Kolumne

Schön kalt, schön leer: Der Winter ist die beste Zeit zum Radfahren in Berlin

Endlich sind die Radwege frei, denn jetzt fahren nur noch die Profis: Warum das Radfahren in der Stadt von November bis Februar am schönsten ist.

3 Min
So leer ist es selten: Radfahren im Berliner Winter.

So leer ist es selten: Radfahren im Berliner Winter.

© Imago

Am Dienstagmorgen schaute mich der Kollege entgeistert an: „Bist du heute auch mit dem Rad zur Arbeit gekommen? Bei diesem Wetter?“ Ich verstand nicht ganz, was er meinte. Natürlich war ich mit dem Rad gefahren, so wie jeden Morgen, wenn nicht gerade Blitzeis oder sintflutartige Regenfälle über die Stadt hereinbrechen.

Dieses Wetter, das war zu Wochenbeginn zugegeben recht frostig, mit Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt, Höchstwerten zwischen 0 und 4 Grad. Es blieb trocken, der Wind blies nur mäßig. Perfektes Wetter für meine zehn Kilometer durch die Stadt.

Mein Gegenüber konnte es nicht fassen. Es sei so kalt gewesen, dass er überlegt habe, ob er überhaupt das Haus verlassen könne. Er sei dann U-Bahn gefahren, auf dem Stück Fußweg bis zur Redaktion habe er sich in einen Hauseingang stellen müssen, um sich aufzuwärmen. Es klang, als habe er einen Marsch zur Wostok-Station in der Antarktis hinter sich.

Es muss das jugendliche Alter des Kollegen sein, in meinen Zwanzigern habe ich auch öfter gefroren. Ich bin damals auch noch viel Öffentliche gefahren, was ich mir während Corona fast komplett abgewöhnte. Dicht gedrängt in der U2 mit hustenden, niesenden Keimschleudern, das brauche ich in der Erkältungssaison nicht. 

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Und überhaupt, die U-Bahn: Gleissperrung am Alexanderplatz, Pendelverkehr, auch bei der S-Bahn Verspätungen, Bauarbeiten – den Stress muss man sich nun echt nicht antun. Neulich radelte ich an der voll besetzten Bushaltestelle am Nikolaiviertel vorbei, der dort sehnlich erwartete 248er rauschte einfach vorüber, ohne die völlig verdatterten Fahrgäste mitzunehmen. Sicher, eine Ausnahme, aber auch aus meiner Busfahrzeit habe ich solche und ähnliche Freuden noch in Erinnerung. Ehrlich gesagt ist der Berliner Nahverkehr derzeit nicht mal die 29 Euro wert, die das „Billig-Ticket“ kostet.

Pendelverkehr: Die U2 ist gerade mal wieder ein Quell der Freude.

Pendelverkehr: Die U2 ist gerade mal wieder ein Quell der Freude.

© Imago/Dirk Sattler

Mit dem Rad ist man ohnehin schneller, so man nicht gerade direkt an der S- oder U-Bahn wohnt. Der eisige Wind hält frisch und ist mir allemal lieber als jene Temperaturen, bei denen man schon nach fünf Minuten ins Schwitzen kommt.

Ein weiterer unschätzbarer Vorteil: Ab November sind die Berliner Radwege frei von E-Scooter-Horden, von Bummeltouristen, Schönwetterfahrern, und ja, selbst die gefürchteten Rad-Rambos scheinen seltener unterwegs zu sein. Es geht deutlich gesitteter zu als im Sommer, wo auf- und abseits des Radwegs teils Anarchie herrscht, wo gedrängelt wird und die Regeln immer nur für die anderen gelten.

Die Wintermonate gehören den Profis, den Leuchtwestenträgern, die Respekt haben vor regennassem, rutschigen Laub auf den Straßen, vor schlechten Lichtverhältnissen, vor den Wetterkapriolen. Die ihr Fahrverhalten den Bedingungen anpassen. Die sogar Abstand halten. Sicher gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel, aber die Fahrerei ist jetzt definitiv deutlich entspannter.

Die meisten Berliner verzichten ab einer bestimmten Temperatur auf das Rad. Dabei gibt es nichts besseres für die Immunabwehr, die Kälte- und Wärmereize ersetzen den Saunabesuch, der in diesen Zeiten ohnehin zu viel Energie kostet. Aber nun höre ich auch schon auf, das Winterradeln zu promoten. Denn die leeren Radwege bis Februar, die möchte ich gern behalten.

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