Protestwelle

Schülerproteste in Europa eskalieren: Demonstranten setzen Ministerium in Albanien in Brand

Von Berlin bis Athen protestieren Jugendliche gegen hohe Kosten und Missstände im Bildungssystem. In mehreren Ländern orientieren sich die Demonstranten am französischen Vorbild.

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Brennende Barrikaden in Tirana: Bei Studentenprotesten vor dem albanischen Bildungsministerium kam es am Mittwoch zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei.

Brennende Barrikaden in Tirana: Bei Studentenprotesten vor dem albanischen Bildungsministerium kam es am Mittwoch zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei.

© Olsi Shehu/imago

Die Proteste junger Menschen gegen hohe Bildungskosten und schlechte Ausbildungsbedingungen erfassen immer mehr europäische Länder. Nach wochenlangen Demonstrationen in Frankreich und schweren Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei in Belgien sind die Proteste nun auch in Albanien eskaliert. In der Hauptstadt Tirana setzten Demonstranten am Mittwoch das Bildungsministerium in Brand.

Tausende Menschen versammelten sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters vor dem Ministerium, um gegen Korruption, die Bedingungen an den Hochschulen und die Politik der Regierung von Ministerpräsident Edi Rama zu demonstrieren. Bereits am Dienstag war es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen.

Albanien: Demonstranten werfen Leuchtfackeln in Ministerium

Am Mittwoch eskalierte die Gewalt erneut. Demonstranten warfen Steine und Molotowcocktails, rissen Absperrgitter nieder und errichteten Barrikaden. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Nach Beobachtungen von Journalisten der Nachrichtenagentur AFP kletterten zwei Demonstranten über eine Mauer des Bildungsministeriums und warfen Leuchtfackeln hinein. Kurz darauf drang dichter schwarzer Rauch aus einem Fenster. Die Feuerwehr konnte den Brand rasch löschen.

Auch andere Gebäude wurden angegriffen. Protestierende schlugen die Fensterscheiben einer nahe gelegenen Bankfiliale ein und zündeten darin Unterlagen an. Ein offenbar leerstehendes Gebäude geriet ebenfalls in Brand. Bereits am Dienstag waren Demonstranten in das Rathaus von Tirana eingedrungen und hatten dort Feuer gelegt.

Heftige Auseinandersetzungen in Tirana: Bei Protesten gegen hohe Studienkosten und schlechte Bedingungen an den Universitäten gerieten Demonstranten am Dienstag mit der Polizei aneinander.

Heftige Auseinandersetzungen in Tirana: Bei Protesten gegen hohe Studienkosten und schlechte Bedingungen an den Universitäten gerieten Demonstranten am Dienstag mit der Polizei aneinander.

© Vlasov Sulaj/imago

Nach Angaben der Polizei wurden am Dienstag 16 Menschen festgenommen. Das Gesundheitsministerium meldete sechs Polizisten, acht Demonstranten, drei Journalisten und zwei Passanten, die medizinisch versorgt werden mussten. Die Nachrichtenagentur AP berichtete unter Berufung auf Behörden von 23 Festnahmen und einer niedrigeren Verletztenzahl. Die unterschiedlichen Angaben konnten zunächst nicht abschließend abgeglichen werden.

Die stellvertretende Ministerpräsidentin Albana Kociu verurteilte die Ausschreitungen. Das Recht auf Protest dürfe nicht als Vorwand für Gewalt und Zerstörung missbraucht werden, erklärte sie nach Angaben von Reuters auf Facebook. Sie forderte Studenten und andere Bürger auf, sich von Vandalismus zu distanzieren.

Auch die EU-Vertretung in Tirana äußerte sich nach AFP-Angaben besorgt über die „gewaltsame Eskalation“. Sie rief zur Beruhigung auf und forderte, Hinweisen auf übermäßige Polizeigewalt gegen Demonstranten und Journalisten rasch nachzugehen.

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Die regierungskritischen Proteste in Albanien begannen bereits Ende Mai. Auslöser waren Pläne für ein Luxushotelprojekt in einem Naturschutzgebiet an der Küste. Das Vorhaben steht mit Ivanka Trump, der Tochter von US-Präsident Donald Trump, und ihrem Ehemann Jared Kushner in Verbindung. Kritiker werfen den Verantwortlichen Korruption und mangelnde Transparenz vor.

Inzwischen beteiligen sich zahlreiche Studierende an den Protesten. Sie beklagen hohe Studiengebühren, fehlende finanzielle Unterstützung, schlechte Bedingungen an den Universitäten und mangelnde Berufsperspektiven.

Nach Einschätzung von Reuters sind die jüngsten Ausschreitungen die bislang schwersten seit Beginn der Proteste im Mai. Die Bewegung setzt zunehmend auch die Regierung von Ministerpräsident Rama unter Druck. Albanien ist seit 2014 EU-Beitrittskandidat. Zu Wochenbeginn wurde nach AFP-Angaben ein weiteres Verhandlungskapitel vorläufig abgeschlossen.

Frankreich: Mehr als 160.000 Menschen bei Schülerprotesten

In Frankreich protestieren Jugendliche seit September gegen Lehrermangel, überfüllte Klassen und marode Schulen. Am Dienstag gingen nach Angaben von Reuters rund 161.500 Menschen auf die Straße, darunter 41.500 in Paris. Die Veranstalter sprachen von 480.000 Teilnehmern. Landesweit blieben nach Regierungsangaben 214 Schulen geschlossen.

In Paris kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Unterstützung erhielten die Jugendlichen von Klimaaktivistin Greta Thunberg, die eine protestierende Schule bei Paris besuchte. Bildungsminister Édouard Geffray kündigte 3000 zusätzliche Lehrkräfte für Vertretungsstunden an. Die Demonstranten wollen ihre Proteste dennoch fortsetzen.

Deutschland: Schüler blockieren Französisches Gymnasium in Berlin

Auch Berlin hat die französische Protestbewegung erreicht. Am Montag blockierten rund 150 Schülerinnen und Schüler das Französische Gymnasium in Tiergarten. Sie errichteten Barrikaden aus Europaletten und Müllcontainern und verhinderten zeitweise den Zugang zum Gebäude.

Die Jugendlichen hätten sich Berichten zufolge ausdrücklich mit den Demonstranten in Frankreich solidarisiert. Nach einem Polizeieinsatz zogen rund 120 Schüler zur Französischen Botschaft am Pariser Platz. Gegen einen 15-Jährigen wird wegen des Verdachts der versuchten Körperverletzung ermittelt.

Italien: Schüler besetzen Schulen nach französischem Vorbild

Auch in Italien orientieren sich Jugendliche an den französischen Protesten. Unter dem Motto „Machen wir es wie in Frankreich“ besetzten sie Anfang Oktober mehrere Schulen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa begannen die Aktionen in Turin, unter anderem am Gymnasium Regina Margherita und an der Berufsschule Giulio. Später folgten weitere Schulen in Turin und Rom.

Die Jugendlichen kritisieren den Zustand vieler Schulgebäude und fehlende Investitionen in die Bildung. Italienische Schülerdelegationen reisten zudem nach Paris, um die dortige Protestbewegung zu unterstützen.

Die Polizei setzt am Dienstag Wasserwerfer gegen Demonstranten in Tirana ein. Die Protestierenden forderten unter anderem den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama.

Die Polizei setzt am Dienstag Wasserwerfer gegen Demonstranten in Tirana ein. Die Protestierenden forderten unter anderem den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama.

© Malton Dibra/imago

Belgien: Mehr als 100 Festnahmen bei Schülerprotesten

In der belgischen Stadt Lüttich kam es Anfang Oktober zu schweren Ausschreitungen. Hunderte Jugendliche protestierten gegen steigende Ausbildungskosten, überfüllte Klassen und Kürzungen im Bildungswesen. Nach Angaben von Reuters meldeten örtliche Medien 107 Festnahmen. Geschäfte sollten zeitweise früher schließen, der Hauptbahnhof wurde vorübergehend gesperrt.

Auslöser sind unter anderem geplante höhere Studiengebühren im französischsprachigen Teil Belgiens. Diese sollen für viele Studierende von 835 auf 1194 Euro steigen. Auch belgische Jugendliche ließen sich nach eigenen Angaben von den Protesten in Frankreich inspirieren.

Griechenland: Studenten campieren vor dem Parlament

In Griechenland gingen Schülerinnen und Schüler gegen Klassenzusammenlegungen und schlechte Schulgebäude auf die Straße. In Athen errichteten Studenten am Dienstag trotz starken Regens Zelte auf dem Syntagma-Platz direkt gegenüber dem Parlament.

Nach Angaben der Zeitung Kathimerini protestierten sie gegen hohe Mieten und steigende Lebenshaltungskosten. Sie fordern zusätzliche Studentenwohnheime, höhere Wohnzuschüsse und eine Begrenzung der Mieten.

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