Sechs Billionen Euro, oder auch: 6000 Milliarden Euro. So viel muss Deutschland bis 2045 investieren, um klimaneutral zu werden – jährlich rund 290 Milliarden Euro. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung der staatlichen Förderbank KfW auf Grundlage von Berechnungen des Forschungs- und Beratungsunternehmens Prognos.
Die zusätzlich zum bisherigen Niveau erforderlichen Mehrinvestitionen beziffert sie auf jährlich 65 Milliarden Euro – rund 1,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. KfW-Vorstandschef Stefan Wintels spricht von „anspruchsvollen, aber machbaren Herausforderungen“. Auch der Energieexperte Volker Quaschning hält die zusätzlichen Investitionen für volkswirtschaftlich gut leistbar. „Ich würde sogar einen geringeren Investitionsbedarf erwarten“, sagt der Professor für erneuerbare Energiesysteme an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) auf Anfrage der Berliner Zeitung.
David Stadelmann, Professor für Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung an der Universität Bayreuth, hält dagegen: „Mich überzeugt diese Schlussfolgerung nicht.“ Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beweise weder Finanzierbarkeit noch Rentabilität – „und schon gar nicht einen Wohlfahrtsnutzen“. Doch wie belastbar ist die Billionenrechnung für Klimaschutz – und kann Deutschland die erforderlichen Investitionen angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise tatsächlich stemmen?
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MehrWas hinter den sechs Billionen Euro steckt
Die KfW-Auswertung betrachtet vier Szenarien für den Umbau Deutschlands zur Klimaneutralität. Je nach angenommenem Entwicklungspfad ergeben sich zwischen 2025 und 2045 Investitionen von rund 5,7 bis 6,4 Billionen Euro, gerechnet in Preisen von 2024. Die sechs Billionen sind somit ein gerundeter Durchschnitt – keine auf den Euro genaue Rechnung.
Den größten Posten bildet mit rund 45 Prozent der Verkehr. Hierzu zählt vor allem die Anschaffung von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben. Ein Viertel entfällt auf Energieerzeugung und Netze, weitere 22 Prozent auf Gebäude und acht Prozent auf die Industrie. Erfasst werden jeweils die gesamten Investitionen in klimafreundliche Technologien, etwa der volle Kaufpreis eines Elektroautos oder einer Wärmepumpe.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Deutschland ohne Klimaschutz sechs Billionen Euro sparen würde. Auch Verbrenner, fossile Heizungen und konventionelle Produktionsanlagen müssten angeschafft oder ersetzt werden. Zieht man solche Investitionen in fossile Alternativen ab, bleiben laut KfW jährlich rund 145 Milliarden Euro an Mehrinvestitionen für den klimaneutralen Umbau.
Diese Mehrinvestitionen sind allerdings nicht neu: Schon zwischen 2018 und 2023 wurden laut Auswertung im Schnitt jährlich rund 80 Milliarden Euro mehr in klimafreundliche Technologien investiert, als fossile Alternativen gekostet hätten. Zum künftig erforderlichen Niveau fehlen damit rund 65 Milliarden Euro jährlich. Auf diesen zusätzlichen Anstieg bezieht sich die Einschätzung der KfW, die Aufgabe sei mit rund 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts leistbar. Die KfW beziffert allerdings Investitionen. Ob sie sich rechnen und finanzieren lassen, ist damit noch nicht geklärt.
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„Klimaschutzinvestitionen sind noch kein Wohlstand“
Stadelmann verlangt einen Nachweis, dass der gesamtwirtschaftliche Nutzen sämtliche Kosten übersteigt. Dazu gehörten unter anderem deutlich niedrigere Energiepreise. „Gerade bei schwachem Wachstum wie jetzt muss jede gebundene Milliarde ihren Nutzen rechtfertigen“, fordert der Experte.
Auch neue Exportmärkte hält er nicht für garantiert. Er verweist auf die Solartechnik: China dominiere den Markt, obwohl Deutschland die Technologie stark subventioniert habe. Klimapolitische Vorreiterschaft sichere keine industriellen Wettbewerbsvorteile. Kapital und Fachkräfte, die für Klimaschutz gebunden würden, fehlten für andere Aufgaben wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz. „Zusätzliche Klimaschutzinvestitionen sind noch kein zusätzlicher Wohlstand.“
Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereiches Umwelt und Ressourcen am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen, verweist auf die Konkurrenz um knappe Mittel. Auch staatliches Geld stamme letztlich von Unternehmen und Haushalten. Selbst die zusätzlichen 65 Milliarden Euro könne der Staat allenfalls zu einem geringen Teil aus Steuermitteln tragen. Diese Investitionen stünden dann „nicht mehr für andere Zwecke zur Verfügung, die der Gesellschaft mehr nutzen könnten, etwa frühkindliche Bildung oder Forschung und Entwicklung“.
Quaschning erwartet dagegen, dass sinkende Technologiekosten den Investitionsbedarf verringern könnten. Einsparungen bei Batteriespeichern und Elektromobilität seien in der Vergangenheit unterschätzt worden. Allerdings fehle in der Studie eine nachvollziehbare Aufschlüsselung der angenommenen Kosten einzelner Technologien.
Hinzu kommen laut Quaschning Einsparungen bei fossilen Energieimporten. Die KfW nennt dafür einen bisherigen durchschnittlichen Wert von 81 Milliarden Euro jährlich. Werden Brennstoffimporte ersetzt, können laufende Ausgaben entfallen und Investitionen im Inland Wertschöpfung schaffen.
Solarmodulproduktion in China: Für den Ökonomen Stadelmann belegt die Dominanz chinesischer Hersteller, dass klimapolitische Vorreiterschaft keine Wettbewerbsvorteile garantiert.
© CFOTO/imago
Hohe Energiekosten: Droht Stahl und Chemie ein Exodus?
Für Stahl- und Chemieunternehmen zählt, ob der Umbau auch ihre Energiekosten senkt, damit sie auf dem Weltmarkt bestehen. Die KfW-Szenarien setzen voraus, dass die Industrie strukturell erhalten bleibt, ihre Produktionsweisen aber grundlegend verändert. Ob dieser Umbau unter Wettbewerbsbedingungen gelingt, bezweifeln die Kritiker.
„Eine subventionierte Anlage ist sicher kein wettbewerbsfähiger Standort“, sagt Stadelmann. Entscheidend seien die Vollkosten von Strom und Wasserstoff einschließlich einer verlässlichen Versorgung. „Es ist mehr als unklar, ob klimaneutrale Produktion konkurrenzfähig sein könnte.“
Frondel warnt vor der Gefahr steigender Stromkosten durch den Netzausbau. Der Ausbau erneuerbarer Energien mache sehr teure neue Netze erforderlich. Der Umweltökonom befürchtet deshalb eine Verschärfung der Deindustrialisierung: Ein Exodus von Chemie- und Stahlunternehmen sei möglich. „Die industriellen Strukturen von heute werden sich stark zum Negativen ändern.“
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Auch Quaschning räumt eine Grenze der Berechnungen ein: „Die Studie setzt den Erhalt der Industriestruktur voraus, weist aber nicht nach, dass dieser unter allen Marktbedingungen gelingt.“ Energieintensive Industrie werde in Deutschland im Nachteil bleiben. Andere Länder hätten günstigere fossile Energieträger oder könnten erneuerbare Energie unter besseren natürlichen Bedingungen erzeugen.
Er fordert deshalb Investitionsförderung und Schutz vor Wettbewerbsnachteilen. Staatliche Unterstützung für Schlüsseltechnologien und geeignete Handelsschutzinstrumente müssten Standortnachteile ausgleichen. Für bestimmte Branchen könnte somit auch die spätere Wettbewerbsfähigkeit von politischen Hilfen abhängen.
Preise, Mieten, Steuern: Wer den Umbau bezahlt
Rund zwölf Prozent des Investitionsbedarfs ordnet die KfW der öffentlichen Hand zu. Der Anteil sagt jedoch wenig darüber aus, welche Ausgaben später auf staatliche Haushalte und Bürger zukommen. „Förderkredite und staatliche Garantien beseitigen Kosten nicht, sondern verteilen Finanzierungslasten und Risiken“, betont Stadelmann. Bürger könnten über Produktpreise, Netzentgelte, Mieten und Steuern zahlen. Gefährdet seien vor allem Haushalte mit wenig Einkommen und Vermögen.
Auch Volker Quaschning sieht ein Finanzierungsproblem. Dass der Umbau im volkswirtschaftlichen Durchschnitt leistbar sei, garantiere noch nicht, dass jeder investieren könne. Er fordert sozial gestaffelte Zuschüsse, günstige Kredite und Garantien. Einkommensschwache Haushalte benötigten höhere Förderquoten und Mieter Schutz vor übermäßigen Modernisierungskosten. „Entscheidend ist, dass niemand an fehlendem Eigenkapital scheitert.“
Stahlproduktion in Deutschland: Der Ökonom Manuel Frondel hält einen Exodus von Chemie- und Stahlunternehmen infolge steigender Energiekosten für möglich.
© Rolf Vennenbernd/dpa
Klimaneutralität: Geht der Umbau auch günstiger?
Frondel hält neben der Finanzierung die politischen Vorgaben für reformbedürftig. Er verweist auf die Plan-B-Studie von Frontier Economics im Auftrag der DIHK. Nach seiner Darstellung könnte eine andere Ausrichtung bis 2050 bis zu 910 Milliarden Euro gegenüber der Fortführung des bisherigen Kurses sparen – bei gleicher kumulierter Menge deutscher Treibhausgasemissionen über den betrachteten Zeitraum. Anders als die KfW erfasst die Untersuchung neben Investitionen auch laufende Kosten und Energieimporte – die Einsparsumme lässt sich deshalb nicht einfach von den sechs Billionen Euro abziehen.
Die Einsparungen entstünden insbesondere durch die Aufgabe verbindlicher Ziele bei erneuerbaren Energien und einen geringeren Ausbau. Stadelmann fordert ebenfalls einen anderen Instrumentenmix: CO2-Bepreisung statt zusätzlicher Vorschriften für Technologien, Sanierungstiefen oder nationale Sonderziele.
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Quaschning verweist dagegen auf die Kosten fossiler Versorgung und vermiedene Klimaschäden. „Deswegen würde ich hier nicht über mögliche Mehrbelastungen, sondern vor allen Dingen über mögliche zusätzliche Einsparungen reden.“ Zugleich räumt er ein: „Eine vollständige Wirtschaftlichkeitsrechnung, bei der alle Kosten im Detail erfasst sind, liefert die Studie nicht.“
Beim Klimanutzen widerspricht Stadelmann grundsätzlich: „Deutschland allein hat praktisch keinen Einfluss auf das Weltklima.“ Er verweist auf weltweit steigende Emissionen und plädiert für stärkere Klimaanpassung. Quaschning nennt hingegen die geopolitischen Risiken fossiler Abhängigkeiten. Energieimporte hätten Russlands finanzielle Möglichkeiten zur Kriegsführung gestärkt, sagt er.
Sechs Billionen Euro bis 2045: Für die KfW ist das machbar, ihre Kritiker bezweifeln den wirtschaftlichen Nutzen. Unternehmen und Haushalte müssen ihre Entscheidungen über ein neues Auto oder eine neue Heizung lange vor 2045 treffen. Ob der Umbau leistbar ist, hängt davon ab, ob sie die Rechnung tragen können – ohne ihre wirtschaftliche Existenz aufs Spiel zu setzen.
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