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„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“ – das Dichterwort von Hermann Hesse stand auch über dem Tag meiner Einschulung vor 80 Jahren im Oktober 1945 in Berlin-Neukölln. Nach Trümmertagen und Entbehrungen waren wir in die 21./23. Volksschule in der Weisestraße beordert worden. In beiden Teilen der Stadt – in den drei Westbezirken und im Ostteil unter sowjetischer Besatzung – begann wieder der Schulbetrieb, der eigentlich im April 1945 Einschulungen vorgesehen hatte. Noch war Groß-Berlin eine Verwaltungseinheit.
Für die erste Klasse in der Weisestraße waren wir etwa 50 Jungen – Koedukation war noch fern. Es gab drei erste Klassen. Schreibgeräte, Papier und vor allem Schultüten fehlten. Einige Mütter – die Väter waren im Krieg gefallen oder befanden sich in Gefangenschaft – hatten mit viel Erfindergeist Schultütenersatz gebastelt. Bevorzugt waren weiße Kopfkissenbezüge, in die alle möglichen Dinge gefüllt wurden, auch Süßigkeiten, soweit vorhanden. Es war wohl dieselbe weiße Bettwäsche, die sie ein paar Monate zuvor an Besenstielen aus den Fenstern gehängt hatten, zum Beweis der Friedfertigkeit gegenüber den einmarschierten Rotarmisten. Jetzt war Neukölln seit Juli 1945 unter amerikanischer Besetzung, was nach Auskunft unserer Klassenlehrerin dazu führte, dass wir beim Schreiben zunächst einmal nur die Blockschrift erlernten.
Kinder spielen in den Trümmern von Berlin, 1947.
© United Archives/imago
Sechs- und Zwölfjährige in der gleichen Klasse
Die Altersunterschiede in unserer Klasse waren gewaltig. Was daran lag, dass viele verspätet von der „Kinderlandverschickung“ heimgekehrt oder aus den Ostgebieten oder dem Sudetenland geflüchtet waren. Die Jüngsten waren sechs, der Älteste zwölf Jahre alt. Und da die Älteren häufig dazu neigten, die Jüngeren grundlos zu verprügeln, empfahl es sich für die Kleinen, einen starken, meist älteren Begleiter an der Seite zu haben, der auf dem Schulweg eine Art Personenschutz übernahm. Das ließ sich mit kleinen Geschenken oder auch mit freundschaftlichen Gesprächen erreichen. Ich machte es mit Abgaben von meinem Pausenbrot – Nahrungsmittel waren knapp. Der zwölfjährige Alterspräsident war übrigens ein recht gemütlicher, ruhiger Schüler, der häufig im Unterricht einschlief. Er wohnte bei seiner Großmutter, die er eines Tages umbrachte, weil sie ihm das Taschengeld verweigerte.
Soziale Nöte und Kriminalität waren nicht selten unter den Schulkameraden der ersten Nachkriegsjahre. In der Neuköllner Okerstraße wohnte eine Mutter mit 13 Kindern in zwei Zimmern. Ein Besuch dort blieb unvergesslich. Der „kleine Werner“ aus der Weisestraße brachte es mit seiner Räuberbande zu einer lokalen Berühmtheit. Mit Interesse las ich später die Berichte über seine Raubzüge in der Mittagszeitung „Der Abend“.
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Es galten die im Juni 1945 erlassenen „Richtlinien für die Wiederaufnahme des Schulbetriebs“. Am 15. Oktober 1945 waren erste Übergangslehrpläne für die Berliner Volksschulen ausgegeben worden. Von den ehemals 14.000 Lehrkräften wurden die 2474 NSDAP-Mitglieder aus dem Schuldienst entfernt. Wie der Magistrat 1946 feststellte, kehrten jedoch nur 2663 Lehrkräfte ins Lehramt zurück. Der Arbeitskräftemangel zwang hier zu wirksamen Maßnahmen der Anwerbung.
Kindergärtnerin spielt mit ihrer Kindergruppe vor den Ruinen des Potsdamer Stadtschlosses nahe Berlin, Deutschland 1946.
© Erich Andres/imago
Gute Zensuren für eine Bernsteinkette
Wir dümpelten in unserer ersten Klasse im Arbeiterbezirk Neukölln so dahin. Die Schulleitung kam zunächst in weibliche Hände – bis auch hier wieder ein Mann eingesetzt wurde. Unsere Klassenlehrerin Fräulein Aranowski – auf diese Anrede legte sie besonderen Wert – wurde in gute Stimmung gebracht und zu guten Zensuren bewogen, wenn die Schüler Geschenke spendierten. Aus der Weihnachtszeit 1945 ist mir eine Bernsteinkette in Erinnerung, die ein Schüler von zu Hause mitbrachte. Ansonsten waren natürlich Nahrungsmittel zentrale Gaben, darunter dicke Bündel von Brennnesseln, die in jenen Tage als Spinatersatz verwendet wurden.
Im Laufe des Jahres 1946 schickte uns die Neuköllner Schulverwaltung einen 19-jährigen jungen Mann als Klassenlehrer, dem – offenbar zur Vorsicht – ein älterer, kriegsversehrter Kollege beigeordnet war. Für mich ist dieser Klassenlehrer namens Galla das größte pädagogische Talent, das mir je begegnet ist. Wenn ich mich um Ehrlichkeit bemühe, dann wahrscheinlich auch deshalb, weil ich von ihm das beste Zeugnis erhielt, das mir in 13 Jahren an Neuköllner Schulen zuteilwurde: Sechs Fächer, davon in drei Fächern eine Eins! Leider habe ich Herrn Galla danach nie wiedergesehen.
Eine kleine Recherche ergab in den 60er-Jahren jedoch, dass er offenbar in der Hierarchie der Neuköllner Schulverwaltung zum Schulrat oder Ähnlichem aufgestiegen war. Ich fühlte mich in meiner überschwänglichen Einschätzung bestätigt. Da war einer, der aus der Zeit der Ruinen in die strahlenden Sphären der Bildungspolitik gelangt war.
Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion.
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