Ostdeutschland

Sieben Bereiche, in denen der Osten den Westen überholt hat

Weniger Defizite, mehr Stärken: Wo Ostdeutschland den Westen inzwischen überholt hat – und warum das viele kaum wahrnehmen.

4 Min
Die flächendeckende Kita-Infrastruktur ist bis heute eine der sichtbarsten Hinterlassenschaften der DDR.

Die flächendeckende Kita-Infrastruktur ist bis heute eine der sichtbarsten Hinterlassenschaften der DDR.

© Monika Skolimowska

35 Jahre nach der Wiedervereinigung hält sich ein Narrativ hartnäckig: Der Osten hinkt hinterher. Tatsächlich verdienen Beschäftigte dort im Schnitt noch immer weniger, die Wirtschaftskraft liegt unter der des Westens und große Konzerne haben ihre Zentralen fast ausschließlich in den alten Bundesländern. Doch das Bild ist unvollständig.

Ein Blick in die Statistiken zeigt: In mehreren Bereichen haben die ostdeutschen Länder längst die Nase vorn. Manche dieser Stärken sind ein Erbe der DDR, andere das Ergebnis politischer Entscheidungen nach der Einheit.

Kinderbetreuung: Ein echter Standortvorteil

Der wohl größte Vorsprung zeigt sich bei der Kinderbetreuung. Nirgendwo in Deutschland werden Kleinkinder so häufig außer Haus betreut wie in den ostdeutschen Bundesländern. Das erleichtert Eltern die Rückkehr in den Beruf und gilt als wichtiger Standortfaktor für Unternehmen, die Fachkräfte suchen. Die flächendeckende Kita-Infrastruktur ist bis heute eine der sichtbarsten Hinterlassenschaften der DDR und verschafft dem Osten einen Vorsprung, den viele westdeutsche Länder bislang nicht aufgeholt haben.

Frauen arbeiten häufiger in Vollzeit

Die Erwerbstätigkeit von Frauen hat sich in Ost und West inzwischen weitgehend angeglichen. Der Unterschied liegt heute darin, wie gearbeitet wird. In Ostdeutschland sind Frauen deutlich häufiger in Vollzeit beschäftigt, während im Westen Teilzeitmodelle dominieren. Das verbessert die Karrierechancen, führt zu höheren Lebenseinkommen und wirkt sich später positiv auf die Renten aus. Die stärkere Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt gehört zu den prägenden Merkmalen Ostdeutschlands.

Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern ist kleiner

Auch beim Gender Pay Gap liegt der Osten vorn. Während Frauen im Westen im Durchschnitt deutlich weniger verdienen als Männer, fällt der Unterschied in den ostdeutschen Ländern wesentlich geringer aus. Gründe sind unter anderem die höhere Vollzeitquote von Frauen, andere Branchenstrukturen und die traditionell stärkere Erwerbsbeteiligung. Von vollständiger Lohngleichheit kann zwar keine Rede sein, doch die Unterschiede sind im Osten erheblich kleiner.

Der Motor der Energiewende

Beim Ausbau erneuerbarer Energien gehören Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen bundesweit zur Spitzengruppe. Windkraft- und Solaranlagen prägen vielerorts das Landschaftsbild und sorgen dafür, dass ein überdurchschnittlich großer Anteil des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt. Die vergleichsweise dünne Besiedlung und große verfügbare Flächen haben diesen Ausbau begünstigt. Heute entwickelt sich der hohe Anteil grüner Energie zunehmend zu einem wirtschaftlichen Standortvorteil.

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Hightech statt Werkbank

Wer beim Osten noch immer vor allem an ehemalige Industriestandorte denkt, übersieht eine tiefgreifende Entwicklung. Dresden hat sich mit „Silicon Saxony“ zum größten Mikroelektronik-Cluster Europas entwickelt. In Jena gehören Optik, Photonik und Medizintechnik zur Weltspitze, Leipzig wächst rasant in den Bereichen Biotechnologie, Gesundheitswirtschaft und Logistik. Milliardeninvestitionen internationaler Unternehmen zeigen, dass der Osten längst nicht mehr nur verlängerte Werkbank ist, sondern in einigen Zukunftsbranchen zu den führenden Regionen Deutschlands zählt.

Bildung und Forschung genießen einen hohen Stellenwert

Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung investieren die ostdeutschen Länder mehr Geld in Bildung als die westdeutschen Flächenländer. Davon profitieren Schulen ebenso wie Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Universitäten in Dresden, Leipzig, Jena oder Ilmenau genießen in zahlreichen Fachgebieten einen hervorragenden Ruf. Gerade die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie gilt als wichtiger Baustein für den wirtschaftlichen Wandel vieler Regionen.

Der Ost-West-Gegensatz verliert an Bedeutung

Vielleicht ist das überraschendste Ergebnis aktueller Studien, dass die klassische Trennlinie zwischen Ost und West zunehmend an Bedeutung verliert. Unterschiede verlaufen heute oft eher zwischen wirtschaftsstarken Metropolregionen und strukturschwachen ländlichen Räumen – unabhängig davon, ob sie im Osten oder Westen liegen. In Bereichen wie Bildung, Gesundheit oder öffentlicher Verwaltung hat sich die frühere Produktivitätslücke weitgehend geschlossen. Der Osten ist vielerorts nicht mehr Nachzügler, sondern Teil einer neuen Deutschlandkarte mit Gewinner- und Verliererregionen auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze.

Fazit: Der Osten hat den Westen nicht insgesamt überholt. Bei Wirtschaftskraft, Vermögen oder Unternehmenszentralen bestehen weiterhin deutliche Unterschiede. Gleichzeitig greift das Bild vom dauerhaften Nachzügler längst zu kurz. Ob Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Gleichstellung oder Energiewende – in mehreren Bereichen setzen die ostdeutschen Länder heute Maßstäbe. 35 Jahre nach der Einheit lohnt deshalb ein differenzierter Blick: Nicht überall liegt der Westen vorn. Und der Osten ist in vielen Zukunftsfeldern längst mehr Vorbild als Nachzügler.

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