Sprung über den Schatten

Antje Lang-Lendorff
2 Min

Die Kreuzberger wachsen manchmal über sich selbst hinaus, so zum Beispiel vergangene Woche. In einer Straße in der Nähe vom Paul-Lincke-Ufer soll ein Haus gebaut werden, ein ganz modernes, mit einem Lift für Autos darin, so dass man seinen Wagen vor der Wohnungstür parken kann. Der Bauherr hat zur Informationsveranstaltung geladen. Rund 40 Leute - die meisten zwischen 30 und 45 Jahre alt und mehr oder weniger alternativ, typische Kreuzberger eben - machen daraus eine Protestaktion. Sie haben etwas gegen die Glasfassade, den Auto-Aufzug, die Wachmänner, die davor stehen werden. Vor allem aber haben sie etwas gegen die Leute, die in die teuren Lofts einziehen könnten."Wir wollen keine stinkreichen Typen, die ihren Porsche neben unseren Wohnzimmerfenstern parken!" "Die passen nicht in unseren Kiez!" "Diese Reichen werden sich in 36 gar nicht integrieren!"Plötzlich meldet sich ein groß gewachsener Mann im Anzug. "Ich bin als Interessent hier, der eine der Wohnungen kaufen möchte." Stille. Der Feind im Raum, das hat niemand erwartet. Und er sieht sogar sympathisch aus, wenn auch etwas wütend im Moment. "Ich habe weder einen Porsche, noch lasse ich mich als stinkreich beschimpfen", sagt er laut mit leichtem niederländischen Akzent. "Ich spreche sechs Sprachen und bin mindestens genauso multikulturell wie Sie. Gerade hier habe ich diese Intoleranz nicht erwartet!" Und was passiert? Viele seiner Nachbarn in spe schauen betreten. Einer beginnt zu klatschen, ein anderer stimmt ein, und schon erntet der eben noch Beschimpfte einen satten Applaus. Für so etwas kann man die Kreuzberger dann doch wieder gern haben.

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