Stilkritik

Goldanzug und Schweißfuß: Alexander Skarsgård stellt die Herrenmoderegeln in Frage

Was ist männliche Kleidung? Diese Frage scheint Alexander Skarsgård in den vergangenen Monaten zu stellen, indem er ihre Regeln bricht. Eine Stilkritik.

3 Min
Alexander Skarsgård traut sich was.

Alexander Skarsgård traut sich was.

© IMAGO/OLIVIER BORDE / BESTIMAGE

Lange galt ein Mann auf dem roten Teppich als besonders begehrenswert, wenn er sich möglichst wenig modische Mühe anmerken ließ. Ein dunkler Anzug, ein weißes Hemd, fertig. Alexander Skarsgård macht das Gegenteil: Leo-Muster, Dekolleté, und Transparenz. Damit erhitzt er in den Sozialen Medien die Gemüter.

Zur Premiere seines Films „Wicker“ in London trägt Skarsgård kein Hemd unter dem goldenen Sakko und keine Socken in seinen transparenten Saint-Laurent-Schuhen.Oben der Körper eines Filmstars, gerahmt von Gold. Unten: Zehen hinter Plastik, die sofort an Schweißfüße denken lassen. Der Blick folgt zunächst der glänzenden Silhouette und landet dort, wo ein eleganter Schuh gewöhnlich alles diskret abschließt, aber nicht in diesem Fall.

Die Kommentare unter einem Instagram-Bild von Entertainment Tonight kommentieren entsprechend. „Straight to jail“, schreibt jemand: direkt ins Gefängnis. Eine andere Person meint, gemusterte Socken hätten großartig aussehen können – warum also barfuß in Plastik?

Anthony Vaccarellos letzte Show für Saint Laurent liegt erst wenige Tage zurück. Am 29. September ließ er in Paris eine Kollektion in Gold zeigen; am 9. Oktober gab das Modehaus seinen Abschied bekannt. Dazwischen, am Abend des 8. Oktober, erschien Alexander Skarsgård zur Londoner Vorführung von Wicker im goldenen Anzug von Saint Laurent. Im Rückblick wirkt der Auftritt wie eine Verneigung vor dem Designer.

Alexander Skarsgård bei der Premiere des Kinofilms „Pillion“ im Kino International in Berlin.

Alexander Skarsgård bei der Premiere des Kinofilms „Pillion“ im Kino International in Berlin.

© IMAGO/Manfred Behrens

Worum geht es hier wirklich?

In „Wicker“ spielt Olivia Colman spielt eine Fischerin, die in ihrem Dorf als unverheiratete Außenseiterin gilt. Sie beauftragt einen Korbmacher, ihr einen Ehemann aus Weidengeflecht zu fertigen. Skarsgård spielt diesen Mann, der nach den Wünschen einer Frau gestaltet wurde.

In „Pillion“ hingegen spielte Skarsgård Ray, einen dominanten Biker, der mit dem schüchternen Colin, gespielt von Harry Melling, eine schwule BDSM-Beziehung eingeht. In „Pillion“ verkörpert er eine betont dominante Männlichkeit, allerdings in einer homosexuellen Beziehung. Beide Rollen hinterfragen auf unterschiedliche Weise, was einen Mann, neben einem trainierten Körper und einem symmetrischen Gesicht, begehrenswert macht.

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Alexander Skarsgård bei der Paris Fashion Week. Mehr Regelbruch geht kaum.

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© IMAGO/OLIVIER BORDE / BESTIMAGE

Im Raum steht die Frage, die des Pudels Kern offenbart: Wie kann man Skarsgård als Figur in „Wicker“ oder Pilion attraktiv finden, aber bei durchsichtigen Schuhen sofort aussteigen? Die Reaktionen gelten nicht dem goldenen Anzug oder den Schuhen; sie gelten dem Regelbruch für Männlichkeit.

Was also darf Mann tragen? Gibt es eine männliche Sexyness, die weder auf Unnahbarkeit noch auf demonstrative Lässigkeit angewiesen ist? Natürlich funktioniert diese Frage leichter, wenn man Alexander Skarsgård ist. An einem weniger berühmten oder weniger schönen Mann würden dieselben Schuhe womöglich bloß befremden, hier entsteht eine Debatte über Männlichkeit.

Ob man die Schuhe schön findet, ist fast nebensächlich. Die entscheidende Frage ist, ob Skarsgård als Mann auch mit ihnen begehrenswert sein kann. Das darf jeder und jede selbst entscheiden. Wir finden Mut jedenfalls attraktiv.

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