Südkorea passt seine Nordkorea-Politik an. Wie Vereinigungsminister Chung Dong-young am Donnerstag mitteilte, will die Regierung den Grundsatz „Denuklearisierung zuerst“ aufgeben und stattdessen auf einen „Peace First“-Ansatz setzen, berichtet Reuters. Das langfristige Ziel einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel bleibe jedoch bestehen.
Warum Seoul die Vorbedingung streicht
Die Forderung nach einer Denuklearisierung als Voraussetzung für Gespräche habe den Dialog verhindert, erklärte Chung. Der formelle innerkoreanische Dialog ruht nach Angaben des Ministers seit sieben Jahren.
„Wenn man Denuklearisierung zuerst an den Eingang der Gespräche stellt, dann geht die Tür nicht auf“, sagte der Minister laut der Zeitung Korea JoongAng Daily. Chung sieht den Kurswechsel als Teil eines breiteren Trends. Selbst die Supermächte USA und China hätten die Doktrin faktisch aufgegeben, sagte er.
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Was hinter „Peace First“ steckt
Kern des neuen Ansatzes ist es, zunächst einen Stopp der nordkoreanischen Nuklearaktivitäten anzustreben, statt eine vollständige Abrüstung als Vorbedingung zu verlangen. Südkorea entwickelt laut Chung eine Strategie mit dem Ziel, Nordkoreas Atomprogramm zunächst einzufrieren.
Fortgesetzte Verzögerungen würden Pjöngjang nur erlauben, sein Arsenal weiter auszubauen, argumentierte der Minister. Nordkorea betreibe weiterhin Zentrifugen in unterirdischen Urananreicherungsanlagen sowie einen plutoniumproduzierenden Reaktor in Yongbyon.
Chung verwies auf neue Schätzungen zum Umfang des Arsenals. Laut dem SIPRI-Jahrbuch 2026, veröffentlicht im Juni, verfügt Nordkorea über 60 zusammengebaute Sprengköpfe – ein Jahr zuvor waren es 50, berichtete Korea JoongAng Daily. Das Land halte zudem genug spaltbares Material für bis zu 90 Sprengköpfe.
Pjöngjang lehnt Gespräche ab
Trotz der Annäherungsversuche von Südkoreas Präsident Lee Jae-myung bleibt Nordkorea Reuters zufolge abweisend. Lee hatte unter anderem Lautsprecherdurchsagen gegen Pjöngjang ausgesetzt und Schritte gegen den Start von Propaganda-Flugblättern durch Aktivisten eingeleitet.
Pjöngjang erklärte laut Reuters jedoch, kein Interesse an den Vorschlägen oder an einer Wiederaufnahme des Dialogs zu haben. Man warf Lee vor, mit den engen Beziehungen zu den USA eine Konfrontationspolitik fortzuführen.
Dennoch sieht Chung weiterhin ein „strategisches Interesse“ an Gesprächen sowohl in Nordkorea als auch in den USA. Erwartete Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping könnten aus seiner Sicht entscheidende Gelegenheiten bieten.
Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea: „Nicht eins, nicht zwei“
Der Kurswechsel ist eingebettet in ein Rahmenkonzept, das Chung laut Korea JoongAng Daily als „zwei friedliche Staaten, die eine Vereinigung anstreben“ beschrieben hatte. Dies sei Seouls Antwort auf eine Erklärung Kim Jong-uns, wonach die beiden Koreas verfeindete, getrennte Staaten seien.
Zur Erklärung griff Chung nach Angaben der Zeitung auf ein Konzept des buddhistischen Mönchs Wonhyo aus dem siebten Jahrhundert zurück: „nicht eins, nicht zwei“ – zwei getrennte Staaten, die dennoch auf eine spätere Vereinigung hin verbunden bleiben.
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