DDR-Klassiker

So viele Wartburg fahren noch auf deutschen Straßen

Noch immer rollen Tausende in Eisenach gebaute Automobile der Marke Wartburg über deutsche Straßen. Warum die DDR-Rarität bei Oldtimer-Fans ein Comeback erlebt.

OAZ
4 Min
Noch etwa 9.100 Fahrzeuge der DDR-Marke Wartburg fahren heutzutage über deutsche Straßen.

Noch etwa 9.100 Fahrzeuge der DDR-Marke Wartburg fahren heutzutage über deutsche Straßen.

© Steve Bauerschmidt/Imago

Gut 35 Jahre nach dem Ende der Produktion sind auf deutschen Straßen noch etwa 9.100 Fahrzeuge der DDR-Marke Wartburg zugelassen. Wie aus aktuellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg mit Stand Anfang 2025 hervorgeht, steigen die Zulassungszahlen seit 2015 wieder langsam, aber stetig an – nachdem sie zuvor über mehr als zwei Jahrzehnte dramatisch eingebrochen waren.

Die Fans des kantigen Eisenachers sitzen dabei – wenig erstaunlich – ganz überwiegend im Osten: Nur 958 der zugelassenen Wartburgs befinden sich in den westdeutschen Bundesländern. In Sachsen sind mit knapp 2.700 die meisten Exemplare gemeldet, gefolgt von Thüringen mit über 1.700 sowie Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit jeweils fast 1.500. In Berlin dagegen sind es gerade einmal knapp 200 Fahrzeuge.

Fachleute erklären den leichten Aufwärtstrend damit, dass die Preise für nostalgische DDR-Fahrzeuge gestiegen sind. Das mache es für Liebhaber wieder attraktiv, längst stillgelegte Wartburgs aus Scheunen und Garagen zu holen, sie zu reparieren und aufzupolieren. Dennoch bleibt der Wagen auf der Straße eine absolute Rarität – am ehesten begegnet man ihm bei Oldtimer- oder Wartburg-Treffen. Das nächste internationale Wartburgfahrer-Treffen findet laut den Veranstaltern unter dem Motto „Heimweh“ vom 31. Juli bis 3. August in Eisenach statt.

Schwarzer Tag für eine ganze Region

Um die Bedeutung des Wartburg zu verstehen, muss man auf den 10. April 1991 zurückblicken – einen Tag, der sich tief ins Gedächtnis der Eisenacher eingebrannt hat. An jenem Mittwoch rollte im Automobilwerk Eisenach (AWE) der letzte Wartburg vom Band, geschmückt mit einer Trauerschleife. Während der Betriebsdirektor seine Rede hielt, platzte es aus einem jungen Arbeiter heraus: „Die DDR wird das Armenhaus, so sieht es aus! Macht euch das endlich klar!“, rief er seine Verzweiflung in die laufenden Kameras. Viele Kollegen hatten Tränen in den Augen. Großdemonstrationen, Proteste, sogar die Blockade der Autobahn – alles blieb ergebnislos.

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Rund 10.000 Mitarbeiter zählte das AWE zu DDR-Zeiten, wie die Historikerin Jessica Lindner-Elsner vom Automobilmuseum Eisenach laut einem Bericht des MDR erläutert. Dazu gehörten Betriebsteile außerhalb der Stadt, Partei- und Gewerkschaftsstrukturen, die Staatssicherheit im Betrieb sowie zahlreiche Sozialeinrichtungen von Kindergärten bis zu Ferienheimen. Am Tag der Schließung war von der Belegschaft nur noch die Hälfte übrig.

Überraschend kam das Ende freilich nicht. Lindner-Elsner spricht von einem „Sterben auf Raten“: Der Absatz des Wartburg war nach der Wende eingebrochen, die Produktion viel zu teuer – jedes Fahrzeug musste zur Hälfte subventioniert werden. Ursprünglich sollte das AWE weiterproduzieren, bis Opel sein neues Werk eröffnete, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Doch bereits Ende 1990 erwog die Treuhandanstalt aus finanziellen Gründen die sofortige Schließung. Betriebsdirektor, Betriebsrat und Gewerkschaft erkämpften eine Verlängerung – bis sämtliche Materialbestände aufgebraucht waren.

Vom Wartburg zum Vectra

„Eine ganz beschissene Stimmung war das“, erinnert sich Holger Grabe, der damals als Werkzeugmacher in der Presserei arbeitete. „Keiner wusste, was wird. Und alle haben sie nicht die Masse an Arbeitskräften gebraucht, die da war.“

Opel hatte zwar bereits im Oktober 1990 eine kleine Fertigung des Modells Vectra in Eisenach begonnen, das eigentliche neue Werk wurde jedoch erst zwei Jahre später eröffnet. Die schlanke Montage bot selbst im Dreischichtbetrieb nur rund 2.000 Arbeitsplätze – ein Bruchteil der früheren Belegschaft. Immerhin entstanden aus ehemaligen Betriebsteilen des AWE zahlreiche Ausgründungen, von denen einige wie Benteler und Hirschvogel bis heute existieren.

Der erste Wartburg lief 1956 unter der Bezeichnung 311 vom Band, 1966 folgte der legendäre 353, der mehr als zwei Jahrzehnte lang produziert wurde. Insgesamt verließen bis zum Produktionsstopp 1991 rund 1,2 Millionen Wartburgs das Werk. Aus dem Eisenacher Fahrzeugwerk, das Ende des 19. Jahrhunderts gegründet worden war, kamen insgesamt über 1,8 Millionen Automobile. Anders als der Trabant mit seiner Duroplast-Karosserie besaß der Wartburg dabei eine Karosserie aus Stahlblech.

Automobilstandort Eisenach

Eisenach ist durch das Opel-Engagement Automobilstandort geblieben – an keinem anderen deutschen Standort werden laut dem Museum „Automobile Welt Eisenach“ länger ununterbrochen Autos gebaut. Das Museum, untergebracht in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude des AWE, dokumentiert diese lange Geschichte. Im Obergeschoss können Besucher anhand eines Modells des einstigen Werksgeländes erahnen, welche Dimensionen es einmal hatte. Der letzte in Eisenach gebaute Wartburg 1.3 steht dort als stilles Zeugnis einer untergegangenen Epoche.

Zehn Jahre nach dem Produktionsende waren laut Kraftfahrt-Bundesamt noch rund 52.000 Wartburgs zugelassen, 2011 nur noch etwa 7.500. Dass die Zahl inzwischen wieder auf 9.100 geklettert ist, zeigt: Der Wartburg mag als Alltagsfahrzeug Geschichte sein – als Liebhaberstück lebt er weiter.

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