Schön und gut und eine Spur zu brav: das neue "Zeitmagazin Leben"

Es liegt in der Familie

Ralf Mielke
2 Min

Der erste Gedanke ist: Ganz schön dick für eine Beilage. Der zweite: Fühlt sich gut an. Der dritte: Wir kennen uns doch! Natürlich kennen wir uns. Wir hatten so etwas wie eine Beziehung, eine Lesebeziehung. Vor acht Jahren wurde sie beendet. Es hieß Abschied nehmen vom Zeit-Magazin. Das Heft lohnte sich nicht mehr für den Verlag.Jetzt fällt es als "Zeitmagazin Leben" wieder jede Woche aus der Wochenzeitung Die Zeit. Und fühlt sich gut an. Sieht auch gut aus, gar nicht alt. Trotzdem weiß man gleich, mit wem man es zu tun hat. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgänger ist nicht zu leugnen, so wie man den Sohn an der langen Nase oder den großen Ohren des Vaters erkennt. Das ist jetzt nicht böse gemeint.Auf dem ersten Titelbild des neuen Zeitmagazins ist Günter Wallraff, der unermüdliche Kritiker ungerechter Lebensverhältnisse. Aber was heißt schon erstes Titelbild? Es sind ja zwei hintereinander. Auf beiden blickt Wallraff, mal als Wallraff, mal als Callcenteragent Michael G., freundlich und ernst zugleich. Im Heft hat er eine Reportage über die Zustände in Callcentern geschrieben. Man sieht die Titelbilder gern an. Obwohl gar nicht viel darauf zu sehen ist. Sie verzichten auf jenen Firlefanz, den andere Magazine ihren Titelhelden oft zumuten.Überhaupt die Bilder, die Optik: Schnörkellos und bis in die Details harmonisch. Wenn Deutsche-Bank-Chef Ackermann zum Fototermin mit lilafarbener Krawatte erscheint, sind die größer gesetzten Zitate aus dem Interview mit ihm eben auch lilafarben. Nicht jeder ist mit dieser Arbeit der Artdirektoren einverstanden. Harald Martenstein beklagt sich in seiner Kolumne etwa darüber, dass sie ihm so wenig Platz zum Schreiben gelassen haben. Er möchte Artdirektoren am liebsten zu Schlauchbootverleihern umschulen. Das fängt ja gut an.Und geht auch so weiter. Wer wusste schon, dass die Schauspielerin Jessica Schwarz in einem Zeitschriftenladen groß geworden ist und Deutsche-Bank-Ackermann einen ungarischen Gesangslehrer hatte? Das alles liest man gern, vertieft sich, bleibt beim Weiterblättern an Bildzeilen hängen. Es ist schön, es ist gut.Aber an einigen Stellen auch allzu gediegen. Kaum ein Widerhaken, keine Provokation, die den Lesefluss stört. Zu den jungen Wilden gehört das Zeitmagazin Leben jedenfalls nicht. Aber wie auch bei seiner Familiengeschichte?------------------------------Foto : Lange nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt.

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