Sensoren im Fußboden oder am Körper sollen das Leben älterer Menschen künftig sicherer machen

Wenn das Wohnzimmer den Notarzt ruft

Jean Pierre Bassenge
4 Min

Erleidet ein älterer Mensch einen Herzinfarkt, zählt jede Minute. Ist er in diesem Moment allein in seiner Wohnung, kommt häufig jede Hilfe zu spät. Künftig könnten automatische Sensorsysteme die Herzströme rund um die Uhr überwachen - und einen Notruf an das nächstgelegene Krankenhaus schicken, sobald sie auch nur die kleinste Unregelmäßigkeit registrieren."Der Bedarf an Technologien, die älteren Menschen mehr Sicherheit und Selbstständigkeit verschaffen, ist riesig", sagte Rolf Heinze vergangene Woche bei einem Fachkongress in Berlin. Heinze koordiniert in Bochum den Wissenschaftsverbund Gesellschaftlicher Wandel und Zukunft des Alterns. Aus Umfragen weiß er, dass neun von zehn Deutschen ihren Lebensabend lieber in ihrer eigenen Wohnung verbringen als in ein Seniorenwohnheim zu ziehen.Deshalb will das Bundesforschungsministerium (BMBF) die Entwicklung altersgerechter Assistenzsysteme in den nächsten drei Jahren mit insgesamt 20 Millionen Euro fördern. Thomas Rachel, Staatssekretär im BMBF, kündigte dies bei der Eröffnung des ersten deutschen Fachkongresses zum Thema Ambient Assisted Living (AAL) an. Der englische Begriff bedeutet soviel wie "durch die Umgebung unterstütztes Leben" - gemeint sind damit etwa barrierefreie Bad- und Kücheneinrichtungen und Hausnotrufanlagen.Die meisten der auf dem Kongress vorgestellten neuen Technologien kommen aus der Medizintechnik. "Unsere wichtigste Zielgruppe sind Herz-Kreislauf-Kranke", sagte Benno Kotterba vom AAL-Verbund für Telemedizin. Für diese Patientengruppe werden derzeit Konzepte entwickelt, um zu Hause Puls und Herzfrequenz überwachen zu können. Eine Idee ist, die Elektroden zur Messung der Herzströme in ein T-Shirt zu integrieren. "Die Position der Elektroden muss nur einmal an den Oberkörper des Patienten angepasst werden. Danach reicht es, das T-Shirt überzuziehen, und die Messung beginnt automatisch", berichtete Herbert Siegert vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen. An dem Erlanger Institut wurde bereits ein Prototyp entwickelt. Ein Armband soll zusätzlich den Puls am Handgelenk nehmen.Alle Messdaten fließen in einem kleinen Computer zusammen, den der Patient in der Tasche trägt. Je nach Schwere der Erkrankung können die Messwerte entweder rund um die Uhr an ein nahe gelegenes Krankenhaus gefunkt werden, wo ein Arzt die Herzströme der Patienten überwacht. Oder aber der Taschencomputer wertet die Daten selbstständig aus und setzt nur dann ein Notsignal ab, wenn er Unregelmäßigkeiten feststellt.Auch wenn ein älterer Mensch stürzt, könnten intelligente Sensorsysteme künftig automatisch Alarm schlagen. Die finnische Firma Elsi Technologies stellte auf dem Kongress einen Fußboden vor, der erkennt, ob jemand auf ihm steht oder liegt. Dazu wird unter einem Laminat- oder Parkettboden ein Netz von etwa zwanzig mal zwanzig Zentimeter großen Induktionsspulen ausgelegt. Steht jemand auf dem Parkett, fließt ein Strom durch seinen Körper. Dieser sei so schwach, dass Menschen mit Herzschrittmachern nichts zu befürchten hätten, sagt Raimo Sepponen, der Erfinder des intelligenten Fußbodens. Durch den Umweg über den menschlichen Körper fällt die Spannung zwischen den Spulen und das System erkennt, wo sich die Füße der Person befinden. Fließt der Strom jedoch nicht nur über zwei oder drei, sondern über einen größeren zusammenhängenden Bereich von Spulen, weiß der Fußboden, dass dort jemand liegt und eventuell gestürzt ist."Wir haben den intelligenten Fußboden bereits erfolgreich in einem Seniorenwohnheim in Helsinki getestet", berichtete Tuukka Kuuramaa von Elsi Technologies. Die älteren Menschen hätten es als sehr angenehm empfunden, durch das System einen Rund-um-die-Uhr-Schutz zu haben.Das Hauptproblem bei der Einführung der neuen Technologien sei die Bedienung, sagte Thomas Rachel: "Wenn die Elektroden an einem EKG-T-Shirt genauso kompliziert verkabelt werden müssen wie ein Videorekorder, werden die alten Menschen es nicht akzeptieren."Das zweite große Problem sei die Finanzierung. Rachel: "Damit elektronische Assistenzsysteme wirklich flächendeckend eingesetzt werden können, müssen die Krankenkassen zur Finanzierung beitragen." Dazu seien sie aber bislang nicht bereit.------------------------------Foto: Das Schlaflabor für zu Hause besteht aus einem Sensor, der am Finger den Puls bestimmt und aus Elektroden unter der Kleidung, die die Herzströme messen. In dem kleinen Computer auf der Brust fließen alle Daten zusammen.

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