Sechs Stunden täglich harrt ein Aktionskünstler auf einer Leiter aus

Ein echter Steher

Stefan Strauß
2 Min

PRENZLAUER BERG. Mit solchen Reaktionen muss man rechnen, wenn man in der Öffentlichkeit posiert. "Hatdernüschtzutun?", nuschelt ein Mann am U-Bahnhof Eberswalder Straße seine Frau an. Beide schauen zu dem schwarz gekleideten Typen auf der Leiter, der nahezu reglos im Straßenverkehr steht. Autos rasen vorbei, aus der Straßenbahn glotzen ihn Leute an, von oben dröhnt die U-Bahn. Es gibt mit Sicherheit schönere Orte, um seine Freizeit zu verbringen. "Is' bestimmt Kunst", vermutet der Mann. Er hat Recht.Christian Schmidt-Chemnitzer hat von dieser Szene nichts mitbekommen. Kann er auch nicht. Der Mann auf der Leiter hört gar nichts außer Straßenlärm. Man braucht ihn dafür nicht zu bedauern. Er hat sich diesen Ort selbst ausgesucht für seine Performance. Kunst kann manchmal hart sein.Eine ganze Woche lang steht der gebürtige Sachse mitten auf der Kreuzung Schönhauser Allee/Danziger Straße. Jeden Tag sechs Stunden. Er ist der Ruhepol im Großstadtgewimmel. In den sechs Stunden gönnt sich der Aktionskünstler nichts. Kein Essen, kein Trinken, keine Toilette. Kunst ist für ihn Selbstzweck, aber kein Vergnügen. "Ich mache diese Performance auch nur ein einziges Mal", sagt Schmidt-Chemnitzer.Er hat sich auf extreme Aktionskunst spezialisiert. Unangenehme Körperhaltungen, schmerzvolle Verrenkungen und eine Langsamkeit, die Zuschauer wahnsinnig macht, das ist seine Kunst. Einmal kehrte er vier Tage lang den Mariannenplatz (aus Protest gegen Kürzungen im Kulturbereich), mit seiner Eisblock-Nummer (Prinzip: eine Stunde barfuß auf Eisblock stehen, nur mit Windel bekleidet) tourte er um die Welt. In Berlin stand er 1998 drei Tage lang auf Eisblöcken. In Windeln, die Schwarz, Rot und Gold waren. In einer Friedrichshainer Galerie hing er im Pferdegeschirr im Schaufenster. Und warum steht er jetzt stundenlang an dieser Kreuzung? Er entwickele ein eigenes Zeitgefühl, sagt Schmidt-Chemnitzer. Alles um ihn herum bewege sich, aber er bleibe unverändert an einem Ort. Da versucht einer, die Zeit anzuhalten. Mitten in Berlin. Umgeben von Gestank und Lärm. Fast könnte er einem für diesen Feldversuch schon Leid tun.Der Mann auf der Leiter: Bis Sonntag täglich von 12-18 Uhr auf der Kreuzung Schönhauser Allee/Danziger Straße.------------------------------Foto: Der Versuch, die Zeit anzuhalten. Aktionskünstler Christian Schmidt-Chemnitzer auf seiner Leiter an der Schönhauser Allee.

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