Schon vergessen?

Thomas Klein
3 Min

THOMAS KLEIN über Hollywood, den Irak und die KriegsmüdigkeitKurz währte die Empörung des US-Kinos, nach einem knappen Dutzend kriegs- und regierungskritischer Spielfilme ist das Thema durch. Die Hoffnung, mit dem neuen Präsidenten Obama werde alles anders und gut, verbindet sich mit wirtschaftlichen Überlegungen. Keiner der bisherigen Filme zu Krieg und Terror hat nennenswerte Summen eingespielt, auch in Deutschland blieben die Kinos leer. Was für öffentliche Debatten hätte sorgen können, gibt es jetzt zur Privatsichtung - als DVD-Premiere.Brian De Palmas "Redacted" verhandelt ein Kriegsverbrechen als Montage aus Privataufnahmen, TV-Nachrichten, Doku-Material, Internet- und Überwachungsvideos: US-Soldaten töten im März 2006 in Mahmudiyya eine irakische Familie, vergewaltigen die 14-jährige Tochter und bringen auch sie um. De Palma ändert Details, gibt den Beteiligten neue Namen und erzählt den Fall letztlich als Neuauflage seines Vietnam-Dramas "Die Verdammten des Krieges" (1989). Zwischen Lebensgefahr und Langeweile, Pornos und Rassismus, Sauferei und Drogenkonsum sind die US-Soldaten hier verschreckte Idealisten und brutale Machos. De Palma gelangt nur selten über die Konstruktion hinaus: Die angeblichen Dokumentaraufnahmen sind schlecht gespielt und stereotyp; die Medienkritik entkräftet sich selbst, weil auch Internet-Clips und DV-Aufnahmen in Hollywood-Hochglanz präsentiert werden. Beim Filmfestival Venedig 2007 wurde dieser filmische Aktionismus mit einem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet.Nick Broomfield erzählt in "Battle for Haditha" eine ähnliche Geschichte, doch ausgerechnet dem Skandal-Dokumentaristen gelingt bei seinem ersten Spielfilm die überzeugendere Darstellung. Im November 2005 kommt es in der Stadt Haditha zu einem Blutbad: US-Marines fahren bei einer Patrouille in einen Sprengsatz, ein Amerikaner stirbt, bei Feuergefechten beziehungsweise einer Vergeltungsaktion kommen 24 Iraker ums Leben. Broomfield skizziert den Vorfall aus der Perspektive nicht nur der ausgebrannten, aufgeputschten Marines, er zeigt auch den gefährlichen Alltag der Iraker und die Motivation der Bombenleger. Broomfield nutzt Laien-Darsteller wie den Irak-Veteranen Elliott Ruiz und lässt improvisieren: Vorgeschichte, Massaker, Nachspiel bleiben so trotz eines etwas naiven, abschließenden Friedensappells glaubwürdig. Wo "Redacted" aufgeregt Klischees aneinanderreiht, zeichnet "Battle for Haditha" fast nüchtern eine gefährliche Gemengelage nach.Kimberly Peirce beschäftigt sich in "Stop-Loss" mit der Heimatfront des Krieges. Eine Gruppe von G.I.s kehrt hier aus dem Irak in ihre texanische Kleinstadt zurück: ramponierte Helden, die planmäßig ausmustern wollen. Doch die Militärführung hat andere Pläne, per "Stop-Loss"-Klausel sollen die Soldaten auch gegen ihren Willen zurück zum Einsatz. Peirce gelingen mit hervorragendem Ensemble verstörende Innenansichten eines Landes im Krieg. 81 000 Soldaten wurden schon "Stop-Loss"-Opfer. Dieser Konflikt schwärt weiter, auch wenn Hollywood und das Publikum weggucken.Redacted Kinowelt Home Entertainment, ca. 17 EuroBattle for Haditha Kinowelt Home Entertainment, ca. 17 EuroStop-Loss Paramount Home Video, ca. 19 Euro

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