Interview

Exklusiv: Silvia Dronsch fragte Merz nach den Sparmaßnahmen – dann stand die Polizei vor ihrer Tür

Eine krebskranke Frau wollte nur eine Entschuldigung vom Kanzler. Was sie bekam: eine Autogrammkarte, Behörden-Odyssee und Polizei vor der Tür. Ein Hausbesuch vier Monate nach dem Vorfall.

9 Min
Gespräch im Garten: Silvia Dronsch berichtet von ihrer Begegnung mit Friedrich Merz und den Folgen für ihren Alltag.

Gespräch im Garten: Silvia Dronsch berichtet von ihrer Begegnung mit Friedrich Merz und den Folgen für ihren Alltag.

© Oliver Müller

Silvia Dronsch wurde über Nacht bekannt. Ende April 2026 konfrontierte die gelernte Köchin aus Suhlendorf beim Bürgerdialog in Salzwedel den Bundeskanzler mit einer Frage, die es in sich hatte: Warum wird im Gesundheitssektor gespart, während ein Gesetzentwurf aus dem Bundesinnenministerium Gehaltserhöhungen für Staatssekretäre vorsieht – die über die bestehende Kopplung der Amtsbezüge auch Kanzler und Minister betreffen würden? Für den Kanzler stand ein jährliches Plus von 65.292 Euro im Raum. Dronsch, selbst an Hautkrebs im vierten Stadium erkrankt, stellte diese Frage aus unmittelbarer Betroffenheit. Friedrich Merz reagierte gereizt, unterstellte ihr eine falsche Darstellung – und das Video ging viral, weit über Deutschland hinaus. Dronsch forderte eine Entschuldigung. Was sie stattdessen bekam: eine Standard-Autogrammkarte aus dem Kanzleramt.

Wir besuchen sie in ihrem kleinen Dorf, rund 30 Kilometer von Salzwedel entfernt. Sie empfängt uns im Garten ihres Hauses, und wer eine gelernte Köchin besucht, geht nicht hungrig nach Hause: Schmorbraten mit Rotkohl, Pilzen, Kartoffelgratin und hausgemachter Gratinsoße. Nach dem Essen wird Kaffee gereicht, dann beginnt das eigentliche Interview.

Es geht um eine Entschuldigung, die bis heute nicht kam, um den zähen Kampf mit Behörden um ihre Existenzsicherung, um Polizei, die plötzlich vor der Haustür steht – und um die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt.

Erst mal danke für die herzliche Bewirtung. Frau Dronsch, Sie haben bundesweit Beachtung erfahren, als Sie Ende April beim Bürgerdialog in Salzwedel den Bundeskanzler damit konfrontiert haben, wie im Gesundheitssektor gespart wird, aber nicht bei den Diäten und Gehältern von Kanzler und Ministern. Daraufhin hat Friedrich Merz Ihnen in aller Öffentlichkeit „eine Falschdarstellung“ unterstellt und behauptet, das stimme alles gar nicht. Sie haben dann eine Entschuldigung von ihm gefordert. Wie hat er darauf reagiert?

Die Entschuldigung kam eigentlich nur von seinem Vorzimmer – von ihm selbst kam gar nichts. Von ihm habe ich kein Wort gehört. Er hat ja damals beim ZDF noch behauptet, er würde das nicht medial machen, sondern auf anderem Wege. Aber er hat sich nicht darum gekümmert. Sein Vorzimmer in Bonn hat mir einen Brief zukommen lassen – mit einer Autogrammkarte, die noch nicht mal persönlich gestaltet war. Da hätte auch noch eine Münze dabei sein sollen, die mir Glück für meine Gesundheit bringen sollte. Aber die war nicht drin.

Aber wenn ich das richtig verstehe – eine echte Entschuldigung gab es gar nicht?

Nein, eine richtige Entschuldigung war das nicht. „Ihnen und Ihrer Tochter wünsche ich auch im Namen des Bundeskanzlers alles Gute.“ – Im Namen des Bundeskanzlers. Das hätte er also auch persönlich formulieren können. Aber nein – gar nichts. Nur eine Standard-Autogrammkarte.

Silvia Dronsch wollte eine Entschuldigung, stattdessen bekam sie eine Autogrammkarte des Kanzlers mit faksimilierter (digital erstellter) Unterschrift.

Silvia Dronsch wollte eine Entschuldigung, stattdessen bekam sie eine Autogrammkarte des Kanzlers mit faksimilierter (digital erstellter) Unterschrift.

© Oli Müller

„Er brauchte jemanden, an dem er das ablassen konnte“

Noch mal zurückversetzt in diesen Moment in Salzwedel: Haben Sie diese Art der Antwort erwartet, oder hat Sie das überrascht?

Komplett überrascht. Mein Gedanke war, dass er an dem Tag einen ganz schlechten Tag hatte. Er hat ja auch gleich zu Anfang gesagt, er hätte sich verspätet. Ich vermute, er war im Stress – vielleicht ein schlechtes Gespräch mit Trump, ich weiß es nicht. Und er musste das irgendwie loswerden, brauchte jemanden, an dem er das ablassen konnte.

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Sie stehen da, schildern Ihr Schicksal – schwer an Krebs erkrankt – und das Einzige, was dem Kanzler einfällt, ist zu sagen: „Das ist eine falsche Behauptung“, obwohl es nachweislich keine war. Und Sie vor einem breiten Publikum so abzukanzeln. Es ist nachvollziehbar, dass Sie eine Entschuldigung eingefordert haben.

Ja, ganz klar. Und die besteht bis heute im Verschicken einer Standard-Autogrammkarte. Noch nicht mal von ihm persönlich unterschrieben.

Vom Dorf in die Weltpresse

Hat das hier in Ihrem Dorf auch für Aufsehen gesorgt?

Extrem. Meine Zahnärztin zum Beispiel – obwohl ich keine Privatpatientin bin, darf ich sofort kommen, wenn ich anrufe. Weil die einfach dankbar sind, dass das Thema angerissen wurde. Die haben selbst Beschwerdebriefe ans Kanzleramt geschickt. Meine Nachbarn sprechen mich an, die Arzthelferin beim MRT – alle haben das mitbekommen.

Ich habe es anfangs selbst gar nicht richtig begriffen. Aber am nächsten Tag kamen Nachrichten dazu aus den USA. Eine Freundin, deren Sohn in Portugal lebt, hat angerufen. Das ging nicht nur bundesweit, das ging über die Grenzen hinaus.

Hochtelefoniert bis ins Kanzleramt

Wie haben Sie es geschafft, überhaupt zu diesem Brief aus dem Kanzleramt zu kommen?

Ich habe mich durchs Kanzleramt hochtelefoniert – von Zimmer zu Zimmer, bis ich beim Vorzimmer angekommen bin. Ich habe jedes Mal meine Situation geschildert, und die Mitarbeiter waren tatsächlich sehr einfühlsam – ganz im Gegensatz zu ihrem Chef. Da war sehr viel Menschlichkeit. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so gut weitergeleitet worden.

Der Stand ist: Sie haben diesen einen Brief bekommen, bisher keine echte Entschuldigung. Haben Sie einen Schlussstrich gezogen?

Ich würde mich natürlich über eine Entschuldigung freuen. Aber wenn er selbst beim ZDF sagt, er möchte das nicht medial machen, und dann gar nichts macht – er persönlich hat nichts getan. Es liegt ihm offensichtlich nichts daran. Also – wer bin ich denn schon?

Erste Reihe, erste Frage

Was hat Sie überhaupt motiviert, zu diesem Bürgerdialog zu gehen?

Ich bin jemand, der sagt: Wenn schon mal einer da ist, dann möchte ich ihn auch persönlich kennenlernen. Ich habe mich angemeldet, ohne zu wissen, ob das klappt. Dann kam die Zusage, und ich habe zu Wolfgang gesagt: Wir sehen zu, dass wir so früh hinkommen, dass wir in der ersten Reihe sitzen.

Und das hat geklappt. Ich saß direkt vor ihm. Dann wurde gefragt, wer Fragen hat. Dass ich drangenommen wurde, damit hätte ich nicht gerechnet.

Gar nicht?

Ein bisschen schon, weil der MDR vorher da war und mich schon gefilmt hatte. Die hatten wohl mitbekommen, in welche Richtung meine Frage gehen würde – nur nicht so konkret mit dem Geld. Damit haben sie nicht gerechnet.

Wie viele Fragen hatten Sie insgesamt notiert?

Acht richtige Fragen und eine zusätzliche. Ich wusste ja nicht, wie weit ich komme.

Da sind also noch Fragen übrig für weitere Bürgerdialoge?

Merz kommt da bestimmt nicht mehr hin. Und wenn er mich sieht, wird er auf gar keinen Fall mehr antworten.

Silvia Dronsch im Gespräch mit dem OAZ-Redakteur Florian Warweg

Silvia Dronsch im Gespräch mit dem OAZ-Redakteur Florian Warweg

© Oliver Müller

Kampf um die Existenzsicherung

Er hat Ihre Frage ja nicht wirklich ernst genommen. Wie zeigt sich das derzeit bei Ihnen – zwischen finanziellen Sorgen und Krankheit?

Zu dem Zeitpunkt war ich kurz vor der Aussteuerung. Man ist 15 Monate krankenversichert, dann wird man ausgesteuert, wenn man weiterhin krank ist. Ich hatte schon im Februar/März angefangen, Arbeitslosengeld I, Bürgergeld und Erwerbsminderungsrente zu beantragen – und von nirgendwo etwas gehört.

Ich habe an Klingbeil geschrieben. Die Antwort war sinngemäß: „Ich kann Sie verstehen, wenden Sie sich ans Jobcenter.“ – Aber das hatte ich längst getan.

Dann habe ich mich bis zum Ministerium für Arbeit in Niedersachsen hochtelefoniert. Ein Mitarbeiter dort hat einfach aufgelegt, weil er keine meiner Fragen beantworten konnte. Ich habe noch mal angerufen und Druck gemacht – und dann ging es plötzlich richtig schnell. Innerhalb einer Woche kam der Rückruf.

Und dann?

Die zuständige Sachbearbeiterin beim Jobcenter war von Anfang an unfreundlich – vermutlich, weil sie vom Ministerium unter Druck gesetzt worden war, sich um mich zu kümmern. Aber letztlich wurden an dem Tag beide Gelder bewilligt. Von heute auf morgen.

Sie meinen, das ist nur so schnell passiert, weil Sie Druck gemacht haben?

Ja, definitiv. Ein Bekannter von mir wartet seit drei Monaten auf seine Leistungen – weil er eben nicht so hartnäckig nachhakt. Nach oben durchtelefonieren muss man auch können. Ich falle verbal nie aus – das Einzige, was man mir zur Last legen kann, ist, dass ich sehr energisch bin. Aber das darf man.

Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt

Kurzer Themenwechsel: Jetzt stehen ja die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt an. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich bin eigentlich unpolitisch, aber ich habe mir das jetzt mal angeschaut. Ich finde den Ulrich Siegmund sehr charismatisch. Er bewegt etwas. Wenn er das auch umsetzen kann, fände ich das toll. Wenn ich mir im Gegenzug den Schulze anschaue – ich glaube, da ist ohnehin schon alles verloren.

Was mich umtreibt: Im Moment geht es extrem gegen die AfD. Die versuchen alles Mögliche, um zu diffamieren und denen keine Chance zu geben. Ich habe Angst, dass die Wahlen torpediert werden. Deswegen werde ich zur Wahl beim Auszählen in Klötze dabei sein.

Polizei vor der Haustür

Ah, da muss ich noch etwas erzählen: Als ich beim Ministerium von Existenzängsten gesprochen hatte – das heißt ja nicht Todesängste, es gibt einen Unterschied –, stand plötzlich die Polizei vor meiner Tür. Man hätte vermutet, ich wolle mich umbringen, so die Begründung.

Wie interpretieren Sie das – Einschüchterung oder Sorge?

Das diente der Einschüchterung. Hundertprozentig. Wenn man wirklich denkt, eine Person sei suizidgefährdet – schickt man dann das LKA (Landeskriminalamt) vorbei? Die kamen aus Bodenteich, 20 Kilometer entfernt, losgeschickt vom LKA. Ich weiß nicht, was ich anders gemacht haben soll als bei allen anderen Telefonaten.

„Die werden einfach alleingelassen“

Ich habe diese Stärke, ich kriege das hin. Aber es gibt so viele Menschen, die das nicht haben. Wenn bei denen die Polizei vor der Tür steht und die Nachbarn das mitbekommen – die würden sich danach vielleicht wirklich umbringen. Ein Polizeiauto vor der Tür macht im Dorf etwas ganz anderes als in der Großstadt.

Oder meine Gesundheit: Mir wurden zweimal falsche Diagnosen gestellt. Einmal hieß es, ich hätte keinen Krebs – dann doch. Das andere Mal, es hätte gestreut – dann doch nicht. Das macht etwas mit einem. Ich habe mir den Professor geschnappt und seitdem bekomme ich eine Behandlung wie eine Privatpatientin.

Aber genau das ist meine Aussage: Egal, wo man hinkommt – andere Erkrankte schaffen das nicht. Die schaffen es nicht, ihre Erwerbsminderungsrente zu bekommen, ihr Arbeitslosengeld, ihre Grundsicherung. Die werden einfach alleingelassen. Da schaut kein Mensch nach.

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