Es ist jetzt schon das Jahr der Shida Bazyar. Die Berliner Autorin ist in der internationalen Literaturwelt angekommen, seit die englische Übersetzung ihres Debüts „Nachts ist es leise in Teheran“ auf die Shortlist für den International Booker Prize gewählt wurde. Gewonnen hat dann zwar ein anderer Titel, doch dieser aufwühlende Roman über eine Familie zwischen Teheran und Deutschland (auf Deutsch bereits im Jahr 2016 erschienen) ist nun wieder im Gespräch.
Ganz frisch ist die Nachricht, dass Bazyars jüngstes Buch, der Anfang September erschienene Roman „Die Lücken“, nun den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhält. Die vom Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Auszeichnung ist mit 30.000 Euro dotiert. Bedeutende Kolleginnen und Kollegen wie Wolf Haas, Judith Hermann, Thomas Hettche, Katja Lange-Müller und Judith Schalansky füllen die Liste der bisherigen Preisträger.
In der Begründung der Jury ist von „sprachlicher Präzision, feiner Recherche“ und einer „ebenso raffinierten wie eleganten Komposition“ die Rede, die „einen der brisantesten Romane unserer Zeit“ ausmache.
Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis
Aber damit nicht genug: „Die Lücken“ steht neben fünf anderen Titeln auf der Shortlist für den prestigeträchtigen Deutschen Buchpreis, der am 5. Oktober in Frankfurt am Main vergeben wird. Und Shida Bazyar kann sich außerdem Chancen für den Bayerischen Buchpreis ausrechnen, über den Ende Oktober in München entschieden wird. Hier steht ihr Buch neben nur zwei weiteren in der Auswahl der Kategorie Belletristik.
Die Shortlist des Deutschen Buchpreises umfasst (von oben) Romane von Valeria Gordeev, Franziska Gänsler, Peggy Mädler, Dana Vowinckel, Elias Hirschl und Shida Bazyar.
© Lena Everding/Börsenverein/dpa
In dem Roman, der gerade überall besprochen wird und Lobeshymnen in den Feuilletons erhält, ballen sich etwa hundert Jahre deutscher Geschichte im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Hier kreuzen sich die Lebenswege von Menschen, die in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen ganz Alltägliches tun, von denen einige auch Täter oder Opfer politischer Gewalt wurden. Der Ort ist der Stadt Hermeskeil nachempfunden, wo Shida Bazyar 1988 geboren wurde. Ihre Eltern flohen 1987 als Regimegegner aus dem Iran.
Ben Lerners Roman „Transkription“: Wie wahrhaftig kann ein Deep-Fake-Interview sein?
Simon Chevriers „Foto auf Anfrage“: Wie sich ein Callboy in den Pandemie-Lockdowns fast verliert
Shida Bazyar hat Rheinland-Pfalz verlassen und kehrte erst zum Recherchieren zurück. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, sie arbeitete in Berlin als Bildungsreferentin für junge Menschen im Freiwilligendienst, sie nahm am Literaturkurs in Klagenfurt teil, sie veröffentlichte 2016 ihren ersten Roman, der zum Beispiel den Uwe-Johnson-Förderpreis erhielt. Fünf Jahre später folgte „Drei Kameradinnen“, der kam auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2022 gehörte Shida Bazyar zu den Gründungsmitgliedern des PEN Berlin.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]