Gewalt

Kugel ins Bein, Schüsse auf Auto, „Männergruppen“ – so geht es auf Berlins Straßen zu

Jeden Tag wird in Berlin zugestochen oder geschossen. Trotz Festnahmen und Ermittlungserfolgen steigen die Zahlen.

4 Min
Tatort-Arbeit in Steglitz: Ende September erlitt dort ein 17-Jähriger lebensgefährliche Schussverletzungen.

Tatort-Arbeit in Steglitz: Ende September erlitt dort ein 17-Jähriger lebensgefährliche Schussverletzungen.

© Axel Billig/Pressefoto Wagner

Dass es auf den Straßen Berlins jeden Tag zu blutigen Auseinandersetzungen mit Messern  kommt, gehört mittlerweile zum Alltag. Inzwischen wird aber auch fast jeden Tag mit Schusswaffen gedroht und geschossen – scharf geschossen. Auch an diese Nachrichten haben sich die meisten gewöhnt. Das ist die Bilanz der vergangenen Tage.

Schuss ins Bein: In der Nacht zu Dienstag wird die Polizei zu einem verletzten Mann nach Neukölln alarmiert. Vor einem Café sitzt gegen 23.40 Uhr ein Mann mit einer blutenden Schusswunde am Bein. Bisherigen Ermittlungen zufolge hatte sich der 40-Jährige zuvor in dem Café aufgehalten, als ein Unbekannter an ihn herantrat und ihm ins Bein schoss. So schildert es der Verletzte. Anschließend sei der Täter mit einem Auto geflüchtet.

Der Verletzte wird nach der Erstversorgung am Ort von Rettungskräften der Feuerwehr in ein Krankenhaus gebracht und dort stationär aufgenommen. Die Hintergründe, warum einfach so „ein Unbekannter“ an den Mann herangetreten sein soll, versucht nun die Ermittlungsgruppe „BAO Ferrum“ des Landeskriminalamtes aufzuhellen.

Polizei im Großeinsatz: Im Berberitzenweg in Baumschulenweg wurden zwei Männer angeschossen. Die Täter gaben die Schüsse von einem vorbeifahrenden Motorroller ab.

Polizei im Großeinsatz: Im Berberitzenweg in Baumschulenweg wurden zwei Männer angeschossen. Die Täter gaben die Schüsse von einem vorbeifahrenden Motorroller ab.

© Olaf Wagner

Schüsse auf fahrendes Auto: Gegen 19.50 Uhr steht am Sonntagabend laut Polizei eine größere „Gruppe Männer“ am Charlottenburger Savignyplatz Ecke Grolmanstraße. Unvermittelt treten einige von ihnen auf die Fahrbahn, wie ein Zeuge später angibt. Einer der Männer zieht eine Pistole und schießt mehrmals auf ein vorbeifahrendes Fahrzeug.

Der Unbekannte, der am Steuer sitzt, gibt Gas und fährt mit dem beschossenen Wagen mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Goethestraße. Die Tätergruppe flüchtet in Richtung Kantstraße. Als die Polizei eintrifft, ist keiner der Beteiligten mehr da. Die Hintergründe des Geschehens sind unklar, die Polizei sucht weitere Zeugen.

Schüsse auf Restaurant: Als der Besitzer eines Restaurants in Moabit am Mittag desselben Tages die Tür zu seinem Lokal aufschließen will, entdeckt er mehrere Einschusslöcher in der Fensterfront. Er alarmiert die Polizei in die Gotzkowskystraße. Während der Tat war das Restaurant geschlossen. Die Hintergründe der Tat sind unklar.

Autodieb mit Schusswaffe: Am Mittwochnachmittag parkt ein 18-Jähriger sein Auto vor einem Juweliergeschäft in der Kottbusser Straße in Neukölln. Er begibt sich in das Geschäft. Als er kurze Zeit später zu seinem Auto zurückkehrt, stellt er fest, dass darin die Mittelkonsole geöffnet worden ist. Nach seinen Angaben befanden sich darin zuvor Bargeld und eine Armbanduhr.

Über die Videoüberwachung des Juweliergeschäfts entdeckt er auf den Aufnahmen einen unbekannten Mann, der sich laut Polizei zuvor „auffällig“ an seinem Fahrzeug aufgehalten hatte. Als der 18-Jährige wenig später in Richtung Mariannenstraße unterwegs ist, erkennt er den Tatverdächtigen wieder und fordert ihn auf, stehen zu bleiben. Daraufhin zieht der Unbekannte eine mutmaßliche Schusswaffe aus seinem Hosenbund. Der 18-Jährige flüchtet zu seinem Auto und alarmiert die Polizei.

Polizei im Einsatz nach einer Schießerei in der Graefestraße in Kreuzberg.

Polizei im Einsatz nach einer Schießerei in der Graefestraße in Kreuzberg.

© dts Nachrichtenagentur/imago

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Schüsse von Motorroller aus: Drei Männer stehen am Montagabend im Berberitzenweg in Baumschulenweg. Gegen 20.30 Uhr fahren zwei Unbekannte auf einem Motorroller an ihnen vorbei. Der Sozius schießt mehrfach auf die drei. Dann fahren die beiden auf dem Roller davon. Ein 20- und ein 35-Jähriger müssen mit Schussverletzungen an den Beinen zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus gebracht werden. Der Dritte, ein 22-Jähriger, ist unverletzt.

Durchbewaffnung der kriminellen Szene

Von Januar bis Mai dieses Jahres erfasste die Berliner Polizei 285 Straftaten, bei denen mit einer Schusswaffe geschossen wurde. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es 255. Dazu kommen 273 Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde (Vorjahr: 267). Insgesamt sind das 558 Fälle gegenüber 522 im Vorjahreszeitraum.

Nach Einschätzung von leitenden LKA-Beamten ist die kriminelle Szene in Berlin „komplett durchbewaffnet“. Das liege auch an der „hohen Verfügbarkeit“ von Waffen. Die Motive, aus denen scharf geschossen wird, sind unterschiedlich. Ein Teil der Taten ist auf Erpressung von zumeist erfolgreichen türkischen Geschäftsleuten zurückzuführen. Bei den Schützen, die die Polizei festnehmen konnte, handelt es sich um Täter, die für ihre Aufträge in der Türkei angeheuert wurden – gewissermaßen als „Crime-as-a-Service“.

In anderen Fällen handelt es sich um persönliche Streitigkeiten, etwa unter arabischstämmigen Clanfamilien. Wegen der vielen Schusswaffenanwendungen gründete die Polizei Ende vergangenen Jahres die „BAO Ferrum“. Das Kürzel steht für „Besondere Aufbauorganisation“. Ferrum ist lateinisch und heißt übersetzt Eisen. Die Ermittlungsgruppe erwirkte bis Mitte Juli 61 Haftbefehle. Bei Razzien beschlagnahmte sie etliche Waffen, darunter vollautomatische Kriegswaffen.

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