Die Ukraine meldet Entwarnung. „Starlink und Starshield funktionieren wieder mit den Geschwindigkeiten, die wir vor all diesen Einschränkungen hatten“, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstag in seiner abendlichen Videobotschaft. Nach seinen Angaben laufen beide Systeme wieder mit voller Geschwindigkeit, nachdem sie zuvor auf rund 161 Kilometer pro Stunde begrenzt gewesen seien.
Verteidigungsminister Jewhen Chmara ergänzte, die Terminals hielten wieder bei mehr als 400 Kilometern pro Stunde stabil die Verbindung. Damit könnte eine Affäre enden, die das Verhältnis zwischen Kiew und Washington zwei Wochen lang enorm belastet hat. Doch wenige Stunden nach Selenskyjs Erklärung meldete sich Elon Musk zu Wort. Die Lage bleibt jedenfalls unübersichtlich.
Starlink in der Ukraine: Was bisher bekannt ist
In der Nacht zum 14. Oktober wurden Starlink-Terminals über der Ukraine nach Angaben von Selenskyj-Berater Serhij Beskrestnow bei hoher Geschwindigkeit eingeschränkt, mehrere Militäroperationen seien dadurch gescheitert. Betroffen war vor allem das militärische Paket Starshield. Für die Ukraine ist das gravierend, denn mit schnellen Abfangdrohnen jagt die ukrainische Armee Russlands strahlgetriebene Shahed-Drohnen. Selenskyj sagte, nach Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit schalte sich Starlink ab, „und wir verlieren die Drohne“.
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Wer die Drosselung veranlasste, ist bis heute umstritten. Musk schrieb zunächst, über Limits entschieden das US-Militär und letztlich der Präsident. Das Wall Street Journal berichtete dagegen unter Berufung auf US-Beamte, Musk selbst habe die Verlangsamung angeordnet. Laut Reuters soll die Anweisung aus der Trump-Regierung gekommen sein. Trump, Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth bestreiten jede Beteiligung Washingtons. Die Einschränkungen tauchten auf, kurz nachdem Trump die Ukraine kritisiert und zum Stopp der Angriffe auf russische Ölraffinerien gedrängt hatte.
Am Samstagabend legte Musk nach, wie diese Zeitung berichtete. „Das ukrainische Militär hat gegen die Nutzungsbedingungen von Starlink verstoßen und den Dienst für offensive Drohnenangriffe eingesetzt, um Menschen zu töten“, schrieb Musk auf X. „Dieses Schlupfloch wurde vergangene Woche geschlossen.“ Für Starshield sieht sich Musk nicht zuständig. Dieses System werde von der US-Regierung kontrolliert, „was sie damit zu tun entscheidet, ist ihre Sache“.
Kiew widersprach dem umgehend. Selenskyj-Berater Beskrestnow erklärte, zivil betriebenen Starlink-Terminals seien ohnehin auf 70 bis 90 Kilometer pro Stunde begrenzt und funktionierten auf russischem Gebiet nicht. Deshalb könne man das kommerzielle Starlink für Angriffe auf mittlere und große Distanz physisch gar nicht nutzen. Es sei „sehr merkwürdig“, dass Musk diese Beschränkungen nicht kenne.
Ohne sein Satellitennetz würde die ukrainische Front „sofort zusammenbrechen“, sagt der SpaceX-Chef.
© Xavier Collin/Image Press Agency/imago
Ein ukrainisches, russischsprachiges Portal hält es für möglich, dass die Verbindung nur über ukrainisch kontrolliertem Gebiet wiederhergestellt wurde, etwa für die Flugabwehr. Angriffe auf die besetzten Gebiete könnten dagegen weiter blockiert sein. Ebenso denkbar sei, dass das Signal zurückkam, weil die ukrainische Armee ihre Angriffe auf russische Raffinerien eingestellt habe. Bestätigt ist keine der beiden Erklärungen.
Eine Theorie macht die Runde
In diese Unklarheit hinein verbreitet sich in den sozialen Netzwerken seit Tagen eine eigene Erklärung. Ihr Ausgangspunkt ist ein langer, anonymer Thread auf X. Dieser behauptet, es sei zu ukrainischer Manipulation an den Starlink-Terminals gekommen. Techniker an der Donbass-Front hätten demnach zivile Starlink-Terminals aufgeschraubt und GPS-Platinen eingebaut. Diese hätten dem System vorgetäuscht, das Terminal stehe still, obwohl es an einer fliegenden Drohne hing. So sei ein bestehendes Tempolimit über Monate unbemerkt umgangen worden.
Erst als SpaceX nachgebessert habe, sei das aufgeflogen, heißt es in dem Thread. Selenskyj habe die Folgen dann als politische Blockade dargestellt und daraus einen „Trump-Skandal vor der Wahl“ gemacht – gemeint sind die Zwischenwahlen in den USA, die Anfang November stattfinden und die für Trump und die Republikaner amerikanischen Umfragen zufolge nicht gut aussehen.
Die Starlink-Theorie wurde in den sozialen Netzwerken vielfach geteilt. Ein Account namens „Chamberlain’s Ghost“ verbreitete den Thread mit dem Hinweis, nun fügten sich die Puzzleteile zusammen. Auch der rechte US-Blog „The Conservative Treehouse“ befasste sich mit der Theorie. Der als russlandfreundlich geltende Blogger „Simplicius“ erklärte das Starlink-Rätsel tags darauf für gelöst. Die Ukraine habe die Technik offenbar missbraucht, indem sie Terminals so manipuliert habe, dass diese sich trotz Bewegung für unbeweglich hielten, hieß es.
Auch in Russland griff man die Lesart auf. „Es liegt nicht an den USA: Der wahre Grund für das Verschwinden von Starlink in der Ukraine ist bekannt“, titelte am Samstagvormittag das Portal URA.RU. Die Probleme seien durch das Handeln der Ukraine selbst entstanden, heißt es dort unter Verweis auf einen Beitrag auf X. Das Portal zitiert außerdem Kirill Dmitrijew, Putins Sondergesandten. Starlink nehme die Einhaltung seiner Nutzungsbedingungen offenbar ernst.
Unabhängig überprüfen lassen sich die technischen Behauptungen des Threads bislang nicht. Der ukrainische Satellitentechniker Oleg Kutkow, der sich seit Jahren mit Starlink-Hardware befasst, hält sie jedenfalls für falsch. GPS-Prüfung und die Durchsetzung von Tempolimits seien zwei verschiedene Dinge, schreibt er.
Ein verändertes GPS-Signal setze die internen Kontrollen der Terminals nicht einfach außer Kraft. Zugleich bestätigt Kutkow das ältere Limit für zivile Terminals, das auch Beskrestnow nennt. Es sei vor weniger als einem Jahr in Abstimmung mit den ukrainischen Behörden eingeführt worden, um den Einsatz auf Drohnen zu verhindern.
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Nach Kutkows Darstellung hat die ukrainische Militärführung dieses Limit aber mitgetragen und nicht verschwiegen. Dass Starlink-Terminals an der Front im Donbass verändert und auf unterschiedliche Weise eingesetzt werden, ist ebenfalls kein Geheimnis. Ob daraus ein systematischer Regelbruch folgt, wie Musk ihn behauptet, ist nicht belegt.
Unstrittig ist dagegen die Abhängigkeit vom amerikanischen Satellitenunternehmen. „Würde Starlink abgeschaltet, würde die ukrainische Front sofort zusammenbrechen“, schrieb Musk. „Das ist keine Drohung, sondern lediglich eine Feststellung von Tatsachen.“
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