Migration

„Sie zwingen uns, dauerhaft damit zu leben“: Ceutas Bewohner fühlen sich ihrem Schicksal überlassen

In Ceuta kampieren noch immer Tausende von Migranten. Der Alltag ist aus den Fugen geraten. Familien fürchten um ihre Sicherheit. Doch Madrid erklärt die Lage zur „strukturellen Realität“.

Ralf M. Ruthardt
Ralf M. Ruthardt
6 Min
Ein Großteil der noch etwa 5000 Migranten in Ceuta kampiert seit Wochen an Stränden und an Straßenrändern.

Ein Großteil der noch etwa 5000 Migranten in Ceuta kampiert seit Wochen an Stränden und an Straßenrändern.

© Marcos Moreno/Europa Press/dpa

Ceuta ist klein genug, damit eine politische Entscheidung sofort auf dem Schulweg ankommt. Pedro, dessen wirklicher Name der Redaktion bekannt ist, lebt in Ceuta. Er ist Lehrer, Familienvater und Mitglied der Schulleitung einer großen Bildungseinrichtung. Für Pedro und viele Menschen in Ceuta ist der Lebensalltag völlig auf den Kopf gestellt und der Zorn auf die Regierung in Madrid wächst stetig.

Als wir im August erstmals sprachen, berichtete Pedro von Menschen, die aus Marokko an die Küste schwammen, von geschlossenen Geschäften und von seiner Familie, die er aus Ceuta rausgebracht hat. Jetzt schreibt er erneut. Sein erster Satz ist keine Analyse, sondern eine Bitte: „Für uns ist es sehr wichtig, dass die Medien uns nicht im Stich lassen und dass unsere Situation weiterhin sichtbar bleibt.“

Das Leben wird von „Tag zu Tag schwieriger“

Denn während Ceuta in Deutschland meist dann Nachricht wird, wenn Geheimdienstakten auftauchen oder Brüssel ein Hilfspaket beschließt, lebt die Stadt mit den Folgen. Pedro beschreibt eine Realität, die „von Tag zu Tag schwieriger“ werde. Arbeit, Schule, Freizeit der Kinder, Einkaufen, das soziale Leben – alles solle normal weitergehen, aber die „Realität wirkt vollkommen surreal“. Nach Angaben des Stadtpräsidenten Juan Jesús Vivas befanden sich am 11. September noch rund 13.000 Migranten in Ceuta. Madrid schafft zusätzliche Aufnahmeplätze. Genau darin liegt der Konflikt: Die Zentralregierung organisiert Dauer, während Einwohner von Ceuta ein Ende verlangen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez nennt die Lage inzwischen eine „strukturelle Realität“. Ceuta und Melilla müssten sich auf den dauerhaften Unterschied bei Einkommen und Chancen zwischen beiden Seiten der Grenze einstellen. Zudem brauche der Staat größere Aufnahmeinfrastrukturen vor Ort. Für Pedro und viele andere Ceutíes ist das eine Zumutung. „Wir hatten erwartet, dass die Regierung schnelle Lösungen vorschlägt, damit wir zur Normalität zurückkehren können. Stattdessen haben wir den Eindruck, dass sie uns zwingen, mit dieser Situation dauerhaft zu leben.“

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Spanien hat ein Hilfsprogramm über 309 Millionen Euro beschlossen und die EU stellt weitere 114,7 Millionen Euro für Grenzschutz, Unterbringung und Rückführungen bereit. Doch Geld beantwortet nicht jede politische Frage. Wer in Ceuta demonstriert, protestiert nicht gegen eine fehlende Haushaltsstelle. Er protestiert dagegen, dass die Hilfe aus seiner Sicht die falsche Richtung nimmt: mehr Kapazität zum Aufnehmen, mehr Verwaltung und mehr Provisorien, aber zu wenig erkennbare Aussicht auf die frühere lebenswerte Normalität.

Pedro erzählt, was diese Differenz praktisch bedeutet. Seine Schule beschäftigt inzwischen Sicherheitsmitarbeiter rund um die Uhr. Früh- und Nachmittagsbetreuung wurden ausgeweitet. Seine eigenen Töchter durften im vergangenen Schuljahr bereits allein zur Schule und zu Freizeitaktivitäten gehen. „Damit ist es vorbei“, schreibt er. Heute bringen und holen die Eltern sie wieder. Nicht weil jede Straße gefährlich wäre, sondern weil das Vertrauen, dass Alltag ohne besondere Vorsicht funktioniert, beschädigt ist.

Am Straßenrand werden Haare geschnitten, direkt dahinter befinden sich provisorisch gebaute Hütten.

Am Straßenrand werden Haare geschnitten, direkt dahinter befinden sich provisorisch gebaute Hütten.

© Marcos Moreno/imago

Innenminister Fernando Grande-Marlaska sprach bei seinem Besuch von „subjektiver Unsicherheit“. Der Präsident Ceutas widersprach mit Daten des örtlichen Notrufsystems: 5233 sicherheitsbezogene Vorgänge im August gegenüber 778 im Vorjahresmonat; 1001 gemeldete Aggressionen statt 67, rund 600 Fälle unerlaubten Eindringens statt zehn. Diese Zahlen erklären nicht jeden Einzelfall. Aber sie machen es schwer, die Stimmung der Einwohner bloß als emotionales Missverständnis abzutun.

Hier beginnt die Frage, die über Ceuta hinausreicht. Demokratie bedeutet nicht, dass eine lokale Mehrheit nationales oder europäisches Recht außer Kraft setzen kann. Aber demokratische Wirksamkeit verlangt mehr als Wahlen. Bürger müssen erleben können, dass ihre Lebenswirklichkeit politische Prioritäten verändert. Wenn eine Stadt über Wochen demonstriert, ihr Stadtoberhaupt der Regierung in Madrid öffentlich widerspricht und Familien ihren Alltag umstellen – die Antwort der Regierung aber lautet, man müsse sich auf eine neue strukturelle Realität einstellen –, dann entsteht die Frage: Wer passt sich eigentlich wem an?

Deutschland sollten die Probleme bekannt sein

Ceuta ist nicht Deutschland. Niemand sollte die Dimensionen gleichsetzen. Aber die Mechanik ist vertraut. Auch Deutschland lebt seit 2015 in einer anderen migrationspolitischen Realität. Der Bund veranschlagt für 2026 flüchtlingsbezogene Ausgaben und Mindereinnahmen von 24,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurden 2025 nur 206.600 Wohnungen fertiggestellt – der niedrigste Wert seit 2012. Migration ist nicht die einzige Ursache dieser Engpässe; Alterung, Baukosten, Fachkräftemangel und politische Versäumnisse wiegen schwer. Aber zusätzliche Nachfrage verschwindet nicht dadurch, dass ihre Ursachen moralisch anders bewertet werden.

Auch bei der inneren Sicherheit verbietet sich die bequeme Schwarz-Weiß-Erzählung. Die Kriminalität insgesamt sank 2025. Zugleich waren nicht deutsche Tatverdächtige bei der Gewaltkriminalität mit 42,9 Prozent deutlich überrepräsentiert. Solche Zahlen erklären weder individuelle Schuld noch lassen sie sich ohne Altersstruktur, Geschlecht und soziale Lage deuten. Aber sie gehören in eine ehrliche Debatte. Wer Veränderungen im Alltag anspricht, betreibt deshalb noch keine Stimmungsmache.

Ceuta ist in diesem Sinne ein Brennglas. Nicht weil die Migranten dort dieselben Geschichten hätten wie Menschen, die nach Deutschland kommen. Um ihre Motive geht es hier ausdrücklich nicht. Es geht um die andere Seite einer Migrationspolitik: um Bürger, Schulen, Polizei, Wohnungen, Krankenhäuser und um die Frage, wie viel Veränderung ein Gemeinwesen aufnehmen kann, ohne seinen Mitgliedern das Gefühl zu geben, sie hätten über die Richtung ihres eigenen Lebensraums nichts mehr zu entscheiden.

Pedro beschreibt das inzwischen mit einem einzigen Wort: „Hoffnungslosigkeit.“ Fast täglich wird demonstriert. Sirenen gehörten zum Geräusch der Stadt. Ob jede Beobachtung repräsentativ ist, kann ein einzelner Einwohner nicht beantworten. Aber Politik begegnet Bürgern nicht als Durchschnittswert. Sie begegnet ihnen morgens vor der Schule, an der Supermarktkasse und abends auf dem Heimweg.

Eine lebenswerte Normalität

Deutschland und die EU haben Ceuta nicht vollständig vergessen. Es gibt Berichte, Geld und politische Erklärungen. Was weitgehend fehlt, ist die dauerhafte Aufmerksamkeit für die Perspektive der Menschen, die dort wohnen. Ceuta wird zu oft als Grenzproblem betrachtet, als spanisches Problem oder als europäische Migrationsakte. Pedro betrachtet es anders: als sein Zuhause.

Die Frage, die Ceuta an Europa stellt, ist härter als jede Debatte über Aufnahmequoten: Kann ein demokratischer Staat seinen Bürgern eine tiefgreifend veränderte Lebensrealität als unvermeidbar erklären und zugleich erwarten, dass ihr Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit unbeschädigt bleibt? Diese Frage stellen sich Bürger im politischen Deutschland vermehrt, was sich an aktuellen Umfragen und aktuellen Wahlergebnissen erkennen lässt. Pedro aus Ceuta hat darauf noch keine Antwort. Er weiß jedoch, was er zurückhaben will: Eine lebenswerte Normalität für sich und seine Familie.

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