Schon schön: Das Bundesjugendorchester gibt Mahler und Glanert

O sieh, wie eine Silberbarke

Peter Uehling
3 Min

Der beste Pate eines Young-Euro-Classic-Orchesters war für uns bislang Gerhard Polt; sein Auftritt vor drei Jahren zeigte, wie viel Geist man hineinstecken muss, um diese seltsame Promi-Show mit Anstand zu meistern. Vor dem Auftritt des Bundesjugendorchesters am Montag im Konzerthaus sprach der ZDF-Journalist Theo Koll. Er machte es umgekehrt, blieb sachlich, knapp und versuchte gar nicht erst, den Humoristen oder Metaphysiker zu geben - damit überzeugte er auf Anhieb, auch weil er die Veranstaltung nicht unnötig aufhielt.Was man von den restlichen Präliminarien nicht behaupten konnte. Dass der Deutsche Musikverleger Verband dem Bundesjugendorchester (BJO) seinen Deutschen Musikpreis verleiht, ist nett von ihm, und das Geld dient dem Orchester zur Anschaffung neuer Pauken. Das bizarre Gerede der preisverleihenden Verbandsvorsitzenden aber wurde nur übertroffen von der neuen, noch bizarreren Festivalfanfare des Chinesen Guohui Ye, die lange mit zwei schnarrenden Tönen auskommt, endlich zwei weitere ins Spiel nimmt - um dann, als hätte ihn die Lust verlassen, einfach abzubrechen. Man ahnt die Klemme, in die der Auftrag einen Komponisten bringen kann, der auf sich hält. "Fanfare", igitt, so was Affirmatives, das muss man doch "problematisieren". Kann denn nicht endlich einer mal ein knappes, prägnantes Schnätterätäng komponieren, das man guten Gewissens Fanfare nennen mag?Weinkenner und WandererDetlev Glanert etwa, von dem das BJO "Theatrum Bestiarium" spielte: Der Mann hat einen Hang zum Derben, Griffigen, Effektvollen, der sich da gut machen würde. Im Rahmen eines Orchesterstücks wirkt Glanerts Art der Anverwandlung Mahlerscher bis Rihmscher Ausdrucksgesten markant, aber auch etwas konzeptlos: Wie sein Lehrer Henze empfindet sich Glanert als Mahler-Abkömmling - aber indem sie ihr Vorbild umstandslos beerben wollen und dessen Ausdruckskraft von ihren technischen Bedingungen meinen trennen zu können, landen sie eher in der Strauss-Zone virtuoser Klangorgien. Dabei hebt sich Glanert von der weinkennerhaften Kultiviertheit Henzes angenehm ab: Wenn sich am Ende leise Akkorde des Streichquartetts von den donnernden Resten des patzigen Hauptteils ablösen, rettet er den Kitsch-gefährdeten Moment durch Kürze und die raue tiefe Lage der Streicher.Von Raffinessen solcher Art weiß Mahler im "Lied von der Erde" nichts. Diese Musik liefert sich bis zur Nacktheit aus, und vermutlich ist diese bei Mahler ungewöhnliche Nähe zur subjektiven Lyrik, wie sie dem traditionellen Kunstlied zugrunde liegt, der Grund für die große Beliebtheit des Werks. Und auch ein Orchester liefert sich hier aus. Bestand Glanerts "Theatrum Bestiarium" aus glänzend inszenierten und vom Orchester unter der Leitung Matthias Foremnys fulminant gespielten Tutti-Klängen, so fordert das "Lied von der Erde" die Solisten aufs Äußerste. Und hier hat das BJO wirklich hervorragende und vielversprechende Musiker in seinen Reihen, ob Oboe, Flöte, Horn, Trompete: Man hört hier nicht nur wunderschöne Töne, sondern immer auch nuancenreich gestaltete Linien.Foremny drängte meist nach vorn - ob man die Achtelläufe des "Einsamen im Herbst" nun "ermüdet schleichend" nennen würde, wie Mahler über die Noten schrieb, oder doch eher "nervös auf und ab wandernd", mag individuell verschieden sein. Problematischer ist, dass unter Foremnys ungeduldiger Leitung im "Abschied" die kurzen Motive so im Vordergrund standen, dass ihre Überformung durch weiter gezogene Linien, etwa bei "O sieh, wie eine Silberbarke" nicht recht wirksam wurde. Die für Gerhild Romberger eingesprungene Mezzosopranistin Claudia Mahnke sang unprätenziös, und das war im Ausdruck schön, in der Phrasierung eher undeutlich. Keith Ikaia-Purdy tat, was Tenöre in diesem Stück meistens tun: Er schlug sich wacker.

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