Sebastian Wells (26) reiste nach Kiew, weil er es nach Kriegsbeginn nicht ertragen konnte, untätig in Mitteleuropa zu bleiben und an Kunstprojekten zu arbeiten. Der Berliner traf dort den 21-jährigen Fotografen Vsevolod Kazarin, mit dem er 34 junge Menschen in der Hauptstadt der Ukraine fotografierte.
Gemeinsam mit Andrii Ushytskyi, der die Fotografien der beiden jungen Männer mit Texten ergänzte, wurden sie auf ihre eigene Weise zu Kriegsreportern. Nicht, indem sie mit verletzten Soldaten und zerstörten Städten auf die Verbrechen Russlands in der Ukraine aufmerksam machen wollen – Kazarin und Wells wollen uns zeigen, was es in der Ukraine zu verteidigen gibt: Junge Menschen mit Hoffnung und Mut, die in einem unabhängigen Land aufgewachsen und nicht bereit sind, ihre Freiheit abzutreten.
Immer weniger Freiwillige: Die Helfer brauchen Hilfe
„Wir sind mit der Kamera auf den Straßen in Kiew unterwegs gewesen und haben junge Menschen angesprochen, die wir zufällig getroffen haben. Keines der Fotos war vorher geplant oder abgesprochen.“ Sebastian Wells erzählt, wie er gemeinsam mit Vsevolod Kazarin innerhalb kürzester Zeit entschied, ein Fotoprojekt auf die Beine zu stellen. Sie wollten jungen Menschen eine Bühne bieten. Eine Bühne auf den Straßen einer Hauptstadt im Krieg, in der das Leben dennoch irgendwie weitergehen muss. Das sieht man auch in den ernsten Gesichtern der jungen Leute, wie zum Beispiel Eugene, der auf einem Betonblock sitzt und durch eine getönte Sonnenbrille in die Kamera blickt. Mit seinen rosa-schwarzen Schuhen und der ausgefransten Jeans könnte er auch auf dem Weg zu einer Party in Berlin sein, wären da nicht die eisernen Panzersperren und Sandsäcke im Hintergrund.
Taubheit und ein neues Nationalgefühl
Die jungen Leute in Kiew seien nicht verängstigt, sagt Vsevolod Kazarin. „Vielmehr haben wir jungen Ukrainer ein Taubheitsgefühl entwickelt, eine Art Schutzpanzer für die permanent eintreffenden schrecklichen Neuigkeiten aus dem Osten des Landes.“ Das beschreibt auch Andrii Ushytskyi in einem einführenden Text, in dem er erzählt, wie die zeitweise tägliche Flucht vor dem Heulen des Fliegeralarms in einen ihm immer vertrauter werdenden Bunker führt. Ushytskyi fühlt sich in der Ukraine seit Kriegsbeginn auf eine neue Weise verwurzelt. Dieses neue Nationalgefühl, das die Ukraine in diesem Angriffskrieg zusammenschweißt, sagt er, sei eine merkwürdige Situation für ihn. Etwas, das er zuvor so nicht spürte.
Blockaden: Ich finde es gut, wenn ihr für meine Generation protestiert. Aber so?
Mit der Unterstützung der Akademie der Künste und des Berliner Grafiker-Kollektivs Scrollan ist ein beeindruckendes Magazin entstanden, das den Krieg in der Ukraine durch die Augen der jungen Menschen Kiews dokumentiert. Oder vielleicht müsste man vielmehr sagen in den Augen der jungen Kiewer. Denn alle Fotografierten blicken mit ernstem Blick direkt in das Objektiv und spiegeln uns auf subtile Weise, was es bedeutet, in einer freiheitlichen Großstadt zu leben und zu funktionieren, während das Heimatland mit einem Krieg überzogen wird, der genau diese Freiheit beenden soll. Sie spiegeln das, was es in der Ukraine zu verteidigen gibt.
Das Magazin Solomiya erscheint Ende Juni und kann hier bestellt werden: www.solomiyamag.com/product/solomiya-no-1
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