BERLIN, im September. Sie tragen die gleiche Kleidung, dunkle Hosen, weite Blusen, meist schwarz. Sie sind von ähnlicher Statur und sprechen mit der gleichen leisen Stimme. Sie wurden in der gleichen Stadt geboren, in Bijeljina, Bosnien, als sechstes und siebtes Kind einer Bauernfamilie. Sie erlebten, wie die Serben ihre Stadt einnahmen, Kinder umbrachten, Frauen umbrachten, Männer umbrachten. Leichen auf der Straße zu Haufen schichteten. Sie flohen nach Deutschland, zusammen, in eine Stadt, in eine Wohnung. Wenn die Bilder im Kopf die eine nachts aus dem Schlaf rissen, war die andere an ihrer Seite. Tag für Tag lebten sie so, Woche für Woche. Dreißig Jahre haben die Schwestern Jahic miteinander verbracht, knapp zehn davon in Deutschland. Spätestens ab dem 18. September soll sich das ändern. Die Berliner Ausländerbehörde will es so. Sie wird die jüngere Schwester in Deutschland leben lassen und die ältere ausweisen. Weil es rechtlich möglich ist.Am 18. Juli 2002 machte sich Alma Jahic*, die ältere Schwester, morgens um sieben auf den Weg in die Ausländerbehörde in der Nöldnerstraße in Berlin-Lichtenberg. Sie wollte ihre Duldung verlängern lassen. Duldung nennt man das Papier, das Kriegsflüchtlingen den Aufenthalt in Deutschland erlaubt. Es war nach heißen Tagen etwas kühler geworden, Regen war angesagt, und es war das erste Mal, dass Alma Jahic ohne Angst zur Ausländerbehörde ging. Sie hatte Hoffnung. Alma Jahic lebte seit mehr als neun Jahren hier, ihre zwei Jahre jüngere Schwester hatte das dauerhafte Bleiberecht sechs Monate zuvor erhalten, weil sie von den Kriegserlebnissen traumatisiert ist; sie, Alma, hat das Gleiche erlebt. Und sie hat das gleiche Attest. Darin steht: "Angesichts der Art, Dauer und Schwere der Symptomatik und in Anbetracht des bisherigen Verlaufs ist von einer längerfristigen, absehbar mehrjährigen Behandlungsnotwendigkeit auszugehen." Die Ärztin, die das Attest ausstellte, zählt zu den von der Ausländerbehörde anerkannten Therapeuten. So glaubte Alma Jahic bleiben zu dürfen in dem Land, in dem sie sich sicher fühlt. An all das dachte Alma Jahic, während sie die Treppe in den ersten Stock der Ausländerbehörde nahm, rechts abbog und die Stahltüren hinter ihr zuschlugen. Dann wartete sie. Lange. Man wartet immer lange in der Ausländerbehörde. Eineinhalb Stunden später wurde sie aufgerufen, an Schalter 3, Zimmer für Besucher gibt es in der Ausländerbehörde nicht, nur Schalter mit Trennglasscheibe. Die Sachbearbeiterin grüßte nicht. Wortlos schob sie ein Formular mit der Überschrift "Grenzübertrittsbescheinigung" unter der Glasscheibe hindurch. "Alma Jahic ist zum Verlassen der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet. (.) Das bedeutet, dass Sie bei Vorliegen der Abschiebungsvoraussetzungen jederzeit (dick gedruckt) abgeschoben werden können", las Alma Jahic. Ihr Personaldokument sei beim Landeseinwohneramt hinterlegt.Alma Jahic blickte die Beamtin ungläubig an. Die Abschiebung sei jederzeit möglich? Noch heute? Das kann nicht sein, schoss es ihr durch den Kopf. Die Beamtin sagte nur, sie solle jetzt zur Abteilung IV B 2057 am Friedrich-Krause-Ufer in Berlin-Wedding gehen und melden, dass sie freiwillig aus Deutschland ausreise. "Haben Sie mich verstanden?" Und schon war die Beamtin weg, Schalter 3 wieder leer.Wieso freiwillig ausreisen? Wohin? Als Muslimin in ihre Heimatstadt, die seit dem Abkommen von Dayton zur Serbischen Republik gehört? Sie kann es sich nicht vorstellen, allein irgendwohin zu gehen, ohne die Schwester, die letzte Sicherheit, noch mal von vorne anzufangen, ohne alles, und diesmal, zehn Jahre später, auch noch in dem Land, das für sie nicht mehr Heimat ist, sondern das Land der Täter.Alma Jahic fühlte sich verloren an diesem 18. Juli in Berlin. Erfüllt sie nicht die Kriterien, die die deutschen Innenminister für ein Bleiberecht forderten? Sie lebt seit mehr als sechs Jahren hier, sie ist traumatisiert, sie ist bloß nicht, wie gefordert, seit zwei Jahren berufstätig. Aber es ist die Duldung, der behördlich verpasste Status, der ihr verbietet zu arbeiten oder eine Ausbildung zu machen. Ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Aufenthaltsgenehmigung. Ihre Schwester hat auch nicht gearbeitet. Für Frau Jahics Auskommen sorgt seit fünf Jahren eine befreundete Familie, in der sie auch lebt, sie liegt dem Staat nicht auf der Tasche. Und was ist mit dem Attest? Traumatisierte Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien erhalten eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland, wenn ihr Attest vor dem 1. Januar 2000 ausgestellt wurde, haben die deutschen Innenminister beschlossen. Alma Jahic ist seit dem 22. Mai 2000 in psychologischer Behandlung. Zu spät. Sie war einige Monate später als ihre Schwester bei der Psychologin und hatte damit den Stichtag verpasst. So entscheidet über ihr Bleiberecht ein Stichtag, kein Argument. Ein Datum. Als die Serben ein Café in Bijeljina in die Luft sprengten, war die Schuhmacherin Alma Jahic Anfang zwanzig. Sie arbeitete in einer großen Fabrik, die Schuhe für italienische Unternehmen zusammennähte und für die deutsche Firma "Salamander"; nachts hörte sie Granaten im fünfzig Kilometer entfernten Vukovar detonieren. An einem Abend Ende März 1992 verfolgten die Schwestern Jahic in den Abendnachrichten, wie Angestellte aus den Geschäften in Bijeljina von Serben abgeführt wurden, und damit war der Krieg in ihre Stadt vorgerückt. Bald sahen die Schwestern Blut auf dem Pflaster, das morgens von der Straßenreinigung weggespült wurde wie Herbstlaub. Einer ihrer Brüder wurde zusammengeschlagen, noch mal, immer wieder, und die Mutter bat ihre hübschen Töchter, sich die langen Haare abzuschneiden, um den Serben nicht aufzufallen. Irgendwann wussten alle, dass ein Internierungslager existiert, im Dorf Batkovic, wenige Kilometer vor der Stadt. Plötzlich gab es auch Internierungslager in der Stadt. Die Geschichten, die sich die Leute erzählten, wurden grausamer. "Jeder hat sich gewünscht, durch eine Kugel zu sterben, und nicht misshandelt, vergewaltigt oder gemetzelt zu werden", sagt Alma Jahic. Tränen schwimmen in ihren Augen. Sie ist eine scheue Frau, und jetzt will sie nichts mehr dazu sagen. Sie hat im Kopf eine Wand gezogen, hinter der Bijeljina verschwunden ist wie ein ungemachtes Bett. Sie will es nicht sehen. Deutschland war für sie eine Rettung. Die Schwestern Jahic kamen nach Berlin, zunächst in ein Wohnheim in Alt-Mariendorf. Sie wollten arbeiten, Geld selbst verdienen, auch mit Jobs, die Deutsche nicht machten, als Putzfrau oder Küchenhilfe. Sozialhilfe zu nehmen widersprach ihren Vorstellungen. Man müsse etwas für dieses Land tun, dachten sie. Etwas zurückgeben für die Sicherheit, die sie hier bekamen. Aber sie durften nicht arbeiten. Als die Politiker vor sechs Monaten über den notwendigen Zuzug von Einwanderern und die notwendige Vereinfachung des komplizierten deutschen Ausländerrechts debattierten, mögen sie an Menschen wie Alma Jahic und ihre Schwester gedacht haben. Die Frauen haben Deutsch gelernt, machten Computerkurse, fanden Freunde und verließen den kleinen, engen Zirkel der Bosnier. Berlin wurde für sie neue Heimat. Mehr als das. Sie fühlten irgendwann deutsch, jubelten für Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft und der Olympiade. Erregten sich über den Streit zwischen Walser und Reich-Ranicki. Mochten deutsche Bücher, deutsche Filme, deutsches Bier. Haben Schily und Stoiber nicht diese Menschen gemeint, als sie von integrationswilligen Zuwanderern sprachen: strebsam, anpassungsfähig, die dieses Land ins Herz schließen und dem Staat nicht zur Last fallen? Ein Kreis von dreißig Freunden begann Briefe an die Berliner Senatsinnenverwaltung und an das Abgeordnetenhaus zu schreiben. Eine Petition wurde eingereicht. "Wie kann man neue Zuwanderer fordern und die Deutschsprachigen, Willigen wieder ausweisen?", fragten sie. Es gibt keinen Grund, warum Alma Jahic hierbleiben sollte, heißt es in einer Stellungnahme des Landeseinwohneramtes, Abteilung Ausländerangelegenheiten. Nach gültiger Rechtslage ist das richtig. Eine Schwester darf bleiben, die andere nicht. Nach gültiger Rechtslage könnte die Ausländerbehörde Alma Jahic die Aufenthaltsgenehmigung allerdings auch erteilen, sagt ihr Anwalt Johannes Tietze. "Frau Jahic ist traumatisiert und legt regelmäßig Atteste vor, aber die Behörde geht nicht damit um, das ist das Fiese", sagt der Anwalt. "Hier zeigt sich die Hartherzigkeit einer Behörde."Denn der Berliner Senat hat der Ausländerbehörde grundsätzlich eine Weisung erteilt, die den Umgang mit traumatisierten Kriegsflüchtlingen regelt, deren Atteste nach dem 1.1.2000 ausgestellt wurden. "Traumatisierte Flüchtlinge aus Bosnien, die den Stichtag verpasst haben", sagt Henrike Morgenstern, die Sprecherin von Innensenator Körting, "haben einen Duldungsanspruch. Das heißt, dass die Ansprüche der Menschen, die die Bedingungen der Innenminister nicht exakt erfüllen, aber traumatisiert sind, der Abschiebung entgegenstehen." Wie im Fall Alma Jahic. In einem Fall, in dem die Weisung von der Ausländerbehörde aber nicht umgesetzt wird."Ist es politischer Konsens, dass die Verantwortung über die Gesundheit von Flüchtlingen ins Ermessen der Ausländerbehörde gelegt wird, wo jeder weiß, dass dort heute die Hartgesottensten aus der Abteilung Abschiebung entscheiden?", fragte Dietrich Koch, Leiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle XENION, die Berliner Abgeordneten am 6. Juni in der Ausschusssitzung zur "Situation der Begutachtungspraxis bei traumatisierten bosnischen Flüchtlingen in Berlin". "Hat diese Stadt es wirklich nötig, den Letzten der chronisch Kranken unter den Überlebenden der Gräuel des Krieges in Bosnien mit Gewalt noch einmal zu vertreiben?" Das Auswärtige Amt ist der Meinung, dass es nicht genügend psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten in Bosnien gibt, die schriftliche Expertise steht Gerichten und dem Berliner Innensenat zur Verfügung. Was macht Alma Jahic in diesen Tagen? Sie hofft. Ihr Anwalt kämpft. Und in der "Fachärztlichen Stellungnahme zur Vorlage bei der Ausländerbehörde" ihrer Ärztin vom 15. August heißt es: "Eine unfreiwillige Beendigung des Aufenthalts von Frau J. in Deutschland würde absehbar eine massive Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes nach sich ziehen. Fehlhandlungen sind nicht auszuschließen." In Bosnien gibt es die Heimatstadt von Alma Jahic nicht mehr. Sie ist serbisch geworden."Manchmal frage ich mich, warum Deutschland mich nicht haben will", sagt Alma Jahic. "Ein Stichtag ist alles, was mich von meiner Schwester unterscheidet. Ich verstehe das einfach nicht." Sie hat ihre deutschen Freunde danach gefragt, aber keiner konnte es ihr erklären. Der Name wurde auf Wunsch der Betroffenen geändert.
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