Kolumne

Sie riefen den Geist von Weimar und beschweren sich, wenn er kommt

Politiker sollten die Lehren Weimars nicht immer nur an den Türen anderer abladen, sondern vielleicht auch mal selbst ins Geschichtsbuch schauen.

Katja Hoyer
Katja Hoyer
7 Min
Das Problem von Weimar: Millionen Arbeitslose und kein Vertrauen mehr in die Politik, dass sie die Lage verbessern kann.

Das Problem von Weimar: Millionen Arbeitslose und kein Vertrauen mehr in die Politik, dass sie die Lage verbessern kann.

© Fotoarchiv für Zeitgeschichte/picture alliance

Letzten Samstag stand ich mit einer Reisegruppe aus Briten und Amerikanern auf dem Marktplatz in Weimar. Ich erzählte ihnen etwas über die Stadt als Geburtsort der republikanischen Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, aber auch über ihre Bedeutung für Adolf Hitler, der vor ziemlich genau 100 Jahren auf demselben Marktplatz stand und den ersten großen Reichsparteitag der NSDAP abhielt.

Der Kontrast zwischen den hohen Idealen der Weimarer Republik und dem Tempo ihres Untergangs, der an kaum einem anderen Ort so greifbar wird wie in Weimar, machte die Gruppe nachdenklich. Einige fragten: Welche Lehren sollten wir heute aus Weimar ziehen?

Wie es der Zufall wollte, dachte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu diesem Zeitpunkt über dieselbe Frage nach. Es war der 3. Oktober, und etwa 330 Kilometer nordwestlich von uns fand im Bremer Konzerthaus „Die Glocke“ ein Festakt zum Tag der Deutschen Einheit statt.

Dort spannte auch Steinmeier in seiner Rede den historischen Bogen in die Gegenwart. Die Frage, „ob die Berliner der Weimarer Republik ähnlicher wird“, sei noch nicht entschieden. Aber die damalige „Diskreditierung demokratischer Verfahren, die Radikalisierung der Öffentlichkeit, die Diffamierung des Kompromisses – all das muss uns eine Warnung sein“.

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Er spukt wieder, der Geist von Weimar. Erst neulich warnte CSU-Chef Markus Söder vor einem „Weimarer Weg“. Der Blick nach Weimar ist natürlich berechtigt – es ist nun mal das krasseste Beispiel einer gescheiterten Demokratie, das wir haben. Aber bei der Frage nach den Gründen schauen Politiker meist auf die Rolle der damaligen Medien, republikfeindlicher Kräfte und der Bevölkerung, seltener auf das Versagen der „politischen Mitte“ der Weimarer Republik, die enormen Probleme der Zeit zu lösen.

Viele Menschen wussten nicht, wohin mit ihren Problemen

Das wurde auch in Steinmeiers Rede deutlich. Da ist von „Medienmogulen“ die Rede, die „den Feinden der freiheitlichen Republik die Bühne bereiteten“, von „Extremisten“, deren „Trommelfeuer von fanatischen Hetzreden zuerst die politische Kultur und dann die demokratischen Institutionen zerstörten“, und von einer „Radikalisierung der Öffentlichkeit“. Demnach hätten also die Zeitungen, Extremisten und das für deren Rhetorik empfängliche Volk die Weimarer Republik zerstört.

Aber diese Argumentation klammert aus, dass viele Menschen nicht mehr wussten, wohin sie sich mit ihren Problemen, die real waren und zurecht als existenzbedrohend empfunden wurden, wenden sollten.

Die Politiker, die sich als Verteidiger der Weimarer Demokratie empfanden, konnten weder effektive Lösungen für diese Probleme anbieten noch glaubhaft kommunizieren, dass sie einen Plan hatten, der Deutschland in absehbarer Zeit wieder auf die Beine bringen würde.

Heinrich Brüning, Reichskanzler der Weimarer Republik von 1930 bis 1932, ist ein solches Beispiel. In einer Zeit, als die Weltwirtschaftskrise Deutschland mit voller Wucht traf und Massenarbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Elend in ein vom Ersten Weltkrieg traumatisiertes Land brachte, sagte Brüning den verzweifelten Deutschen, dass die Lage nun mal so sei, wie sie sei.

In einer Radioansprache vom 25. Januar 1931 erklärte er: „Wir sind nicht allein durch Reparationslasten in finanzielles Unglück hineingeraten, sondern vor allem auch dadurch, dass wir uns eingebildet haben, die öffentliche Hand und auch die Privaten könnten trotz eines verlorenen Krieges, trotz ungeheurer Opfer an Geld und Blut besser leben als in der Vorkriegszeit.“ Was bei vielen Leuten ankam, war, dass sie quasi selbst an ihrer Misere schuld seien.

Brüning argumentierte, man müsse den Gürtel enger schnallen, bis es wieder besser wird. Nach dieser Logik schlug er einen scharfen Sparkurs ein und wurde in den Augen der Öffentlichkeit zum „Hungerkanzler“. Auf einer Deutschlandreise wurde er in Schlesien von Scharen wütender Bauern empfangen.

Auch Kommunisten gewannen an Zuspruch

In Breslau buhten ihn 40.000 Nazi-Aktivisten aus. In Chemnitz bewarfen arbeitslose Arbeiter seinen Autokorso mit Steinen. Am Ende seiner Reise gelangte er zu dem Schluss, dass es einfacher sei, an die parlamentarische Demokratie zu glauben, wenn alles gut lief.

In einem Klima, in dem der Status quo vielen immer unerträglicher erschien, wandten sich immer mehr Wähler den Parteien zu, die versprachen, radikal mit ihm zu brechen. 1930 gewann die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen und wurde nach der SPD zweitstärkste Kraft. Zwei Jahre später knackte sie die 30-Prozent-Marke und lag vor allen anderen Parteien. Auch die Kommunisten gewannen an Zuspruch.

Die Idee, dass sich die Wähler hier allein selbst radikalisiert hätten oder von Medienmogulen dazu verlockt wurden, nimmt Pro-System-Politiker wie Brüning aus der Verantwortung. Den Leuten ging es objektiv schlecht. Die Weltwirtschaftskrise ließ die Arbeitslosenzahl im Jahr 1932 auf mehr als sechs Millionen steigen.

In meinem Weimar-Buch folge ich dem Schreibwarenhändler Carl Weirich, dessen Hypothekenzahlungen für seinen Laden und die Wohnung darüber fällig wurden. Er hatte wahnsinnige Angst vor einer Zukunft, in der seine Frau und sein fünfjähriger Sohn auf der Straße landeten. Verzweifelt und wütend schrieb er in sein Tagebuch, dass niemand etwas unternahm.

Der Vergleich zu den USA ist schwierig, weil die Systeme und die Politikkultur sehr unterschiedlich waren, aber ein Blick über den Atlantik lohnt sich trotzdem, denn der dortige Börsenkrach hatte ja die globale Depression erst ausgelöst und verursachte auch in den USA massive Armut. Das öffentliche Auftreten Herbert Hoovers, der 1929 Präsident wurde, wurde ebenfalls als mitleidlos empfunden. Die Obdachlosenviertel, die überall entstanden, nannte man bald Hoovervilles.

Im Unterschied zu Deutschland gab es in den USA jedoch eine glaubhafte demokratische Alternative: einen Mann, der den Menschen Hoffnung machen konnte und den Mut hatte, einen drastischen Politikwechsel einzuleiten.

Franklin D. Roosevelt gewann die Wahlen 1932 mit einem Erdrutschsieg. Mit ihm hatte man in Washington eine demokratische Lösung gefunden, die die Bedürfnisse nach spürbaren Maßnahmen, stärkerer Führung und vor allem nach der Wiederherstellung des Zukunftsoptimismus befriedigte.

Das Kernversprechen den Demokratie

Wenn Politiker heute die Geschichte von Weimar anrufen, täten sie gut daran, auch auf solche Beispiele beziehungsweise auf die Fehler ihrer eigenen Parteien oder deren Vorgängerinstitutionen zu schauen. Am selben Tag, an dem Steinmeier über Weimar redete, wurde die erste Umfrage veröffentlicht, in der die AfD die 30-Prozent-Marke erreichte. Die CDU bekäme demnach aktuell nur noch 18 und die SPD 14 Prozent. Das heißt, die schwarz-rote Koalition hätte nur noch zwei Prozentpunkte mehr Stimmen als die AfD allein. Die Gründe für solch gravierende Unzufriedenheit mit den regierenden Parteien kann man damals wie heute nicht ausschließlich anderswo suchen.

Es gibt viele Gründe, warum die Weimarer Republik nicht einfach mit der heutigen vergleichbar ist. Aber eine Parallele besteht im Verlust des Vertrauens der Wähler in die Fähigkeit der etablierten Parteien, die Zukunft besser zu gestalten als die Gegenwart. Aber genau das ist das Kernversprechen der Demokratie.

Wir geben unsere Macht an gewählte Vertreter ab, damit diese für uns eine bessere Lebenswelt gestalten. Wenn der Eindruck entsteht, dass das Versprechen nicht mehr gehalten werden kann, wenden sich Menschen ab. Natürlich wird die entstehende Unzufriedenheit durch Medien befeuert und von populistischen Parteien und Politikern gezielt genutzt, aber das sind allenfalls Brandbeschleuniger des Unmutes, nicht dessen Ursache.

Die Weimarer Republik wurde nicht nur von Medien und radikalen Kräften zu Fall gebracht, sondern auch dadurch, dass sie aus sich heraus kein positives Angebot an ihre Bürger mehr vermitteln konnte. Als Historikerin bin ich natürlich dafür, aus dieser Geschichte zu lernen. Aber Politiker sollten die Lehren Weimars nicht immer nur an den Türen anderer abladen, sondern vielleicht auch mal selbst ins Geschichtsbuch schauen.

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