Kevin hat schon irgendwann in der Grundschule aufgegeben. Anstatt dem Unterricht zu folgen, bummelte der Junge aus Falkensee lieber im Berliner Bezirk Spandau durch die Geschäfte. Er wollte jeden Tag "etwas Neues, Aufregendes erleben", sagt der 17jährige. Und seine Eltern schrieben ihm Entschuldigungen: "Wenn ich nicht wollte, mußte ich nicht in die Schule." Manchmal wollte er drei Wochen lang nicht Kevin ist damit ein "Schulverweigerer": In Brandenburg sind laut Bildungsministerium etwa 3 000 Schüler des Sekundarbereichs I "schulverweigerungsgefährdet". Das geht aus einer schriftlichen Befragung von 1996 hervor, mit der das Ministerium Fehlstunden und -tage auswertete.Das Familien- und Jugendzentrum des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Falkensee kümmert sich seit anderthalb Jahren um Kinder und Jugendliche wie Kevin. "Schulschwänzerprojekte" wie die vom ASB sind oftmals die letzte Chance für junge Leute, einen regulären Abschluß zu erwerben oder an berufsvorbereitenden Maßnahmen teilzunehmen. Weitere solche alternativen Schulformen gibt es in Fürstenwalde, Müllrose, Friesack, Schwedt und Rüdersdorf. Die "Verweigerer" entscheiden dabei selbst, ob sie teilnehmen wollen. Die Pädagogen Peter Pietruska, Marion Silbernagel und Sabine Ludwig kümmern sich in Falkensee um maximal acht Schüler verschiedener Klassenstufen und halten Kontakt zu Eltern und Betreuern. Sie versuchen in kleinen Gruppen, Lernrückstände abzubauen und soziales Verhalten zu trainieren, damit die Jugendlichen nach wenigen Monaten wieder auf ihre Schulen zurückkehren können. Die meisten Projektteilnehmer leben im ASB-Kinderheim.Die Gründe für Schulverweigerung seien verschieden, aber immer eine Form des Protestes, sagt Sabine Ludwig: "Die Ursachen liegen oftmals in der Familie." Viele Jugendliche erlebten Gewalt oder könnten die Scheidung ihrer Eltern nicht verarbeiten. Manchmal führten Hänseleien oder Leistungsrückstände zu Schulverdrossenheit. Das Klassenzimmer im Falkenseer Jugendhilfezentrum gleicht einem Kinderzimmer. An den Wänden hängen Janosch-Bilder und neben dem Computertisch steht ein Aquarium. Ein Tisch mit acht Stühlen in der einen Ecke, eine gemütlich Sitzecke in der anderen. Hier beginnt morgens um 8.15 Uhr der Unterricht. In der ersten Stunde steht Deutsch auf dem Plan, dann Mathe. Was danach kommt, ist ungewiß. Sicher ist nur der tägliche Schulschluß um 12 Uhr. "Jeder Tag ist anders", sagt Sabine Ludwig. "Wir müssen spüren, wozu die Schüler nach zwei Stunden Unterricht noch fähig sind." Die meisten hätten nicht gelernt, sich zu konzentrieren. Die Anforderungen seien deshalb geringer als auf herkömmlichen Schulen. "Mißerfolge hatten die Jugendlichen genug, jetzt brauchen sie für jede Aufgabe eine Bestätigung", so die Pädagogin. Kevin hat mittlerweile das "Schulprojekt" in Falkensee beendet und damit zumindest seine zehn Pflichtschuljahre absolviert. Einen Abschluß will er nicht machen. Kürzlich hat Kevin ein Praktikum im Seniorenheim begonnen. "Die Arbeit mit alten Menschen macht mir Spaß", sagt er."Kevin muß selbst begreifen, daß er immer älter wird und keine Ausbildung hat", sagt Marion Silbernagel. Das "Schulprojekt" habe seine Grenzen. Die Bereitschaft zum Weiterlernen müsse schon da sein, so die Pädagogin. "Manchmal haben wir Erfolg, manchmal aber auch nicht", sagt sie. Ein gutes Beispiel sei Pieter. Der 13jährige ist gerade wieder in eine herkömmliche Schule gekommen. Wegen seines Übergewichts wurde er gehänselt, traute sich nicht mehr zur Schule. Nach einigen Monaten im ASB-Projekt hat er zwar nicht abgenommen, aber an Selbstvertrauen gewonnen. Jetzt wartet er täglich darauf, daß der Unterricht endlich beginnt.
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