DDR-Geschichte

Einst „Staatsfeind Nummer 1“, heute spricht er von Versöhnung

Nachdenklicher Abend: Ein bewegender Zeitzeugen-Bericht von Lothar Rochau über seinen Stasi-Fall mit 96 IMs zog die Besucher zum Weimarer „Rendez-vous mit der Geschichte“.

8 Min
Lothar Rochau beim Zeitzeugengespräch in Gera: Auf das Stasi-Opfer waren 96 inoffizielle Mitarbeiter angesetzt, sagen die Akten.

Lothar Rochau beim Zeitzeugengespräch in Gera: Auf das Stasi-Opfer waren 96 inoffizielle Mitarbeiter angesetzt, sagen die Akten.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

Er sitzt aufrecht, spricht ruhig, manchmal fast heiter. Dann gibt es Momente, in denen Lothar Rochau kurz innehält. Etwa wenn er von den Fotos erzählt, die er erst 2018/19 zu sehen bekam. Zu sehen ist sein altes Arbeitszimmer in Halle-Neustadt, aufgenommen von Stasi-Leuten bei der Durchsuchung nach seiner Verhaftung am 23. Juni 1983. Seine Wohnung hat er danach nie wiedergesehen. „Ich muss ein schlimmer Mensch gewesen sein“, sagt der 74-Jährige trocken: „Man sagte, ich sei der Staatsfeind Nummer 1 im Bezirk Halle.“

Am Mittwochabend war das Weimarer Festival „Rendez-vous mit der Geschichte“ in Gera zu Gast. Es wurde ein Abend, der unter die Haut ging.

Ein Exkurs in die Entstehung der Stasi in der DDR

Bevor es persönlich wurde, gab Historiker Christian Herrmann von der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt einen Überblick darüber, wie die Stasi überhaupt entstand und arbeitete. Er erzählte von der Deutschen Verwaltung des Innern und ihren Untergruppen, darunter das berüchtigte K5. Mit dem Beschluss zur Entnazifizierung im August 1947 bekam das Kommissariat weitreichende Befugnisse. Sehr schnell richteten sie sich nicht mehr nur gegen alte Nazis, sondern gegen alle, die als mögliche Feinde galten. Aus den K5-Bereichen wuchs unter Erich Mielke eine mächtige politische Geheimpolizei.

Herrmann erklärte, wie der Apparat aufgebaut war: eine Zentrale in Berlin und in jeder Bezirksstadt eine Bezirksverwaltung mit eigenem Gefängnis. In Gera war das die Untersuchungshaftanstalt am Amthordurchgang.

Hermann thematisierte auch das Thema „Zersetzung“ nach Richtlinie 1/76. Gemeint war, Gegner verdeckt zu beobachten, ihre Gruppen zu spalten und zu lähmen. Ins Visier gerieten Friedens- und Umweltgruppen, aktive Christen und alle, die irgendwie verdächtig wirkten. „Das Ziel war die Paralysierung“, sagte Herrmann. Die Bezirkszentrale in Erfurt war die erste in der DDR, die Bürger im Dezember 1989 besetzten. Wenige Wochen später folgte die Besetzung in der Berliner Normannenstraße.

Historiker Christian Hermann erläuterte den Besuchern die Entstehung und Arbeitsweise der Stasi.

Historiker Christian Hermann erläuterte den Besuchern die Entstehung und Arbeitsweise der Stasi.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

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8712 Seiten Leben: 96 IMs schrieben Berichte

Wie sich Zersetzung an einem einzelnen Leben anfühlt, zeigte dann das Gespräch zwischen Sandra Meenzen vom Stasi-Unterlagen-Archiv und Lothar Rochau. 1992 stellte er seinen ersten Antrag auf Akteneinsicht, 2018 einen weiteren, weil er an einem Buch arbeitete. Von mehr als 40.000 Seiten wurden 8712 als relevant angesehen. Allein zu fünf Operativen Vorgängen gibt es 28 Bände. Akten über ihn lagerten in Halle, in der Berliner Zentrale, in Erfurt und in Rostock. „96 IM waren auf mich angesetzt. Das ist eine echte Hausnummer“, schüttelt Rochau noch heute den Kopf. Die Behörde konnte 56 von ihnen identifizieren.

Ein Dokument berührt ihn bis heute besonders. Zwei Monate nach seiner Verhaftung im Juni 1983, während er in der berüchtigten U-Haft „Roter Ochse“ in Halle saß, hielt die Stasi bereits fest, welche Strafe das Gericht doch verhängen sollte – drei Jahre Haft. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Halle begann erst am 6. September 1983.

Lange Haare, Hermann Hesse und ein Neues Testament

Wie aus einem Sportler mit linientreuem Vater ein Staatsfeind wurde, erzählt Rochau mit spürbarer Selbstironie. Er war Bezirksmeister, durfte aber nicht zur DDR-Spartakiade: „Mit gut 16 hatte ich zu lange Haare. Damit war die Sportkarriere vorbei.“ Nach dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968 sei die Stimmung merkwürdig gewesen, erinnert er sich: „Das hat uns alle rebellisch gemacht.“ Es folgten Rock- und Bluesmusik, viele Konzerte in Thüringen und Bücher von Reiner Kunze, Wolfgang Borchert und Hermann Hesse, die Rochau und seine Freunde prägten.

Den Wehrdienst bei der NVA in Eggesin beschreibt er so: „Befehl und Gehorsam waren für mich unerträglich, oft gepaart mit Ideologie und Idiotie.“ Die ersten 21 Wochen bekam er keinen Urlaub und seine erste Liebe ging in dieser Zeit zu Ende. Auf dem Weg in die Kaserne ging er in Ueckermünde einmal in eine offene Kirche und sprach zwei Stunden mit der Küsterin. Sie schenkte ihm ein Neues Testament. „Das war eine besondere Fügung, aber keine Erweckung“, sagt er. Und: „Das kleine blaue Büchlein begleitet mich bis heute.“

Nach der  Armeezeit ging er in die Behindertenarbeit in Quedlinburg und begann danach eine Ausbildung zum Diakon in Neinstedt und Eisenach. Dort gab es gute Bibliotheken, auch mit Westliteratur. Dann kam das Jahr 1976 mit der Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz und der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Für Rochau war das ein persönlicher Wendepunkt. Sein Vater war Parteisekretär in Weißensee, Brüsewitz war dort der Prediger, also gewissermaßen der Gegenspieler. Rochau schrieb mit Gleichgesinnten einen offenen Brief gegen den staatlichen Umgang mit dem Tod von Brüsewitz: „Damit stand ich sofort auf der Agenda der Stasi.“

Als junger Diakon ging er nach Halle-Neustadt, in die DDR-Modellstadt der Buna-Werker, die Rochau „Stadt ohne Gott“ nennt. Er baute eine offene Jugendarbeit auf. Zwei Jahre später kamen bereits 250 junge Leute zwischen 17 und 25 Jahren zu seinen Veranstaltungen. Zu „Werkstatttreffen“ reisten Menschen aus der ganzen DDR an. Es gab Rockmusik und Klassik, Gottesdienst, Lesungen und Theater.

Der Anwalt, der betete und seinen Mandanten verriet

Bei einem Namen, den Rochau nennt, wird es still im Leseraum der Geraer Bibliothek: Wolfgang Schnur. Rochau hatte den Anwalt, der in der Wendezeit wie Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel beim „Demokratischen Aufbruch“ aktiv war, Jahre vorher kennengelernt, weil Schnur Kriegsdienstverweigerer verteidigte. Er galt als Kirchenanwalt und wurde oft zu den Veranstaltungen eingeladen. Als „IM Torsten“ und „IM Dr. Schirmer“ führte er jedoch ein Doppelleben, und nach der Verhaftung wurde er auch noch Rochaus Verteidiger.

Schnur riet ihm, sich bereit zu erklären, in den Westen zu gehen. Vor dem Prozess sagte Schnur: „Bruder Rochau, lassen Sie uns beten.“ Rochau wurde zu drei Jahren Haft verurteilt und von der BRD freigekauft. Als das gelungen war, bekam Schnur nach Rochaus Stasi-Akten sogar eine Belohnung.

Weitere Namen fallen: Oberkonsistorialrat Detlef Hammer, leitender Kirchenjurist und Personalchef, war nach Rochaus Recherchen zugleich Stasi-Offizier im Rang eines Majors. Auch sein damaliger Schwager schrieb Berichte. Ein weiterer Spitzel saß im Vorbereitungskreis seiner Kirchgemeinde. Im Luther-Jahr 1983 passte ein unbequemer Jugenddiakon der Kirche nicht ins Bild – Rochau wurde aus dem Kirchendienst entlassen. Rehabilitiert hat die Kirche ihn erst 41 Jahre später – mit einem berührend ehrlichen Brief.

Nach der Wende: Eine für viele irritierende Rückkehr

Als sein Vater sich weigerte, sich von seinem Sohn loszusagen, wurde der damalige Kreisrat für öffentliche Versorgung am nächsten Tag als Hilfsarbeiter auf den Sömmerdaer Friedhof versetzt. Später reisten seine Eltern ebenfalls in die BRD aus, er habe sich mit seinem Vater ausgesprochen, man habe noch drei gute Jahre gemeinsam gehabt, erzählt Lothar Rochau.

Ab dem 11. November 1989 änderte sich alles: Er kehrte zurück in die DDR, machte Wahlkampf für das Neue Forum und wurde sogar wieder DDR-Bürger, um bei den Wahlen antreten zu können. Seine Familie blieb im Westen. Zu seinem Sohn ist das Verhältnis bis heute distanziert. „Ich bin traurig darüber, dass es mir bisher nicht gelungen ist, das zu verbessern“, sagt er leise.

Die Erinnerung an seine Haft verbindet er mit dem berüchtigten Spezialvernehmer Joachim Groth, der über tausend Seiten Verhörprotokolle über ihn schrieb. „Ein unendlich harter Kerl“, sagt Rochau über Groth. Mit Spitzeln, die er zur Rede stellte, hat er dagegen oft Schlimmes erlebt: „Alle suchten Ausflüchte.“ Selbst Wolfgang Schnur besuchte ihn noch einmal und versuchte Verständnis zu heischen: „Nach zwanzig Minuten habe ich ihn rausgeschmissen.“

Im gut besuchten Lesesaal der Geraer Bibliothek erzählte Lothar Rochau seine Lebensgeschichte.

Im gut besuchten Lesesaal der Geraer Bibliothek erzählte Lothar Rochau seine Lebensgeschichte.

© Ingo Eckardt/Ostdeutsche Allgemeine

„Wir riskieren unser Wohlleben“

Gegen Ende des Abends geht es um die Gegenwart. Radikaler Pazifismus sei beispielsweise in Bezug auf die Ukraine kaum möglich, sagt Rochau und zitiert den NS-Inhaftierten und DDR-Dissidenten Robert Havemann: „Wir riskieren heute nicht mehr das Leben, sondern unser Wohlleben.“ Mit Blick auf die Gesellschaft macht er sich Sorgen. „Zersetzung über öffentliche Diffamierung wird wieder salonfähig.“ Populismus, Fake News und KI setzten der Demokratie zu.

Rund 500 Zeitzeugengespräche hat er geführt, viele davon in Schulen. In Halle arbeitet er ehrenamtlich als Ombudsmann für soziale Härtefälle, und 2022 wurde er nochmal Deutscher Meister im Marathon in der Altersklasse 70. „Mir geht es da um Versöhnung“, sagt Rochau, der allen Grund zur Bitterkeit hätte.

So geht das Geschichts-Rendez-vous in Thüringen weiter

Das Festival „Rendez-vous mit der Geschichte“ findet zum 18. Mal statt und fragt unter dem Motto „Fakt oder Fake?“ vom 30. Oktober bis 1. November nach dem Verhältnis von Wahrheit und Lüge. Zu den Gästen gehören in diesem Jahr unter anderem der Journalist Theo Koll, der mit dem Vortrag „Stirbt die Wahrheit?“ die zentralen Festival-Tage eröffnet, und Ministerpräsident a. D. Winfried Kretschmann (Grüne), der über „Wahrheit und Lüge in der Politik“ diskutiert.

Diskutiert wird unter anderem mit dem Thüringer Ex-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) und dem streitbaren Historiker Jörg Baberowski. Über KI-Fakes in der Holocaust-Erinnerung sprechen Andrzej Kacorzyk (stellvertretender Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau) und Jens-Christian Wagner. Neu ist das „History Games Lab“ für junge Interessierte. Dazu gibt es ein Kneipenquiz am Samstagabend. In der Reihe „Kino mit Gespräch“ gibt es neun Filme zu erleben.

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