Im Café Sibylle in der Karl-Marx-Allee stehen nicht nur die Torten in Vitrinen. Auch Stalins Ohr liegt hier hinter Glas. In der Nacht des 13. November 1961, als des Sowjet-Diktators Denkmal heimlich abgebaut wurde, steckte es sich einer der Monteure in die Tasche. Der Rest der Statue wurde weiterverarbeitet: zu Tierplastiken für den Tierpark Friedrichsfelde. Ob Stalin dort als wilder Keiler oder zahmes Kätzchen wieder auferstanden ist, kann heute bedauerlicherweise nicht mit Sicherheit gesagt werden. Nur das Ohr konnte gerettet werden - der Monteur gab es vor einigen Jahren im Café Sibylle ab.Geschichten wie diese, allesamt von der Karl-Marx-Allee in Mitte und Friedrichshain, der einstigen Stalinallee, werden anhand von Dokumenten und Fundstücken im hinteren Teil des Cafés erzählt. Hier findet man zum Beispiel die abgegriffenen Heftchen mit den Aufbaumarken, die in den 50er-Jahren freiwillige Helfer motivieren sollten, nach dem Arbeitstag im Büro noch eine Schicht auf dem Bau zu schieben: Wer hundert Halbschichten geschuftet hatte, bekam ein Los und mit etwas Lotto-Glück sogar eine Wohnung in den "Palästen für die Arbeiter", dem sozialistischen Architekturensemble nach sowjetischem Vorbild.Erinnerung an ArbeiterprotestIn einer Schreibmaschine steckt noch der Brief der Bauarbeiter vom Bettenhaus Friedrichshain - als hätte er den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, nie erreicht. Darin bitten die Arbeiter am 15. Juni 1953 noch höflich, die Normenerhöhungen rückgängig zu machen. Was danach passierte, ist Geschichte. An dem Abschnitt C vorbei, in dem das Café Sibylle im selben Jahr zunächst als "Milchtrinkhalle" eröffnete, marschierten zwei Tage später erst die aufgebrachten Bauarbeiter zum Strausberger Platz. Dann rollten hier die Panzer entlang und das Fundament der jungen Republik bekam ausgerechnet auf den Baustellen der Stalinallee die ersten Risse.Zwar erholte sich die Allee von ihrem Geburtstrauma, überstand sowohl die Umstellung vom aufwändigen Zuckerbäckerstil auf die billigere Plattenbauweise wie auch die Namensänderung in Karl-Marx-Allee. Doch der Glanz des einstigen Prachtboulevards schimmerte nur noch matt von den Keramikfassaden der Häuser. Bald brachte der DDR-Bürger die Karl-Marx-Allee hauptsächlich mit den großen Militäraufmärschen in Verbindung, für welche die breiten Straßen reichlich Platz boten.Auch die jährliche Demonstration zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zog hier vorbei. "Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden", hatte Luxemburg gesagt. Aber als sich im Januar 1988 ein paar hundert Oppositionelle und Ausreisewillige dies auf ihre Plakate schrieben, wurden 35 Jahre nach dem Panzeraufmarsch vom 17. Juni wieder Demonstranten auf der Allee festgenommen. Die Fassade der Karl-Marx-Allee war da schon brüchig geworden - wie auch die des Staates, dessen Prestigeobjekt sie einst war.Der Strausberger Platz und die Karl-Marx-Allee sind nur zwei Stationen des Stadtspaziergangs "Geteilte Stadt: Ost-Berlin", der heute der Berliner Zeitung beiliegt und der sich auf die Spuren Ost-Berliner Geschichte begibt. Der Stadtspaziergang dauert insgesamt etwa vier Stunden und führt von der Bernauer Straße über die Friedrichstraße und die Karl-Marx-Allee zum Alexanderplatz (zirka fünf 5 Kilometer).------------------------------KORREKTURIm Stadtspaziergang vom vergangenen Freitag ist der Balkon des ehemaligen Staatsratsgebäudes versehentlich an den Admiralspalast gerückt. Daneben haben uns Leser darauf aufmerksam gemacht, dass man im ehemaligen Interhotel am Alexanderplatz selbstverständlich auch mit Mark der DDR bezahlen konnte. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen. (01.03.2006)
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