Am Mittwoch empfing Wladimir Putin Altkanzler Gerhard Schröder zu seinem 74. Geburtstag bei sich zu Hause. Nach Angaben des Kremls hatte Putin aus den Medien erfahren, dass sich Schröder „geschäftlich in Moskau aufhielt“, und daraufhin „seinen alten Freund“ eingeladen. So spontan kann Freundschaft sein. Die Fotos lieferte der Kreml gleich mit. Zwei ältere Herren, viel Lächeln.
Dass diese Bilder in Deutschland nicht als harmloses Familienalbum durchgehen würden, war absehbar. Schröder steht nicht zum ersten Mal in der Kritik, weil er seinem Freund im Kreml die Treue hält. Die Empörung kam also so pünktlich wie die Torte. Bemerkenswert ist eigentlich nur, wer diesmal alles mitgemacht hat.
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Benimmregeln von Merz
Sogar der amtierende Kanzler hat sich zu Wort gemeldet und Schröder kritisiert. Friedrich Merz sei „zutiefst empört“, ließ Vize-Regierungssprecher Steffen Meyer wissen. „Putin allein“ sei für den Krieg verantwortlich, seine Befehle sorgten täglich für „unermessliches Leid, für zivile Opfer, für Familien, die auseinandergerissen werden, für Tote und Verwundete“.
Dass Schröder mit ihm feiere, empfinde der Kanzler „als geradezu unmoralisch“. Ein amtierender Kanzler, der einem Altkanzler über einen Sprecher Benimmregeln ausrichten lässt, ist schon ein Kuriosum für sich. Ob sich Schröder für diesen Merz-Knigge sonderlich interessiert, ist bisher nicht überliefert.
Das Empörungsorchester stimmt sich ein
Lauter als Merz waren ohnehin andere. Die bekannteste Tastatur-Kriegerin der Republik, FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, stand dabei, wie so oft, an der vordersten Social-Media-Front. „Gerhard Schröder, Deutschlands frechster Rentner. Zu krank für Untersuchungsausschüsse (ganz schlimmer Burnout), aber für gut dotierte Mandate in Russland und Geburtstagsparty zuhause bei Kriegsverbrecher Putin reichts dann doch noch. Eine Schande sondergleichen“, postete sie auf X.
Roderich Kiesewetter, der größte Putin-Mahner und Taurus-Fanatiker der Union, fasste sich kürzer und kommentierte einen Bild-Bericht über den Besuch des Altkanzlers beim Kreml-Chef mit einem einzigen Wort: „Kriegsverbrecher“. Gemeint war wohl Putin und nicht Schröder selbst.
Katrin Göring-Eckardt von den Grünen arbeitete mit dem Dreisatz: „Eine Schande für Deutschland. Ein Verrat an Europa. Ein Bärendienst für Frieden. Aber leider habe ich schon nichts anderes mehr von ihm erwartet.“ Den nicht vorhandenen eigenen Beitrag ihrer Partei zum Frieden erwähnte sie nicht.
Die Talkshow-Fraktion legt nach
Auch Nico Lange meldete sich, der Sicherheitsexperte, der seinen ersten Wohnsitz seit Kriegsbeginn gefühlt in die Talkshow-Studios der Öffentlich-Rechtlichen verlegt hat. „Es ist beschämend, wirklich beschämend für Deutschland, dass der ehemalige Bundeskanzler Schröder da in Moskau diese Show abzieht, während wir gleichzeitig erfahren, dass Russland 33 friedliche Menschen in Kramatorsk ermordet hat und 20 Menschen in Pryluky, darunter fünf Kinder“, schrieb er.
Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, legte noch einen drauf: „Der Kriegsverbrecher und sein fleißigster Helfer. Dazu müsste Boris Pistorius das sagen, was er gestern am Bebelplatz gesagt hat: ‚Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!‘ Aber das wird er nicht tun. Weil die SPD bis heute ihren Altkanzler schützt, obwohl er Deutschland auf atemberaubende Weise verraten hat.“
Ein Sozialdemokrat auf verlorenem Posten
Ganz so ist es nicht. SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil nannte den Besuch in der Süddeutschen Zeitung „völlig inakzeptabel“. Von schützender Hand ist da wenig zu spüren.
Einen Verteidiger hat Schröder in seiner Partei allerdings doch noch. „Zur Wahrheit gehört doch: Schröder ist einer der wenigen in Deutschland, die noch Zugang zu Putin haben“, sagte Ralf Stegner bei t-online. „Als Sozialdemokrat wird er Putin sagen, dass er den Krieg beenden soll. Wenn sein Besuch nur einen Millimeter nützt, um einem Waffenstillstand in der Ukraine näherzukommen, kann ich daran nichts Falsches finden.“
In einem Punkt hat Stegner recht. Natürlich sind die Bilder verstörend. Ein deutscher Altkanzler lacht mit Putin, während in der Ukraine Menschen sterben. Die Bilder zeigen aber auch, dass Schröder noch durch die Tür kommt, an der alle anderen längst nicht mehr klopfen. Er ist womöglich nicht nur einer der wenigen, sondern der letzte Kanal, den Berlin nach Moskau überhaupt noch hat.
Diplomatie für zwanzig Minuten
Daran ist nicht Schröder schuld, sondern die Bundesregierungen nach ihm. Das deutsch-russische Verhältnis liegt seit Jahren am Boden. Höhepunkt der deutschen Diplomatie unter Kanzler Merz war ein zwanzigminütiges Gespräch zwischen Außenminister Johann Wadephul und Sergej Lawrow am Rande der UNO in New York, bei dem beide Seiten ihre bekannten Standpunkte noch einmal zu Protokoll gaben. Mehr nicht.
Einen eigenen deutschen oder europäischen Unterhändler gibt es bis heute nicht. Über die Zukunft Europas verhandeln stattdessen Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und der Immobilieninvestor Steve Witkoff, während die Europäer schmollend außen vor stehen.
Ausgerechnet Putin hatte seinen Freund Schröder als europäischen Emissär für Friedensgespräche ins Spiel gebracht. Die Europäer lehnten prompt ab. Dafür gibt es gute Gründe. Wer mit dem Kreml-Chef Geburtstag feiert, ist kaum neutral und nicht unbedingt die Idealbesetzung für den Posten. Nur hat seitdem niemand eine bessere Idee präsentiert.
Weniger als Wadephul geht nicht
Die Ausweglosigkeit haben wir selbst geschaffen, weil wir neben Waffenlieferungen jahrelang keinen Platz für Diplomatie hatten. Das könnte uns jetzt einholen. Die Bundesregierung täte gut daran, auch Schröders Draht zu nutzen, statt ihn nur zu verfluchen, und einen Weg aus der Kriegs- und Rüstungsspirale zu suchen. Dass die Tastatur-Bellizisten davon nichts hören wollen, versteht sich von selbst.
Im Vergleich kann Schröders Geburtstagsbesuch aber eigentlich nur gewinnen. Bringt er etwas, hat er mehr erreicht als die gesamte deutsche Russlandpolitik der vergangenen Jahre. Bringt er nichts, liegt er mit Wadephul gleichauf.
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