternis taten sie exakt das, was ihr Ruf verspricht: langsam durchs Gehege wandern, fressen, gelegentlich einen Artgenossen beachten.

Dann verschwand die Sonne, und die Tiere begannen mit Paarungsverhalten. Nicht ein Tier, sondern die Gruppe.

Eine Erklärung gibt es bis heute nicht. Diskutiert wird ein Stresseffekt – bei manchen Arten, etwa Bonobos, schlägt Anspannung in Sexualverhalten um. Bewiesen ist das für Riesenschildkröten nicht. Es bleibt eine der merkwürdigsten dokumentierten Reaktionen auf ein astronomisches Ereignis.

Auch 2024, bei der Finsternis über Nordamerika, waren es wieder Schildkröten, die für die extremste Szene sorgten. Eine Gruppe Aldabra-Riesenschildkröten wollte so dringend in ihren Abendstall, dass die Tiere sich auf die Hinterbeine aufrichteten – was Hartstone-Rose nach eigener Aussage bis dahin nicht für möglich gehalten hätte – und derart gegen die Tür drückten, dass sie den Türrahmen verbogen.

Andere Beobachtungen aus den vergangenen Jahren wirken dagegen fast plausibel: Honigbienen stellten ihre Sammelflüge ein, wie sie es nachts tun. Radnetzspinnen bauten ihre Netze ab. Braunpelikane suchten ihre Schlafplätze auf. Paviane erhöhten ihre Fellpflege.

Riesenschildkröten bewegen sich sonst kaum. Im Moment der totalen Sonnenfinsternis 2017 begann die ganze Gruppe mit Paarungsverhalten (Symbolbild)

Riesenschildkröten bewegen sich sonst kaum. Im Moment der totalen Sonnenfinsternis 2017 begann die ganze Gruppe mit Paarungsverhalten (Symbolbild)

© Imago

Nicht die Finsternis stresst die Tiere, sondern das Publikum

2024 wurde es dann interessant. Bei der Finsternis im April 2024 beobachtete Hartstone-Roses Team den Zoo von Fort Worth in Texas – deutlich weniger Besucher als 2017, deutlich verhaltenere Tierreaktionen.

Im Dallas Zoo dagegen lief an diesem Tag ein Großevent mit entsprechendem Andrang. Dort reagierten die Tiere nach seiner Schilderung erheblich stärker. Das berichtete er dem Magazin Scientific American.

Ein Zoo, in dem tausend Menschen gleichzeitig jubeln, kreischen und nach oben zeigen, ist für ein Tier eben das deutlich größere Ereignis als ein bisschen Dämmerlicht. Wir beobachten die Tiere. Die Tiere beobachten uns.

Dazu passt der Gegenversuch aus Kanada. Ein Team des Zoo de Granby in Québec verglich das Verhalten von zwölf Säugetier- und Vogelarten an sechs regulären Tagen mit dem Finsternistag – an dem der Zoo für Besucher geschlossen war.

Das im Fachjournal Zoo Biology veröffentlichte Ergebnis: über weite Strecken erstaunlich wenig. Japanmakaken kletterten höher, Zebras zeigten Stressanzeichen, der Rest blieb weitgehend unbeeindruckt.

Sein Fazit gab Hartstone-Rose dem Portal A-Z Animals, und man kann es sich einrahmen: „Die Tiere, die sich bei einer Finsternis am seltsamsten verhalten, sind mit Abstand die Menschen.“

Giraffen rennen fast nur, wenn sie fliehen. Bei der Sonnenfinsternis 2017 galoppierten sie plötzlich durchs Gehege (Symbolbild)

Giraffen rennen fast nur, wenn sie fliehen. Bei der Sonnenfinsternis 2017 galoppierten sie plötzlich durchs Gehege (Symbolbild)

© IMAGO/Elen Marlen

Ehrfurcht als Nebenwirkung

Wie seltsam wir uns tatsächlich benehmen, hat eine weitere Untersuchung von 2026 vermessen, erschienen im Journal People and Nature.

528 freiwillige Hobbyforscher zwischen 8 und 80 Jahren hatten während der Finsternis 2024 Tierverhalten protokolliert. Wer die Totalität erlebte, berichtete anschließend von stärkeren Ehrfurchtsgefühlen als jene, die nur eine teilweise Verdunkelung sahen.

Und wer glaubte, eine Verhaltensänderung bei Tieren beobachtet zu haben – ob zutreffend oder nicht –, fühlte sich hinterher stärker als Teil der Wissenschaft.

Der Fachdienst IFLScience hat diese Befunde zusammengeführt und zieht daraus einen hübsch selbstironischen Schluss: Vielleicht erklärt unsere eigene Aufregung einen guten Teil dessen, was wir bei Tieren zu sehen glauben.

Augenschutz: Sonnenbrille reicht nicht

Bleibt der wichtigste Hinweis. Auch bei 90 Prozent Bedeckung bleibt ein extrem heller Rest der Sonnenoberfläche sichtbar, und der reicht, um die Netzhaut dauerhaft zu schädigen – schmerzfrei, weil die Netzhaut keine Schmerzrezeptoren hat.

Sonnenbrillen, Rettungsdecken, berußtes Glas und belichteter Film sind ungeeignet. Nötig ist eine zertifizierte Finsternisbrille mit einer optischen Dichte von mindestens 5. Am sichersten bleibt die indirekte Beobachtung über eine Lochkamera, notfalls über ein Nudelsieb, das die Sonnensichel dutzendfach auf den Gehweg projiziert.

Wer danach draußen bleibt, wird belohnt: In derselben Nacht erreichen die Perseiden ihr Maximum. Erst die Sichel im Westen, ein paar Stunden später die Sternschnuppen.

Und falls die Katze sich an diesem Abend eigenartig verhält – schauen Sie vorher kurz auf den Balkon nebenan. Da stehen womöglich gerade zwanzig Menschen in Pappbrillen und starren geschlossen in dieselbe Richtung.

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