Laut Werbung der Deutschen Post wird die kleinste Hallig und der höchste deutsche Gipfel täglich mit Post beliefert. Dass die Briefe dann aber auch zügig ausgetragen werden, besagt die Werbung nicht. Zumindest in Berlin gibt es seit geraumer Zeit Probleme bei der fristgemäßen Zustellung. Nachdem vor einer Woche Briefkästen in Grunewald leer geblieben sind, werden nun Fälle unregelmäßiger Zustellung in Charlottenburg bekannt. Und zwar nicht nur "einmalige Ausfälle", wie Postsprecherin Sylvia Blesing die Situation in Grunewald eingeordnet hatte.Zehn Stunden ArbeitSeit etwa zwei Jahren erhält der Pfarrer einer Gemeinde in Jungfernheide zwar immer einen ganzen Stapel Briefe, dafür aber nur alle paar Tage. Er hat in Erfahrung gebracht, warum: Das Zustellgebiet wurde erweitert, und der Briefträger schafft es nicht, bis zum Ende seiner Schicht bei ihm anzukommen. Der Grund: Der Pfarrer wohnt ganz am hinteren Ende der fest vorgegebenen Route. "Die Touren sind einfach nicht zu schaffen", sagt der Pfarrer.Maximal zehn Stunden dürfen Postboten am Tag arbeiten, aus Gründen des Arbeitsschutzes. "Das ist wirklich ein Dilemma", sagt die Leiterin einer Post-Filiale, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Die Briefträger haben Anweisung, ihre Arbeit nach zehn Stunden abzubrechen. Gleichzeitig haben sie aber auch die Anweisung, jeden Brief noch am gleichen Tag zuzustellen. Das ist ein Widerspruch. Was sollen sie machen?"Ob die letzten Häuser auf einer Zustellroute ihre Post bekommen, hängt davon ab, wie viele Briefe am jeweiligen Tag ausgetragen werden müssen. "Schon werktags ist es normal, dass man nicht fertig wird, jedenfalls nicht in der vorgegebenen Zeit", erzählt eine Postbotin, deren Route im Tiergarten liegt. Sonnabends sei es besonders schlimm. Dann liegt die Zahl der Sendungen deutlich höher als unter der Woche, da seit 2002 zusätzlich zum Briefverkehr die eingeschweißte Werbesammlung der Deutschen Post "Berlinaktuell" an jeden Haushalt geht. Weiter verschärft hat sich die Situation seit letztem Monat durch eine Gratis-Wochenendzeitung, die mindestens bis Ende Dezember jeden Sonnabend in einer Million Briefkästen landet. "Was ich Samstag nicht schaffe, nehme ich wieder mit und versuche, es am Montag loszuwerden", sagt die Briefträgerin aus Tiergarten. Wenn am Montag auch viel anfällt, hofft sie auf den Dienstag. So kann das schon mal eine halbe Woche dauern, bevor ein Brief ankommt. Das kennt auch der Charlottenburger Pfarrer. Samstags bekommt er überhaupt keine Post.Ungelernte AushilfskräfteWas erfahrene Briefträger an einem gewöhnlichen Wochentag gerade noch schaffen, ist für Aushilfskräfte, die bei Personal-Engpässen eingesetzt werden, unmöglich zu bewältigen. "Wer die Gegend nicht kennt, hat keine Chance", sagt ein Schöneberger Postbote. Das gelte für alle Zustellbezirke. Die ungelernten Aushilfskräfte, sogenannte Springer, werden eingesetzt, wenn die Briefträger streiken oder jemand krank ist, aber auch, um das höhere Briefaufkommen in der Weihnachtszeit zu bewältigen. Für die längerfristige Zusatzbelastung der Postboten durch die Wurfsendung "Berlinaktuell" und die kostenlose Wochenendzeitung gab es bislang keine personelle Verstärkung.Beschwerden bei den Briefträgern über nicht zugestellte Post gibt es allerdings selten. "Das merken die Leute ja gar nicht", sagt die Briefträgerin aus Tiergarten. "Wer erwartet schon täglich Briefe? Die denken eben, es gibt heute keine Post für sie." Wenn doch jemand fragt, sagt sie die Wahrheit. "Ich will nicht, dass es heißt, wir sind faul. Das ist ja nicht die Schuld der Kollegen, dass sie nicht fertig werden", sagt sie.------------------------------Foto: Wann ein Brief innerhalb von Berlin ankommt, ist Zufall.
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