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Faszinierend und schroff zugleich. Kaum eine andere deutsche Stadt vereinigt so viele Gegensätze, Kontraste in sich wie die Stadt an der Neiße. Das liegt nicht nur an den eindrucksvollen Gebäuden, sondern auch an der unbewältigten Vergangenheit des 20. Jahrhunderts, welche Görlitz derzeit besonders stark in den Fokus rückt.
Bedrückend ist er, der Görlitzer Bahnhof. Wer vom schmalen Bahnsteig die Treppen in den Bereich des Bahnhofs hinabsteigt, betritt eine düstere, beengte Betonanlage, bevor er sich seinen Weg in Richtung Altstadt oder Südvorstadt bahnt. Die angespannten Gesichter zumeist älterer Einheimischer, die es kaum erwarten können, in den Zug zu steigen, treffen an der oberen Berliner Straße – die früher Adolf-Hitler-Straße hieß – auf meist gleichgültige, oft aber auch freundliche Mienen orientalischer Lebensmittelhändler und Kebab-Verkäufer, die dort heute das Straßenbild prägen.
Weiter östlich in Richtung Postplatz wandelt sich das Publikum: Um die zahlreichen Geschäfte tummeln sich alte, mittelalte und junge Görlitzer, der Anteil polnisch sprechender Menschen steigt unüberhörbar. Spätestens am legendären Jugendstil-Kaufhaus Görlitz am Demianiplatz dominieren zunehmend gut situierte Touristen der Boomer-Generation, häufig aus ganz Sachsen, dem benachbarten Brandenburg oder den alten Bundesländern, nicht selten mit familiären Wurzeln in Görlitz oder dem schlesischen Umland.
Das Kaufhaus Görlitz am Demianiplatz
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Viele von ihnen sind auf biografischer Spurensuche. Nach 1945/46 wurden ihre Eltern oder Großeltern aus Schlesien oder direkt aus der östlichen Görlitzer Stadtseite – dem heutigen Zgorzelec, einst Heimat des legendenumwobenen ersten deutschen Philosophen Jacob Böhme – vertrieben. Dabei gelangten sie in die fast unzerstörte, aber seinerzeit völlig überfüllte und vom Mangel geprägte Weststadt. Manche blieben, die meisten aber zogen weiter nach Sachsen, Thüringen oder in die britische beziehungsweise amerikanische Besatzungszone.
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Manchmal geht die (Familien-)Geschichte aber noch weiter zurück: So können einige Gäste über einen Großonkel aus dem Kaiserreich berichten, der es als Inhaber einer Porzellanmanufaktur bis zum preußischen Hoflieferanten brachte – und dessen Schriftzüge am ehemaligen Geschäft in der Altstadt noch heute zu lesen sind.
Viele Gäste aus Frankfurt am Main, Bremen oder Heilbronn haben auch noch die frühe DDR in Görlitz erlebt – häufig flohen die Eltern mit ihnen im Zuge des Aufstands vom 17. Juni 1953 oder im Kontext des Mauerbaus um den 12. August 1961. Sie flohen aus der zur Grenzstadt gewordenen, neben Dresden vielleicht schönsten deutschen Stadt, deren historische Gebäude den Besucher auf eine fast lückenlose Zeitreise vom Hochmittelalter bis zum Art déco mitnehmen. Dorthin passt die „realsozialistische“ Architektur – zum Glück – so gar nicht, und Görlitz wird von ihr auch nur am Stadtrand umschlossen.
Einige Besucher wuchsen in diesen Plattenbausiedlungen auf. Aus Stadtteilen wie dem Neubaugebiet Königshufen, Rauschwalde und Weinhübel zog es Generationen zumeist junger Menschen nach dem Wüten der Treuhand in den Westen – nur wenige davon lassen sich hin und wieder in der alten Heimat sehen.
Blick auf die Peterskirche in den 1940er-Jahren
© Erich Andres/imago
Eine Ausstellung widmet sich dem Thema „Görlitz im Nationalsozialismus“
Dabei verfolgt einen die Geschichte in Görlitz auf Schritt und Tritt: Die prächtige Rathaustreppe mitsamt der Görlitzer Justitia und der benachbarte Schönhof aus der Zeit der Renaissance sind die Fotomotive schlechthin. Sehenswürdigkeiten wie das Heilige Grab, die imposante Peterskirche aus dem 15. Jahrhundert, das Barockhaus aus dem 18. Jahrhundert und die Altstadtbrücke – 2004 wiedererrichtet und heute ein Übergang nach Polen – gehören zum Pflichtprogramm vieler Besucher.
Eine Epoche jedoch bleibt im Stadtbild nahezu unsichtbar: die Zeit des Nationalsozialismus. Ihre Folgen und der von deutschem Boden entfesselte Krieg wirken bis heute nach – besonders in der geteilten Stadt Görlitz. Die Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur haben sich nun dieser Thematik angenommen.
Die Sonderausstellung „Görlitz im Nationalsozialismus – 80 Jahre Kriegsende“ widmet sich bislang unbekannten Perspektiven auf das Leben der Görlitzer Stadtbevölkerung zwischen 1933 und 1945. Persönliche Erinnerungen, Biografien und Familiengeschichten zeichnen authentisch und vielschichtig das Bild eines bislang wenig aufgearbeiteten Kapitels der Görlitzer Stadtgeschichte nach.
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Im Zentrum der Ausstellung stehen vor allem die alltäglichen Erfahrungen und Zwischentöne, die das Leben in der nationalsozialistischen Diktatur und in Kriegszeiten veranschaulichen. Görlitz war ein Ort, an dem sich alle Facetten des NS-Regimes manifestierten: frühe Konzentrationslager, die Shoah, Kriegsgefangenenlager, „Euthanasie“-Verbrechen, Militarisierung, die Ausgrenzung Andersdenkender und schließlich die Stellung als Frontstadt.
80 Jahre nach Kriegsende werden in Görlitz keine Waggons mehr gebaut, wie die letzten knapp 200 Jahre, sondern wieder Panzer.
Vom für Görlitz schicksalhaften 8. Mai 1945, der mit der Teilung der Stadt verbunden ist, wird in der Ausstellung der weitere Bogen bis zur polnischen Perspektive auf das Kriegsende sowie der einseitigen geschichtlichen Aufarbeitung in der SBZ beziehungsweise durch die DDR gespannt. Das wird auch höchste Zeit, denn eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte ist überfällig – auch wenn sie sich nicht wiederholt, reimt sie sich mitunter. 80 Jahre nach Kriegsende werden in Görlitz keine Waggons mehr gebaut, wie die letzten knapp 200 Jahre, sondern wieder Panzer.
Waggonmontage in Görlitz, 1974
© Ulrich Hässler/imago
Die etablierten Parteien bekommen wie in den letzten Jahren der Weimarer Republik die wirtschaftlichen und sozialen Probleme kaum noch in den Griff, das Vertrauen der Bürger in „unsere Demokratie“ (Frank-Walter Steinmeier) und die woke Berliner Politikblase schwinden immer stärker – das beweisen die hohen Wahlergebnisse bei der letzten Bundestagswahl für die AfD (48,9 Prozent im Wahlkreis Görlitz).
Eine engagierte, aber stets kulturalistisch agierende und oftmals westdeutsch geprägte Stadtelite trifft auf eine materialistisch orientierte, meist frustrierte und desillusionierte Bevölkerung, die ihren Unmut nach den Verwerfungen der Jahre 2002, 2015, 2020, 2022 zum Teil mit „White Power“-Bomberjacken wie in den 1990er-Jahren, Reichskriegsflaggen bei der wöchentlichen „Montagsdemo“ oder jüngst rechtsextremen Gesten beim Schülerbesuch in Auschwitz äußert – und dennoch eine gewisse DDR-Nostalgie in sich trägt.
Wer Ostdeutschland verstehen will, wer viele der Probleme der Berliner Republik im 21. Jahrhundert nachvollziehen will, hat in Görlitz die Chance dazu. Denn die Stadt ist kein überdimensionales, fast chronologisches Freiluftmuseum vom 12. bis zum 20. Jahrhundert, sondern ein faszinierender Ort, dessen Biografie eben nicht mit dem „Ende der Geschichte“ (1989/1991) abschließt. Wie unter einem Brennglas verdichten sich in Görlitz auch die Höhen und Tiefen der deutschen Wiedervereinigung der letzten 35 Jahre sowie der ihr vorausgehenden kalten und heißen Kriege. Vielleicht ist es genau diese Verdichtung von Vergangenheit und Gegenwart, die Görlitz so einzigartig macht – Bahnhof hin oder her.
Sven Brajer ist promovierter Historiker und freier Journalist. Er lebt und arbeitet in Berlin und Görlitz. 2023 veröffentlichte er das Buch: „Die (Selbst)Zerstörung der deutschen Linken: Von der Kapitalismuskritik zum woken Establishment“ im Promedia-Verlag.
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