POTSDAM. Die Potsdamer Stadtverwaltung sucht nach alten Bäumen. Diese Bäume, oft knorrig und alt, könnten Obstbaumkundler unter Umständen in Begeisterung versetzen. Denn Pomologen, wie die Obstbaumkundler wissenschaftlich heißen, fürchten um den Bestand von Bäumen wie den Großen Rheinischen Bohnapfel, die Rotgestreifte Gelbe Schafsnase oder die Nordhäuser Winterforelle. Leicht, so die Angst, könnten Kleingärtner vorschnell zu Sägen und Äxten greifen, um Platz im Garten zu schaffen.Noch vor 50 Jahren wuchsen sie im Potsdamer Obstanbaugebiet, dessen Geschichte Ende des 18. Jahrhunderts begann und das als Keimzelle des Havelländischen Obstanbaus gilt. "Wir wollen verschollene oder sehr seltene Obstsorten wieder rekultivieren", sagt Heiko Wahl, in der städtischen Naturschutzverwaltung zuständig für die Suche nach aussterbenden Exemplaren. Auf einen Aufruf hin haben sich bereits etwa 150 Potsdamer gemeldet, die auf ihrem Grundstück einen namenlosen alten Baum fanden. Diese werden nun akkurat erfasst und begutachtet. Hilfe durch Buga"Bestimmen kann man die Sorte erst, wenn die Früchte reif sind", sagt Fritz Brudel. Der promovierte Obstbauer aus Werder versucht im Auftrag Potsdams anhand historischer Aufzeichnungen, Früchte alten Obstsorten zuzuordnen. Ist es ein Treffer, wird durch Äste, so genannte Veredelreiser, Genmaterial zur Vermehrung gewonnen und somit der Fortbestand der Obstsorte gesichert. Das ist ein langwieriger Prozess.Brudel denkt, dass gerade während der Bundesgartenschau die Menschen für alte Obstsorten sensibilisiert werden können. Selbst wenn viele der Früchte für den menschlichen Genuss nicht mehr so geeignet seien, lebten noch Tiere und Pflanzen davon. "Obstanbau ist nicht nur ein Erwerbszweig, sondern ein Element der Ökologie und der Landschaftsästhetik in der Region", sagt der Experte. Die Obstanbautradition in Potsdam entwickelte sich nach dem Niedergang des Weinanbaus. Bereits Friedrich II. förderte mit Staatsmitteln und Erlassen das Pflanzen von Obstbäumen. So war es durchaus üblich, dass preußische Könige sich ihre eigenen Früchte im Park von Sanssouci ziehen ließen. In der von Lenné gegründeten ersten deutschen Baumschule gab es 1834 75 Pflaumen-, 160 Kirschen-, 500 Birnen- und etwa 800 Apfelsorten. "Heute sind es vielleicht noch 20 verschiedene Äpfel", sagt Brudel. Außer im Gutsgarten Bornim und in der bekannten Russischen Kolonie Alexandrowka, wo durch Nachzüchtung wieder weit über 100 traditionelle Apfel- und Birnensorten angesiedelt wurden. Darunter Gellerts Butterbirne, der Horneburger Pfannkuchenapfel, der Danziger Kantapfel und die Borsdorfer Renette. Seit 1265 von den Zisterzienser Mönchen angebaut, gilt Letztere als eine der ältesten Brandenburger Kulturapfelsorten. Für Brudel ist Alexandrowka überhaupt ein "weltweit einmaliges Gartendenkmal". Aber es sei nur noch ein Rudiment einstigen "ruhmreichen Obstanbaus", dessen Vielfalt der Kultursorten wieder belebt werden soll. Eins ist Brudel klar: Die alten Sorten entsprechen kaum den Vorgaben der EU-Norm. Die Früchte eines Baums haben unterschiedliche Größe und weisen oft auch unterschiedliche Farben auf. Zudem sind sie häufig unansehnlicher als heutige Sorten. Hochzeit mit ApfelbaumAber der Geschmack - der kann nach Ansicht von Kennern häufig mit neuen Sorten konkurrieren. So wurde vor zwei Jahre in Werder die Werdersche Wachsrenette wieder entdeckt, einst Lieblingsapfel König Friedrich III. Die Sorte hat schon wieder viele Liebhaber gefunden. "Aber das Wichtigste ist eigentlich die Erhaltung eines wichtigen Elements der einzigartigen Potsdamer Kulturlandschaft", sagt der 67-jährige Brudel. Denn Streuobstwiesen und viele Obstbäume in den Gärten sind daraus nicht wegzudenken. Brudel wünscht sich, dass eine alte Tradition wieder Anhänger findet. Für ihn wäre es das Schönste, wenn junge Paare bei der Hochzeit wieder einen Apfel,- Birnen-, Kirsch- oder Pflaumenbaum pflanzen.1 360 Sorten // Tradition: Beginn der Förderung des Obstanbaus ab 1770 durch König Friedrich II. In der von Peter Joseph Lenné gegründeten Baumschule in der Residenzstadt gab es 1849 rund 1 360 verschiedene Obstsorten.Verbreitung: Von Potsdam aus verbreitete sich der Obstanbau über Bornim nach Werder (Havel), wo heute noch jährlich das Baumblütenfest begangen wird.Niedergang: Größter Niedergang des Obstanbaus nach Übergang zur Großproduktion vor 50 Jahren. In Monokultur wurden nur wenige Sorten angebaut, darunter der Gelbe Köstliche. Nach der Wende wurden weite Flächen gerodet.Hilfe: Wer noch alte Bäume in seinem Garten zu stehen hat, kann sich unter 0331/2892850 oder -2891801 in Potsdam melden.
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