Die Deutschen blicken mit wachsender Sorge auf ihre finanzielle Situation und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Das zeigt die neue Studie „Die Ängste der Deutschen 2026“ der R+V Versicherung. Die R+V befragt hierfür seit 1992 jährlich rund 2.400 Menschen ab 14 Jahren zu ihren größten Sorgen. Für die aktuelle Untersuchung wurden die Befragungen zwischen dem 11. Mai und dem 29. Juli 2026 durchgeführt.
Auffällig ist: Ängste rund um das Thema Geld dominieren die Ergebnisse stark – sie sind in vier von fünf der größten Ängste vertreten. Als zweites großes Angst-Thema gilt Politik. Mehr als die Hälfte der Deutschen gab der aktuellen Regierung und Opposition in Deutschland die Schulnoten 4, 5 und 6 – also ausreichend, mangelhaft und ungenügend. Sie bekam die schlechteste Durchschnittsnote seit 2018. Zudem wurde noch nie ein Bundeskanzler so schlecht bewertet wie Friedrich Merz.
Lebenshaltungskosten bleiben größte Sorge
An erster Stelle steht erneut die Angst, dass das Geld zum Leben nicht reicht. 59 Prozent der Befragten nannten steigende Lebenshaltungskosten als große Sorge. 2025 waren es noch 52 Prozent. Damit steht die Angst zum 16. Mal an der Spitze der Langzeitstudie – so oft wie keine andere.
Besonders groß ist die Sorge in Westdeutschland: Dort fürchten 60 Prozent weiter steigende Lebenshaltungskosten, im Osten sind es 53 Prozent. Die Studienleitung verweist auf die weiterhin hohe Belastung durch Energie, Wohnen und Lebensmittel.
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Auf Platz zwei folgt eine weitere finanzielle Sorge: 53 Prozent haben Angst vor Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen. Im vergangenen Jahr waren es 49 Prozent, damals lag das Thema noch auf Platz drei. Hintergrund sind laut R+V unter anderem die hohen Ausgaben für Sozialversicherungen, Verteidigung und Infrastruktur.
Auch die wirtschaftlichen Aussichten bereiten den Menschen deutlich mehr Sorgen als noch vor einem Jahr. Besonders stark ist der Anstieg bei der Angst vor einer schlechteren Wirtschaftslage: Sie kletterte von 41 auf 51 Prozent und damit um zehn Prozentpunkte – stärker als jede andere abgefragte Sorge. 2025 lag diese Angst noch auf Platz zehn, nun steht sie auf Platz vier.
Auch die Wohnkosten bleiben ein zentraler Sorgenfaktor. Jeder zweite Befragte fürchtet, dass Wohnraum unbezahlbar wird. Damit liegt die Angst auf Platz fünf der Studie.
Migrationsthemen unter den größten Ängsten
Unter den größten Ängsten der Deutschen finden sich zudem mehrere Migrationsthemen. 52 Prozent, und damit drei Prozent mehr als im Vorjahr, befürchten, dass die Zahl der Geflüchteten den Staat überfordert. Das entspricht Platz drei. Auffällig ist, dass der Wert im Osten bei 55 Prozent und im Westen bei 51 Prozent liegt. Im Westen ist sie allerdings gegenüber dem Vorjahr von 47 auf 51 Prozent gestiegen, im Osten ist sie leicht zurückgegangen. Auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es: Männer haben mehr Angst vor der Überforderung des Staats durch Geflüchtete als Frauen.
47 Prozent haben außerdem Angst vor Spannungen Zuzug aus dem Ausland. Diese Sorge bleibt auf Platz sieben und liegt drei Prozentpunkte über dem Wert von 2025. Hier fürchten sich die Menschen im Osten um drei Prozent mehr als die im Westen.
Zwei Frauen mit Kopftuch und langer Bekleidung. (Archivbild)
© Marijan Murat
Vertrauen in die Politik sinkt
Besonders auffällig ist der Blick auf die politische Stimmung. 48 Prozent der Deutschen fürchten, dass die Politik mit ihren Aufgaben überfordert ist. Diese Angst fällt dieses Jahr auf Platz sechs. Im vergangenen Jahr waren es noch sechs Prozent weniger. Der Abstand zwischen Ost (53 Prozent) und West (46 Prozent) zeigt die Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern.
Auch die Bewertung der politischen Arbeit fällt schlechter aus. Regierung und Opposition erhalten zusammen durchschnittlich die Schulnote 4,1. Schlechter war die Bewertung zuletzt 2018, während der damaligen Bundesregierung unter Angela Merkel. 2025 lag der Wert noch bei 3,8 – die bisherige Bestnote 3,4 bekam die Regierung 2020 unter CDU/CSU und SPD.
Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Isabelle Borucki, die die Studie als Beraterin begleitet, führt den Vertrauensverlust unter anderem auf die Diskrepanz zwischen politischen Ankündigungen und den wahrgenommenen Ergebnissen zurück. Nach dem Ende der Ampel hätten viele Menschen mit der schwarz-roten Bundesregierung auf mehr Führung und eine schnelle wirtschaftliche Wende gehofft. Diese Erwartungen seien aus ihrer Sicht bislang nicht erfüllt worden.
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Angst vor Islamismus überholt die Angst vor Rechtsextremismus
Bei politischen und gesellschaftlichen Konflikten bleibt das Bild gemischt. Die Angst vor politischem Extremismus liegt mit 41 Prozent etwa auf dem Vorjahresniveau, auf Platz 9. Im Gegensatz zum Vorjahr ist die Angst vor islamistischem Extremismus mittlerweile mit 45 Prozent leicht über der Angst vor rechtem Extremismus, der auf 43 Prozent kommt. Die Sorge vor linkem Extremismus liegt dagegen bei gerade einmal sieben Prozent.
Auch internationale politische Entwicklungen lösen bei den Deutschen Sorgen aus – allerdings weniger stark als noch vor einigen Jahren. 45 Prozent der Befragten fürchten, dass die Politik von US-Präsident Donald Trump die Welt gefährlicher macht. Damit liegt die Sorge deutlich unter dem bisherigen Höchstwert von 69 Prozent aus dem Jahr 2018 zu seiner ersten Amtszeit.
Die Angst, dass autoritäre Herrscher weltweit immer mächtiger werden, ist rückläufig. Sie liegt 2026 mit 41 Prozent auf Platz 10. Laut Borucki könnte nach Jahren ständiger geopolitischer Krisenmeldungen ein Gewöhnungseffekt eingetreten sein. Der Blick der Deutschen richte sich derzeit stärker auf die Probleme im eigenen Land.
Im Hinblick auf die Weltpolitik sticht zudem ein großer Unterschied zwischen Männern und Frauen heraus. Sowohl vor einer gefährlicheren Welt durch Trumps Politik als auch davor, dass autoritäre Herrscher immer mächtiger werden, sind weitaus mehr Frauen besorgt – in beiden Punkten acht Prozentpunkt mehr als Männer.
US-Präsident Donald Trump (rechts) und Russland-Präsident Wladimir Putin auf der Joint Base Elmendorf-Richardson, Alaska im August 2025.
© Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa
37 Prozent der Befragten nennen zudem die Sorge vor einer Spaltung der Gesellschaft als große Angst – damit liegt sie auf Platz zwölf der Studie. Besonders häufig sorgen sich die Menschen um eine mögliche Spaltung zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund: 75 Prozent nennen diesen Konflikt. 59 Prozent fürchten eine zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, 54 Prozent sehen die unterschiedlichen Haltungen zu demokratischen Werten als Spaltungsthema.
Klimasorge sinkt trotz Extremwetter
Eine andere Entwicklung fällt überraschend aus: Die Angst vor dem Klimawandel geht zurück. Nur noch 30 Prozent der Befragten nennen ihn als große Sorge. Das entspricht Platz 20.
Auch die Angst vor Naturkatastrophen sinkt deutlich. Sie fällt um neun Prozentpunkte auf 27 Prozent und landet auf Platz 21 – der stärkste Rückgang unter allen abgefragten Ängsten. Das geschieht trotz eines Jahres mit Rekordhitze, Niedrigwasser, Ernteausfällen und Waldbränden.
Borucki deutet diesen Rückgang als mögliche Verschiebung von Angst hin zu Resignation. Die Studie selbst liefert allerdings keine direkte Messung dafür, warum die Klimasorge gesunken ist. Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie betont die Politikwissenschaftlerin allerdings, dass man weniger Angst nicht mit Gleichgültigkeit gleichsetzen solle.
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Nicht alles wird angstvoller
Trotz der deutlichen Ausschläge bei einzelnen Themen ist die Stimmung insgesamt nicht auf einem historischen Höchststand. Der Durchschnitt aller abgefragten Ängste liegt 2026 bei 38 Prozent. Damit liegt das Angstniveau nur zwei Prozentpunkte über dem bisherigen Tiefstwert von 2021 und deutlich unter dem Höchstwert von 52 Prozent aus den Jahren 2003 und 2016.
Auch einige andere Sorgen gehen zurück. 20 Prozent der Erwerbstätigen fürchten, arbeitslos zu werden – so wenig wie seit Beginn der Erhebung 1992 nicht. Die Angst vor eigener Arbeitslosigkeit liegt damit auf dem vorletzten Platz. Auf dem letzten und 25. Platz liegt die Angst vor Straftaten mit 19 Prozent.
Das zentrale Ergebnis der Studie ist damit weniger eine allgemeine Zunahme der Angst als eine Verschiebung der Sorgen: Geld, Wirtschaft und die Leistungsfähigkeit des Staates rücken stärker in den Mittelpunkt. Gleichzeitig verlieren Themen wie Klimawandel, Naturkatastrophen oder einem möglichen Krieg mit deutscher Beteiligung an Bedeutung. Die „German Angst“ ist laut dem Gesamtwert also nicht zurück – aber die finanziellen Sorgen werden für viele Menschen konkreter.
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