Nahverkehr Berlin

Aus für den Großstadtdschungel: BVG mustert Wimmelwürmer aus

Noch prägt der Urban Jungle Nahverkehrs-Sitzbezüge und Souvenirs – aber nicht mehr lange. Trotzdem tobt noch ein Urheberrechtsstreit zu dem wirren Design.

5 Min
Sind das Würmer? Oder Flecken? Eines ist klar: Im Textilmuster Urban Jungle gehen Kritzeleien unter. Es entmutigt Schmierer – doch es nervt Jahr für Jahr viele Millionen Fahrgäste der BVG. 

Sind das Würmer? Oder Flecken? Eines ist klar: Im Textilmuster Urban Jungle gehen Kritzeleien unter. Es entmutigt Schmierer – doch es nervt Jahr für Jahr viele Millionen Fahrgäste der BVG. 

© Berliner Zeitung/Peter Neumann

Urban Jungle – das lässt sich mit Großstadtdschungel übersetzen. Das Fleckengewirr auf hellgrauem Untergrund mutet chaotisch an, und das soll auch so sein. Denn in dem Durcheinander gehen Schmierereien und Kritzeleien schnell unter. Das Muster lasse die bei Vandalen „so beliebten und schwer entfernbaren ‚Malereien‘ mit Filzstiften weniger auffällig erscheinen“, erklärte der Designer Herbert Lindinger in einem 1990 veröffentlichten Buch. Folge sei, dass es die „Lust am Bemalen von Anfang an bremst“.

Es ist eine Strategie, die böse Zungen als „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“ bezeichnen. Doch das Kalkül ging auf, Sitze werden kaum noch beschmiert. Allerdings lässt sich auch Urban Jungle als optische Zumutung bezeichnen – die zudem viele Millionen Fahrgäste anders als Graffiti dauerhaft betrifft.

Künftig bestimmt das Nachtlinien-Design das Bild

Bei der BVG ist das Würmermuster nicht nur auf Sitzbezügen zu finden, sondern auch auf Souvenirartikeln. Ob Badeshorts oder Krawatten, Babylätzchen oder Brustbeutel: Seit Jahren prägt es das Erscheinungsbild der BVG. Sigrid Nikutta, von 2010 bis 2019 Vorstandsvorsitzende des größten kommunalen Nahverkehrsbetriebs in Deutschland, tauchte sogar bei offiziellen Terminen mit einem Urban-Jungle-Halstuch auf.

Damit nicht genug: Unter Nikuttas Ägide wurden ganze Räume damit gestaltet. Wer die BVG-Hauptverwaltung in der Holzmarktstraße in Mitte besucht, muss in einem stark überdekorierten Urban-Jungle-Ambiente darauf warten, abgeholt zu werden. In der zwölften Etage gibt es einen Sitzungsraum, in dem das Muster ebenfalls ins Auge springt. Dagegen ist die neue Chefin Eva Kreienkamp kein Fan von Urban Jungle. In ihrem Dienstzimmer mit Blick auf die Spree ist davon kein Quadratzentimeter zu finden.

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Auch in den Prototypen der neuen Berliner Doppeldecker-Busse regiert der Großstadtdschungel – noch.  

Auch in den Prototypen der neuen Berliner Doppeldecker-Busse regiert der Großstadtdschungel – noch.  

© Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Zumindest offiziell heißt es, dass die Entscheidung, Urban Jungle auszumustern, nicht auf Kreienkamp zurückgeht. „Marketingexperten wissen, dass sich Design in den meisten Fällen nach einigen Jahren überlebt“, erklärt BVG-Sprecherin Nelken. „Wir werden aber keine Merchandising-Artikel wegwerfen. Was noch da ist, wird verkauft, bis nichts mehr da ist. Wir werden auch keine Polster herausreißen.“ Doch wenn ohnehin Sitzbezüge getauscht werden müssen, ersetze man Urban Jungle durch das „Nachtlinien-Design“. Bedeutet: Auf einem schwarz und grau gemusterten Untergrund bilden gepunktete Linien sowie Punkte in Rot, Gelb und Blau ein relativ dezentes Muster. Es ist schon seit Längerem bei der BVG zu sehen – etwa in den U-Bahnen der Baureihe H, die auf der U5 zwischen Hönow und Hauptbahnhof unterwegs sind.

In zahlreichen BVG-Fahrzeugen sind die Sitzbezüge im Nachtlinien-Design gestaltet. Es wird auch die neue U-Bahn-Generation prägen, wie das 1:1-Modell der neuen U-Bahn-Baureihe JK im Technikmuseum zeigt.

In zahlreichen BVG-Fahrzeugen sind die Sitzbezüge im Nachtlinien-Design gestaltet. Es wird auch die neue U-Bahn-Generation prägen, wie das 1:1-Modell der neuen U-Bahn-Baureihe JK im Technikmuseum zeigt.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Designer Herbert Lindinger, der aus Österreich stammt, ist in der Nahverkehrsszene kein Unbekannter. Er hat Straßenbahnen für Hannover, Mannheim, Frankfurt am Main und Stuttgart entworfen. Das Designbüro Lindinger & Partner gestaltete auch die Stirnfronten und -fenster der S-Bahn-Baureihe 480, deren erste Prototypen 1986 in West-Berlin in Betrieb gingen. Damals sorgte es für heftige Diskussionen, weil die Züge vornehmlich hellblau lackiert werden sollten. Nach Protesten vieler Berliner, die mit der Neugestaltung fremdelten, kehrte man zum gewohnten Weinrot/Ockergelb zurück. Das Sitzbezugsmuster Urban Jungle, das in dieser Baureihe der damals von der BVG betriebenen S-Bahn erstmals auftauchte, blieb allerdings erhalten.

Ehefrau soll als Zeugin aussagen

Die Verträge mit Herbert Lindinger wurden damals von der Waggon Union geschlossen, die gemeinsam mit der AEG und Siemens die S-Bahn-Baureihe 480 produzierte. „Diese Vereinbarungen gelten nicht für die U-Bahn und schon gar nicht für Merchandising-Artikel“, sagt Rechtsanwalt Christian Donle von der Kanzlei Preu Bohlig & Partner, der Lindinger vor dem Landgericht Hamburg vertritt. Die BVG habe das Urheberrecht des Designers verletzt, so der Jurist. Sie habe die Nutzung des Musters zu unterlassen – oder sie müsse mit Lindinger eine Lizenzvereinbarung abschließen, die eine „übliche Vergütung“ vorsieht. Um den Schadenersatz beziffern zu können, habe die BVG zudem zu erklären, wie lange und in welchem Umfang sie das Muster verwendet hat.

„Die BVG hat eine einvernehmliche Lösung abgelehnt“, bedauert Donle. „Stattdessen verlangte sie von uns, zu beweisen, dass das Muster von Herrn Lindinger stammt.“ Es ist eine Forderung, die den Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz verwundert. Jeder, den es interessiert, könne Lindingers Erklärung von 1990 nachlesen – in einem Buch über die S-Bahn-Baureihe 480, zu dem der Designer als Mitautor beigetragen hat. In seinem Kapitel gehe er auf die Sitzbezüge ein, Illustrationen zeigten Urban Jungle.

Wenn das Landgericht Hamburg über die Klage des Designers verhandelt, werde dessen Ehefrau als Zeugin aussagen, so der Anwalt weiter. Sie habe es damals koloriert. Auch ein damaliger Assistent Lindingers, der heute Professor in Leipzig ist, steht als Zeuge zur Verfügung. Nach jetzigem Stand soll die Gerichtsverhandlung am 12. August stattfinden.

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