Schreiben lernen: Seit zehn Jahren bildet das Leipziger Literaturinstitut Schriftsteller aus

Das dichtende Klassenzimmer

Brigitte Preissler
6 Min

Die Jugendstilvilla in Leipzigs "Musikerviertel" liegt in einem Garten mit alten Bäumen, unter denen man im Sommer gut die eine oder andere Lektürestunde verbringen kann. In den hellen Räumen des Hauses herrscht eine Ruhe, wie man sie an der Uni nicht immer findet. Keine schlechten Entstehungsbedingungen für Literatur: Die Villa in der Wächterstraße beherbergt das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL), das zur Universität gehört. In sechs Semestern können sich hier junge Talente zu Schriftstellern ausbilden lassen, wenn sie das Auswahlverfahren überstehen.Denn von 600 Bewerbern jedes Frühjahr werden nur zwanzig zugelassen. Das DLL ist neben dem Hildesheimer Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" die einzige Institution in Deutschland, die eine durchgängige Schriftstellerausbildung anbietet - und zwar auf Diplom. Juli Zeh ist so eine Diplomdichterin: Mit "Adler und Engel" schloss sie im Jahr 2000 ihr Studium ab. Nächstes Jahr wird das Studium in einen dreijährigen Bachelor- mit zweijährigem Master-Aufbaustudiengang umgewandelt.Jetzt feiert das DLL Geburtstag, Anfang April 1995 nahm es seine Arbeit auf, doch die Tradition des Hauses ist älter: Es ist die Nachfolgeeinrichtung des Johannes-R.-Becher-Instituts der DDR, das Alfred Kurella 1955 nach dem Vorbild des Moskauer Maxim-Gorki-Instituts gründete. Hier studierten etwa Ralph Giordano, Kerstin Hensel, Sarah und Rainer Kirsch, Erich Loest oder Kurt Drawert. Die politische Rolle des Becher-Instituts ist umstritten: für viele war es ein "Erziehungsinstrument der SED" (Loest), etliche wurden aus politischen Gründen exmatrikuliert. Andere sehen das Becher-Institut als "Schule der Dissidenten" (Bernd Rump), die Freiraum für offene Gespräche geboten habe.Doch mit solchen Fragen beschäftigt man sich am DLL nur wenig. Zum 50-Jahr-Jubiläum des Vorgängerinstituts im September wird es hier keine Feier geben. Josef Haslinger, neben Hans-Ulrich Treichel einer der beiden Institutsleiter, erklärt: "Wir haben mit dem Becher-Institut nichts zu tun - abgesehen davon, dass es das Vorgängerinstitut war und damit die Voraussetzung, dass es uns gibt. Es besteht keine Personalkontinuität. Das alte Institut wurde geschlossen, das DLL mit neuen Ausschreibungen gegründet. Wir haben keinen Anlass, das Jubiläum eines Instituts zu begehen, das seit 15 Jahren nicht mehr existiert."Der Schriftsteller Haslinger ist auch Professor für Literarische Ästhetik; er betont die Zäsur, die zwischen der Schließung des Becher-Instituts und der Neugründung lag: Der Freistaat Sachsen hatte das Institut zum 31. Dezember 1990 mit der Begründung aufgelöst, das Studienangebot entspräche nicht den Anforderungen einer freiheitlichen Gesellschaft. Nachdem sich Literaten und Publizisten aus aller Welt für das Weiterbestehen eingesetzt hatten, wurde 1995 das DLL eröffnet. Eher als mit der Vorgängerinstitution identifiziert man sich mit Creative-Writing-Schulen, die es in den USA seit Gründung des Iowa Writer's Workshop Ende der dreißiger Jahre gibt. Schriftsteller wie John Irving oder T.C. Boyle wurden an solchen Schulen ausgebildet. Die Vorstellung vom Dichten als Handwerk, die dort selbstverständlich ist, die aber auch im Sozialistischen Realismus mit Ideen vom Arbeiterschriftsteller propagiert wurde, breitete sich besonders seit den 90er Jahren in Europa aus.Wie aber lernt man dieses Handwerk? Die Liste der Gastdozenten enthält Namen wie Burkhard Spinnen, Katja Lange-Müller, Jens Sparschuh, Ursula Krechel und bis zu seinem Tod Ernst Jandl. In rund einem Drittel der Veranstaltungen vermitteln sie den Studenten das theoretische Handwerkszeug, das man braucht, um Textstrukturen handhaben zu können. Doch die meiste Zeit verbringen die Studenten damit, Texte zu schreiben und sich darüber auszutauschen. Juli Zeh empfand das "wie eine lange, niemals endende Schreibwerkstatt: Menschen kommen zusammen, um über das zu sprechen, was sie am liebsten tun." Antje Ravic Strubel, die letztes Semester Gastdozentin war, würde das DLL darum "eher als Werk- denn als Lehrstätte bezeichnen." Bei Gesprächen nach dem Vorbild der Gruppe 47 lernen die Studenten, Meinungen über literarische Texte zu entwickeln und mit Kritik an der eigenen Arbeit umzugehen. Miriam Bosse, die ihr DLL-Diplom 2001 erwarb, berichtet: "Es gab sehr lebendige Diskussionen, manchmal wurden Türen geschlagen oder hinterher Tränen vergossen." Dass die Harmonie trotzdem gewahrt bleibt, liegt offenbar auch an der fürsorglichen Betreuung: "Josef Haslinger hat in meinem ersten Semester immer Kaffee für das fünfköpfige Seminar gekocht", so Bosse.In letzter Zeit hörte man oft, dass sich ein einheitlicher Stil, ja eine "Gattung der Literaturinstituts-Literatur" (Jörg Magenau) unter den Absolventen herausbilde: Eine schnörkellose Sprache, ein nüchterner Ton und eine gewisse Adjektiv-Phobie herrsche vor. Das hört man am DLL nicht gern. Immer wieder beteuern die Dozenten, es würden keine einheitlichen Scheibstandards vermittelt. Haslinger: "Es sind ganz unterschiedliche ästhetische Positionen, die hier versammelt werden. In Seminaren von Michael Lenz, Antje Ravic Strubel oder Terézia Mora werden die Studenten anders angeregt als bei Hans-Ulrich Treichel oder bei mir. Wir achten sehr auf Pluralismus innerhalb des Instituts".Dass man die Existenz eines erkennbaren Stils gern ignorieren würde, ist verständlich. "Schulenbildung" klingt nach Verabsolutierung eines bestimmten Ansatzes, und das hätte am DLL mit seiner offiziell nicht vorhandenen Vorgeschichte einen besonders unschönen Beigeschmack. Doch offenbar nähern sich die Schreibweisen der Studenten auch ohne doktrinäres Regelwerk einander an. Sünje Lewejohann, die seit 2003 am DLL studiert und deren Debütroman "Am Sonntag will Gott zu Atem kommen" im Frühjahr im Dumont Verlag erschien, meint: "Selbstverständlich gibt es gewisse Tendenzen und Strömungen, die sich innerhalb des Institutes wiederholen. Diese Strömungen sind aber auch außerhalb des Instituts zu finden und wohl eher einer Literaturmode unterworfen."Der Einfluss des DLL auf diese Moden ist groß. Schon das Aufnahmeverfahren bedeutet eine Vorauswahl unter jungen Autoren, die Lektoren und Talentscouts viel Arbeit erspart - kein Wunder, dass sie sich gern unter den Studenten umsehen. Da das DLL und der Hildesheimer Studiengang mit der Idee einer durchgängigen Schriftstellerausbildung in Deutschland ein Monopol innehaben, setzen sich andere Schreibweisen schwerer durch, doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis hier zu Lande weitere Schulen gegründet werden. In Europa gibt es derzeit etwa dreißig Creative-Writing-Programme. Das DLL lud bis gestern zu einem Kongress, bei dem parallel zur Leipziger Buchmesse Autoren und Dozenten aus Europa und den USA über Lehr- und Erlernbarkeit des Dichterberufs diskutieren. Um die Vielfalt in der Literatur muss man sich wohl doch keine Sorgen machen.------------------------------Lektoren sehen sich auf der Suche nach Debütanten gern unter den Studenten des Instituts um.------------------------------Foto: Buchstaben aus unterschiedlichen Alphabeten arrangiert hier eine Dekorateurin.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner