Wokismus

Skandal um Jason Arday: Cambridge wollte einen Superstar – und bekam einen Suizid

Ausgerechnet der Mann, der Ardays Betrügereien aufgedeckt hat, steht am Pranger. Das System kriselt: Der Aufklärer wird zum Sündenbock. Ein Gastbeitrag.

Carl-Victor Wachs
Carl-Victor Wachs
7 Min
Mahnwache einer Aktionsgruppe „Stand Up to Racism“ für Jason Arday am Londoner Trafalgar Square

Mahnwache einer Aktionsgruppe „Stand Up to Racism“ für Jason Arday am Londoner Trafalgar Square

© Yui Mok/PA Wire/dpa

Am 14. August fand man Jason Arday tot in seiner Londoner Wohnung. Neun Tage zuvor war er als Cambridge-Professor zurückgetreten, drei Wochen, nachdem der amerikanische Philosoph Nathan Cofnas nachgewiesen hatte, dass weite Teile seiner Lebensgeschichte erfunden waren.

2023 war Arday unter großem Aufsehen zu Cambridges jüngstem schwarzen Professor ernannt worden. Seine Biografie klang wie ein Drehbuch: Als Kind sprach er erst mit elf, las erst mit achtzehn. Dann der steile Aufstieg über mehrere Universitäten bis zur Professur in Cambridge.

Journalisten liebten die Geschichte, der Guardian widmete ihm ganze Porträts. Die Anglia Ruskin University, auch in der Stadt Cambridge ansässig, verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. Cambridge, Ort von Legenden wie Darwin, Newton und Wittgenstein, ergötzte sich an dieser Heldengeschichte.

Cofnas warf Arday auch akademisches Plagiat vor. Er habe große Teile seiner Doktorarbeit und mehrerer Aufsätze übernommen. Die Vorwürfe reichen zudem weiter zurück, als Cofnas’ Substack-Text es vermuten lässt. Schon im September 2025 recherchierte ein Reporter von Times Higher Education in der Angelegenheit. Ardays Anwaltskanzlei Carter-Ruck, eine der schärfsten Klingen im britischen Medienrecht, schickte daraufhin ein Schreiben – die Zeitschrift ließ die Geschichte fallen.

188 nahezu identische Sätze

Auch der als unabhängiger Prüfer hinzugezogene Biochemiker David Sanders von der Purdue University fand schon damals „zweifelsfrei umfangreiches Plagiat“. Ein Jahr später verglich Cofnas Ardays Doktorarbeit von 2015 mit einer 2009 an der Brunel University eingereichten Dissertation von Paula Zwozdiak-Myers: 188 identische oder nahezu identische Sätze, statistisch eine Zufallswahrscheinlichkeit von eins zu hundert Milliarden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Die biografischen Details, die laut Cofnas einer Prüfung nicht standhielten, muten bizarr an, etwa dass Arday mit gebrochenem Bein 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen sein soll. Innerhalb von 22 Tagen erschienen knapp 250 Artikel über den Fall. Am 5. August kündigte Cambridge eine Untersuchung an. Stunden später trat Arday zurück. Jetzt ist er tot.

Was danach geschah, verdient mehr Aufmerksamkeit als der Fall selbst. Es ist ein Lehrstück über den ältesten Mechanismus, den Gemeinschaften kennen, um eine Krise zu beenden: das Opfer zu wechseln.

Statt zu fragen, wie das System einen Menschen jahrelang in eine Position hebt, der er erkennbar nicht gewachsen ist, richtete sich die Wut gegen den Mann, der den Skandal aufgedeckt hat. Cofnas berichtet von Morddrohungen. Bei einer Mahnwache in London verurteilten ihn mehrere Redner namentlich. Die britische Journalistengewerkschaft nannte ihn „zutiefst besorgniserregend“ und betonte seine Selbstbeschreibung als „Race Realist“.

Die Universität Gent suspendierte Cofnas von seiner Postdoc-Stelle. Erst als der amerikanische Botschafter in Belgien öffentlich intervenierte und mit einer Überprüfung der Beziehungen zu Gent drohte, hob die Universität die Suspendierung wieder auf. Cofnas führt seinen Postdoc wie geplant fort.

Fazit: Ein Mann schreibt einen faktentreuen Artikel. Ein anderer stirbt an den Folgen einer Lüge, die er über Jahre selbst aufgebaut hat. Und die Institution, die diese Lüge jahrelang wissentlich mitgetragen hat, sucht einen Schuldigen, der nicht sie selbst ist.

René Girard hat diesen Mechanismus vor einem halben Jahrhundert präzise beschrieben. Eine Gemeinschaft in der Krise stellt ihren inneren Frieden wieder her, indem sie die Schuld auf einen Einzelnen überträgt, bevorzugt auf den, der die Krise sichtbar gemacht hat.

Wie kann das sein? Es kann so sein, weil es immer schon so sein konnte. Das ist der eigentliche Skandal. Ein Jahr lang wusste ein Teil der akademischen Welt, was ein Anwaltsschreiben verschleiern sollte. Als Arday einen Überfall mit einem Messer in seinem Büro meldete, der sich laut Cambridges interner Prüfung nie belegen ließ, blieb auch das folgenlos.

Ein System, das Ardays Geschichte brauchte

Wer diese Fäden über Jahre kennt und trotzdem stillhält, hat sich längst entschieden: für die Geschichte, die man mit Arday erzählen konnte. Das Versagen liegt in einem System, das Ardays Geschichte brauchte und ihn deshalb jahrelang gewähren ließ.

Er trägt für das, was er getan hat, selbst die Verantwortung. Aber eine Universität, die einen Menschen vor allem deshalb auf eine Professur hebt, weil er als Symbol taugt, tut diesem Menschen keinen Gefallen. Sie verschiebt die Frage nach seiner tatsächlichen Eignung – am liebsten für immer.

Ich kenne dieses System von innen. Von 2011 bis 2015 studierte ich am Corpus Christi College in Cambridge moderne Sprachen und Linguistik. Als ich für ein studentisches Gremium kandidieren wollte, rieten mir sowohl Fakultätsmitglieder als auch Kommilitonen offen ab. Die Begründung, wortwörtlich: „There is no space for a cis white man.“ Kein Platz für einen weißen Cis-Mann.

Cis bedeutet hier lediglich, dass die eigene Geschlechtsidentität dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, ein rein beschreibender Begriff, den man mir als Ausschlussgrund entgegenhielt. Man riet mir unumwunden ab, aus einem einzigen Grund: meine Hautfarbe und mein Geschlecht. Nach der Definition, die diese Institutionen selbst verwenden, ist das sexistisch und rassistisch, exakt das, was sie zu bekämpfen behaupten.

Beweisstück für die Diversitätsbilanz

Verteidiger der Praxis würden einwenden, es handle sich um einen bedauerlichen Einzelfall. Das überzeugt nicht. Wer einem Kandidaten aus falscher Rücksicht die normale Prüfung erspart, hält ihn insgeheim für weniger belastbar als andere. Das ist eine Erwartung, die man an einen weißen Kandidaten mit identischer Aktenlage nie gestellt hätte.

Wer wirklich an einen Menschen glaubt, prüft ihn ehrlich und hilft ihm dorthin, wo ihn seine Fähigkeiten tragen. Und andersherum: Wer ihn nur als Beweisstück für die eigene Diversitätsbilanz braucht, schaut weg. Wird es unbequem, stößt er ihn ohne Netz von der Bühne.

Arday war offenkundig ein Mensch mit echten Schwierigkeiten, und was in den letzten Wochen seines Lebens in ihm vorging, verdient keinen Spott. Genau deshalb ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet Cofnas, der Mann, der die Lügen aufdeckte, in seinem eigenen Text am vorsichtigsten mit ihm umgeht.

Cofnas nennt Arday einen Erwachsenen, der für sein Handeln verantwortlich war, und beschreibt ihn zugleich als jemanden, der primär auf Anreize reagierte, die andere geschaffen hatten. Diese Nüchternheit fehlt fast allen, die seither über Arday urteilen. Sowohl denen, die ihn zum reinen Betrüger erklären, als auch denen, die jede Kritik an ihm für Rassismus halten. Einzig Jochen Bittner, Zeit-Korrespondent in London, findet die Balance.

Wer Cofnas zum Buhmann macht, verwechselt zwei völlig verschiedene Dinge: die Verantwortung für eine Tat und die Verantwortung für ihre Aufdeckung. Rund drei Viertel der Beiträge zu dem Fall erschienen erst in den neun Tagen nach Ardays Rücktritt, ihr Nachrichtenwert war gegen Ende zweifelhaft.

Die Getriebenheit und das Bedürfnis, auch den letzten Winkel einer zerstörten Existenz noch einmal auszuleuchten, kamen nicht von Cofnas. Sie kam von einer Medienlandschaft, die sich an genau der Art von moralischem Spektakel labt, die sie bei Cofnas anprangert.

Auffällig ist auch, wie wenig es Cofnas’ Kritikern um den eigentlichen Inhalt seines Textes geht. Stattdessen verweist man auf andere, deutlich kontroversere Beiträge, die er zu Fragen von Herkunft und Begabung geschrieben hat, um ihn insgesamt zu diskreditieren, ein altbekannter Trick. Gegen den Boten statt gegen die Botschaft. Die statistische Kernbehauptung bleibt davon unberührt.

Debatte über Gesinnung

Ein Kommentator brachte den Vorwurf gegen Cofnas so auf den Punkt: Menschen wie er glaubten schlicht nicht, dass schwarze Wissenschaftler Professuren verdienten. Eine bequeme Zeile, aber eine faule Verkürzung. Cofnas schreibt selbst, es gebe zahlreiche brillante schwarze Wissenschaftler. Sein eigentlicher Einwand gilt einem Prüfverfahren, das bei diesem einen Bewerber offenkundig großzügiger vorging als bei jedem anderen. Diesen Unterschied zu verwischen, macht aus einer Debatte über Standards eine Debatte über Gesinnung. Bequemer als plagiierte Fußnoten.

Am Ende bleibt ein einfacher Test. Hätte Cambridge Arday tatsächlich helfen wollen, hätte man ihn früh und ehrlich mit seinen Schwächen konfrontiert. Eine Position ohne Forschungsdruck, etwa in der Studienberatung, hätte seine echten Stärken getragen. Stattdessen wurde er zu lang als Trophäe gehalten und an einem einzigen Nachmittag im August fallen gelassen.

Ein System braucht Symbole, und es findet immer welche. Ein System in der Krise braucht ein Opfer. Zerbröselt das Symbol, wird der Aufklärer zum Sündenbock. Diesmal ist es der Mann, der als Einziger die Wahrheit geschrieben hat.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner