Schön blöd, aber mit Harald Schmidt: "Der Prinz von Dänemark", ein Hamlet-Musical in Stuttgart

Sonderkomisch

Dirk Pilz
5 Min

Natürlich sind wir alle nur wegen Harald Schmidt da, insofern lassen sich die Erwartungen recht prompt erfüllen. Das Hamlet-Musical "Der Prinz von Dänemark" am Stuttgarter Staatstheater ist denn auch ein herrlich alberner Spaß, der vor allem daraus entsteht, dass Schmidt dabei ist, auch wenn er keineswegs der einzige Knaller des Abends ist.Harald Schmidt ist seit dieser Saison festes Ensemble-Mitglied am Staatstheater Stuttgart. Er bekommt den tariflich geregelten Gehaltssatz, muss und will jedoch keine Repertoirepflichten übernehmen. Denn Schmidts Seitensprungliebe ist zwar das Theater und das Stuttgarter in Sonderheit, weil er hier einst als Schauspielschüler anfing, seine geistige Heimat aber bleibt das Fernsehen. Schmidt ist in Stuttgart also für Sondereinsätze und überregionale Aufmerksamkeit zuständig. Zuletzt hat er den selbstredend erfolgreichen Liederabend "Elvis lebt! Und Schmidt kann es beweisen" herausgebracht, seine sehr eigene Abrechnung mit der RAF. Jetzt ist er der Star dieses Hamlet-Musicals, das sich hübsch ins Stuttgarter Spielzeitmotto "Generation Hamlet" fügt."Hamlet" ist dann doch eine andere Hausnummer als Elvis und die RAF, nämlich heiliges Theatergebiet. Das weiß dieser Abend "von und mit Harald Schmidt" auch in jeder Szene, schließlich bezieht er vor allem aus der Fallhöhe zwischen Tragödie und Musical seinen Witz, weshalb es natürlich kein echtes Musical zu erleben gibt, sondern eines, das verdammt komisch nur so tut.Gleich am Anfang zum Beispiel: Nebel wallt, die Turmglocke schlägt und aus der Pappschlossmauer tritt der Geist hervor. Das ist Harald Schmidts erster Auftritt, als Geist im Schlabbergewand mit weißer Krone, Fusselhaaren und Dreitagebart. Er tippelt, schürzt die Lippen und summt "Tränen lügen nicht." Ein Brüller: Schmidt als Hamlets toter Papa, der aus dem Jenseits ins Heute grüßt - der Fernsehclown, der dem Theater zuwinkt. Das ist die Selbstironiebasis, von der die besten Pointen dieser Inszenierung abheben. Am Ende hält Schmidt auch seinen Kopf hin für den Totenschädel des alten Narren, und Hamlet höhnt: "Wo sind nun deine Schwänke, deine Sprünge, deine Lieder?"; zuvor muss er sich als Polonius von Hamlet sagen lassen, dass heutzutage manche "im Oktober ihrer Fernsehkarriere Rollen übernehmen, die sie richtigen Schauspielern überlassen sollten". Harald Schmidt kann dann wunderbar bedröppelt ins Publikum glotzen.Als Polonius hat er ohnehin seine drolligsten Momente. Wie er da in goldenen Strümpfen, lila Schnabelschuhen und unter der tollen Topftolle steckt, wie er das 50er-Jahre-Theater parodiert, mit dem Zeigefinger wedelt, Marcel Reich-Ranicki nachäfft ("Sag mal, bin ich Elke Heidenreich?") und vorn auf dem schmalen Rampensteg aus der Rolle steigt, um mal eben Stellung zur Finanzkrise zu beziehen: "Nur einer nahm das Geld nicht an, unser Josef Ackermann." Rausgehen, reinkommen, nächster Gag, so geht das hier: "Um Zeit zu überbrücken, schickt der Regisseur mich raus. Meine Udo-Jürgens-Nummer zieht auch in einem anspruchsvollen Haus."Der Regisseur ist Christian Brey, hauptberuflich Schauspieler in Stuttgart und selbst ein begnadeter Komiker. Breys Verdienst ist es, sich vor keiner Albernheit zu fürchten. Er peitscht die Nummern gnadenlos konsequent durch. Konfetti, Feuerwerk, Showtreppe, es kommt in 90 Shakespeare-Kurzminuten alles vor. Und wann immer es geht, wird gesungen. Hamlet, ein spindeldürrer Pseudointellektueller im schwarzen Ornat mit Hippiefrisur (Benjamin Grüter), trällert den Sein-oder-Nichtsein-Monolog auf die Melodie "With or without you" von U2, Ophelia im kurzen Blauen mit langen Blondhaaren (Lilly Marie Tschörtner) stöckelt mit Madonnas "Like a virgin" auf die Bühne und Hamlets Mutter Gertrud im gelben Samtrauschekleid (Marietta Meguid) hat Janis Joplins "Take another piece of my heart" drauf. Singen, Schulterblicke werfen, Augenaufschläge und Pop-Posen können sie alle wunderbar, Harald Schmidt auch, nur dass es bei ihm halt sonderkomisch wirkt. "I did it my way" schluchzt sein Polonius, eh' er stirbt.In einem der ungezählten Interviews vor der Premiere hat Schmidt gesagt, "wir bringen den "Hamlet" so, dass ihn alle verstehen". Was es hier zu verstehen gegeben werden soll, spielt freilich keine Rolle. Hauptsache, man begreift die Anspielungen, sonst nämlich ist man zwischen den dauernden Lichtwechseln, Trippelauftritten und Tanznummerchen ziemlich verloren. Der böse Claudius (Martin Leutgeb) walzt als Michael Jackson ("I'm bad") über die Bretter, Ophelia verabschiedet sich als Tina Turner und wird im Märchenglassarg wieder hereingeschleppt: "She ist the one" singt Robbie-Hamlet Williams, "The great pretender" legt Elvis-Claudius Presley als Sterbesong hin. Und am Bühnenhimmel dreht sich der Glitzertotenkopf als Discokugel. Ja, es ist alles auch ein bisschen wie auf dem Abi-Ball, eben schön blöd und richtig gut erst mit einem Bier in der Hand.Diese Inszenierung ist ein laut klapperndes Augenzwinkern: ein "Hamlet" wie ein Joint für den aufgeklärten, coolen Kulturbürger, der das gute alte Deklamiertheater noch kennt und es sich gern gefallen lässt, dass seine Shakespeare- und Theaterliebe auf die Schippe genommen wird. Es ist letztlich eine Hoch- und Popkultur-Insiderveranstaltung. "Kronenzeitung" heißt das mit Seitenwink-Zitaten versehene Programmheft samt "Theater morgen"-Anzeige und "Checkliste für den schnellen Shakespearegenuss".Es gibt übrigens auch eine echte Entdeckung zu vermelden: die Live-Musik von der Band Fort'n'brass, benannt nach dem Norweger-König Fortinbras, der freilich gestrichen ist. Die Band ist der Hammer, superlässig, mit herrlich subtilen Ironie-Zwischentönen. Eigentlich ist es diesem Quartett zu verdanken, dass der Stuttgarter "Hamlet" vom Blödel-Nudelholz nicht völlig platt gewalzt wird. Zum Konfetti-Finale rocken sie Katja Epstein: "Wunder gibt es immer wieder". So ist es.------------------------------"Wir bringen den Hamlet so, dass ihn alle verstehen." Harald Schmidt------------------------------Foto: (3) Mit großer Wandlungsfähigkeit stets er selbst - Harald Schmidt in einer Auswahl seiner Rollen: als Narrenschädel, Polonius und Hamlets toter Vater (v. l.).

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