Nach sechseinhalb Stunden dann ein kurzer, kräftiger Applaus. Man braucht schon Zeit, um zu begreifen, dass der flirrende Trubel dort oben auf der aufgeräumten Drehbühne zwischen Politik und Künstlertum jetzt schlagartig umschlägt. Dass die Schminke wieder Schminke und die Gesichter echt sind.
Auch Jens Harzer, dessen weiß getünchter Kopf zu diesem Zeitpunkt aussieht wie der einer schlecht vernähten Stoffleiche, kann die Spannung in seinem entgeisterten Gesicht nur langsam lösen. Soweit man bei ihm überhaupt noch von Gesicht sprechen kann, denn da ist nirgends eine aufgezirkelte Gustaf-Gründgens-Schneidigkeit zu sehen, keine überhöhte Augenbraue oder Mundpartie. Auch keine hakenkreuzhafte Verballhornung der markanten Mephisto-Maske. Bei Harzer sieht man nur noch ein bleich verwischtes Etwas.
Theaterkritik
Sechseinhalb Castorf-Stunden im Berliner Ensemble: „Mephisto“ lässt alle Masken fallen
Am Berliner Ensemble verwischen bei Castorf die Grenzen zwischen Klaus Manns Romanfiguren und ihren realen Vorbildern – getragen von einem furchtlosen Jens Harzer.
4 Min
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„Mephisto“ im Berliner Ensemble, Szene mit Jens Harzer und Constanze Becker
© Just Loomis
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