Senatorin empfiehlt Vorrang für Senioren und Kranke

Grippe-Schutz nur noch für Ausgewählte?

Thomas Rogalla
3 Min

Die aufgeregte Diskussion über die Vogelgrippe hat bewirkt, was dringende Appelle von Medizinern in den Vorjahren nicht geschafft haben: immer mehr Menschen wollen sich gegen die normale Virusgrippe (Influenza) impfen lassen. Folge: Der Impfstoff ist, wie berichtet, knapp geworden, was auch mit Produktionsausfällen zusammenhängt. Impfwillige Patienten in Berlin und im übrigen Bundesgebiet werden teils von den Ärzten mangels Serum abgewiesen.Jetzt erreichen die besorgten Berliner widersprüchliche Botschaften. Empfahl Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) noch am Dienstag eine Grippeschutzimpfung für alle, so schränkte sie gestern ihre Aussage auf Anfrage ein. Angesichts der Impfstoffknappheit und der Tatsache, dass die Grippesaison erst beginne, solle der Impfstoff "zunächst für die Risikogruppen in der Bevölkerung verwendet werden", sagte Knake-Werners Sprecherin Roswitha Steinbrenner. Der Präsident des für die Impfstoffzulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts in Langen, Johannes Löwer, hatte bereits am Dienstag in der Berliner Zeitung eine Beschränkung der Grippeschutzimpfung auf Risikopatienten wie Senioren und Kranke verlangt, denn "es gibt nicht genügend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung". Die 22 Millionen Impfdosen, die für diese Grippesaison produziert wurden, reichen nur für etwa ein Viertel der Deutschen. Eine rasche Nachlieferung ist wegen das langwierigen Produktionsverfahrens nicht möglich.In den Berliner Arztpraxen verfahren die Ärzte unterschiedlich, wenn das Serum zu Ende geht. "Wenn ich die Wahl habe, die letzte Ampulle einem gesunden, zwanzigjährigen Studenten oder einer 65-jährigen Frau mit Vorerkrankungen zu geben, dann gebe ich sie natürlich der Kranken", sagt etwa ein Charlottenburger Allgemeinmediziner. Angelika Prehn, Ärztin und Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin, sagt dagegen: "Ich kann niemandem, der es will, den Impfstoff vorenthalten. Oder soll ich einem Studenten, der mit 400 Leuten im Hörsaal sitzt, sagen: ,Du gehörst nicht zur Risikogruppe'." Auch der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, will den Ärzten keine generelle Empfehlung geben, den Impfstoff für Risikogruppen zu rationieren. Jonitz: "Der Arzt muss im Einzelfall entscheiden, wen er impft." Streng fordert Prehn bei Angehörigen der Risikogruppen Eigeninitiative: "Wer eine Impfung will, muss sich eben frühzeitig beim Arzt melden - sonst ist irgendwann das Serum alle."Jonitz und Prehn sind sich jedoch grundsätzlich mit vielen Experten einig, dass die "Durchimpfungsrate" in der Bevölkerung möglichst hoch sein sollte. Das gelte nicht nur für die Influenza, an der jährlich tausende Erkrankte sterben, sondern auch für Pneumokokken oder Hepatitis. Nach Angaben der KV entstehen bundesweit jährlich allein durch Grippeerkrankungen bis zu 3 Millionen Arztkontakte.Ein Influenza-Behandlungsfall kostet (ohne Krankenhausaufenthalt) etwa 600 Euro. "Da sind die 34 Euro für die Impfprophylaxe beim Arzt viel billiger", betont Prehn. Die KV-Chefin hat kürzlich vor laufenden Kameras die Gesundheitssenatorin geimpft - um für die Grippeschutzimpfung zu werben. Damals war noch genug Impfstoff vorrätig.------------------------------Die Kassen zahlenDer Impfstoff gegen die Influenza wird jedes Jahr neu der Virussituation angepasst und frisch produziert. Das Serum hilft gegen den Grippevirus, aber nicht gegen grippale Infekte. Er bietet keinen Schutz gegen die Vogelgrippe. Dagegen lässt die Bundesregierung derzeit ein Prototyp-Serum entwickeln.Die Krankenkassen zahlen die Grippeschutzimpfung für Menschen, die über 60 sind, oder für solche, die gesundheitlich geschwächt sind. Genaue Empfehlungen gibt die Ständige Impfkommission der Bundesregierung (Stiko). Wer berufsbedingt viel Kontakt zu Menschen hat, kann die Impfkosten vom Arbeitgeber ersetzt bekommen.

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