Am 5. Oktober 2026 sagte BND-Präsident Martin Jäger vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium in Berlin einen Satz, den Deutschlands Auslandsgeheimdienst so öffentlich noch nie formuliert hatte: Wladimir Putin sei „über den Punkt hinaus, wo er den Angriff auf die Ukraine einfach einstellen könnte, ohne seine Machtbasis im Inneren zu gefährden“.
Erstmals sagt Deutschlands Geheimdienst: Putin kann den Krieg nicht mehr beenden
Putin brauche einen Erfolg, der die enormen Opfer rechtfertige. Der Krieg sei Teil seiner Machtsicherung geworden.
Viele westliche Analysen stützen diese Sicht zumindest teilweise. Sie beschreiben Russland als ein System, das militärisch, wirtschaftlich und politisch so stark auf den Krieg eingestellt ist, dass ein Ende ohne vorzeigbaren Erfolg für den Kreml gefährlich werden könnte.
USA: Zustimmung, aber auch Widerspruch
Tatsächlich passt Jägers Aussage zur öffentlichen jährlichen Einschätzung der US‑Geheimdienste. Der Bericht des Geheimdienstkoordinators hielt bereits im März 2025 fest, Putin werde seinen erhofften „total victory“, den totalen Sieg also, nicht erreichen – beide Seiten sähen aber die Risiken eines längeren Krieges als geringer an als die einer unbefriedigenden Einigung.
Auch in Foreign Affairs erscheint Russland als Gefangener des eigenen Krieges. Seva Gunitsky und Jeremy Morris beschrieben das Land Anfang Juni als eine „Kriegsfalle“, „die niemand geplant hat und die niemand leicht auflösen kann“: Regionen, Arbeitsmärkte, Rüstungsbetriebe und Sozialtransfers hängen inzwischen am Krieg.
Wie tief diese Militarisierung reicht, zeigt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri: 2025 flossen rund 16 Billionen Rubel oder 7,5 Prozent des BIP in Krieg und Militär.
In Washington gibt es auch Gegenargumente
Ausgerechnet aus den USA kommt aber auch der schärfste Einspruch gegen Jägers Lesart. Mariya Omelicheva argumentiert beim Fachportal War on the Rocks, Putin führe den Krieg „nicht fort, weil Niederlage oder Frieden politisch unmöglich wären“. Repression, Elitenkontrolle und Propaganda könnten auch schlechte Ergebnisse stabilisieren.
Der US-Thinktank CSIS liefert eine dritte Deutung. Dort lautet die These nicht: Putin kann nicht aufhören. Sondern: Er hört nicht auf, weil er noch an einen Abnutzungssieg glaubt. Dann wäre sein Handeln eher Kalkül als Zwangslage.
Großbritannien: Die Machtfrage steht offen im Raum
Der direkteste Beleg aus einem westlichen Nachrichtendienst stammt aus London. MI6-Chef Sir Richard Moore sagte am 19. September 2025, Putin müsse sich am Ende zwischen zwei Übeln entscheiden – oder „eine wirtschaftliche und politische Krise riskieren, die seine eigene Herrschaft bedroht“.
Ähnlich argumentiert Jack Watling vom Royal United Services Institute for Defence and Security Studies, einem der ältesten sicherheitspolitischen Thinktanks in Großbritannien. Er schrieb im Februar 2026, unter den gegebenen Bedingungen sei es in Kiew wie im Kreml gefährlicher, das Kämpfen zu beenden. Moskau halte den Krieg bis 2027 für durchhaltbar und gebe kaufkraftbereinigt rund 500 Milliarden US-Dollar jährlich für Verteidigung aus.
London sieht eher Regimeinteresse als reine Ausweglosigkeit
Das IISS setzt den Akzent allerdings anders. In einer Analyse mit dem Titel „The Mirage of Peace“ – die Illusion des Krieges – erscheint Putins Härte vor allem als Folge unveränderter strategischer Ziele. Selbst einen begrenzten Waffenstillstand habe Moskau an Bedingungen geknüpft, die faktisch das Ende westlicher Ukraine-Hilfe bedeutet hätten.
Europa muss Putin die Brücke aus dem Krieg bauen
Erstmals sagt Deutschlands Geheimdienst: Putin kann den Krieg nicht mehr beenden
Die britische Denkfabrik Chatham House nennt den Krieg zugleich „existenziell für das Putin-Regime“, modelliert aber ausdrücklich auch einen eingefrorenen Konflikt als realistisches Szenario. Und Grégoire Roos warnt dort im September dieses Jahres, russische Eskalation nicht als Verzweiflung zu lesen: Putin handle eher so, als arbeite die Zeit für ihn.
Frankreich: Schärfere Diagnose, vorsichtigere Begründung
Die deutlichste Bestätigung der BND-These in Europa kommt aus Paris. Die Fondation pour la Recherche Stratégique schrieb im August 2026: „Putin sieht keinen Ausweg, sondern eine Sackgasse.“ Ohne erreichte Kriegsziele könne er keine echten Verhandlungen führen, ohne sein Regime zu gefährden. Die Autoren stützen sich dabei allerdings auf Muster autokratischer Elitenkoalitionen – also auf einen Analogieschluss, nicht auf überprüfbare Einblicke in den inneren Kreml.
Der Thinktank Ifri formuliert vorsichtiger. Tatiana Kastouéva-Jean schreibt, kein innerer oder äußerer Faktor veranlasse den russischen Präsidenten derzeit, seine Ambitionen zu revidieren. Das klingt weniger nach politischer Unmöglichkeit als nach fehlenden Anreizen zum Kurswechsel.
Russische Daten: Spielraum in der Gesellschaft, Grenzen im System
Die russische Bevölkerung scheint jedenfalls nicht das Haupthemmnis zu sein. In Umfragen des Levada-Zentrums befürworteten über sechs Monate hinweg mehr als 60 Prozent Friedensverhandlungen. Eine Mehrheit würde Putin unterstützen, wenn er den Krieg „noch diese Woche“ beendete – aber nur ein Drittel, wenn dafür annektierte Gebiete aufgegeben werden müssten.
Zugleich stehen 78 Prozent hinter der Armee. Tabu ist also weniger das Kriegsende an sich als ein sichtbarer Gebietsverlust. Umfragen in Autokratien bleiben freilich nur begrenzt belastbar.
Der Krieg hat eigene Interessenblöcke geschaffen
Strukturell wirken inzwischen Kräfte gegen Mäßigung. Der EU-nahe Thinktank ECFR zählt Tausende Veteranen in Verwaltungsposten und erwartet rund 50 im neuen Parlament – eine mögliche institutionelle Bremse für außenpolitische Zurückhaltung.
Carnegie-Analystin Tatiana Stanovaya sieht in Putins Weltbild „keinen Raum für Niederlage oder auch nur Zugeständnisse“; Druck könne ihn eher verhärten als zum Einlenken bringen. Das Warschauer OSW formulierte schon 2024: „Die Fortsetzung des Krieges ist für den Kreml zu einer politischen Notwendigkeit geworden.“
Warum Deutschland die These erst jetzt annimmt
Jägers These meint deshalb weniger, dass Putin objektiv unfähig wäre, den Krieg zu stoppen. Gemeint ist vielmehr eine politische Falle: Ein Ende ohne vorzeigbaren Erfolg könnte das Herrschaftssystem destabilisieren, auf dem Putins Macht beruht. Dass diese Einsicht in Deutschland erst jetzt so offen formuliert wird, dürfte auch daran liegen, dass Politik und Öffentlichkeit lange darauf setzten, Sanktionen, Erschöpfung und Gesprächsangebote würden den Kreml irgendwann automatisch in Richtung Kompromiss drängen.
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Wenn diese Diagnose stimmt, verändert das die deutsche und europäische Ukraine-Politik grundlegend: Dann wäre der Krieg nicht mehr als regional begrenzter Konflikt zu behandeln, sondern als möglicher Vorlauf eines größeren europäischen Krieges, falls Moskau nach oder neben der Ukraine auch die Entschlossenheit Europas militärisch, hybrid oder an den Nato-Rändern testet.
Friedenspolitisch hieße das, sich nicht auf die Hoffnung eines baldigen Einlenkens Putins zu verlassen, sondern Frieden als Aufgabe der Abschreckung, der europäischen Verteidigungsfähigkeit und der dauerhaften Unterstützung der Ukraine zu begreifen – bei gleichzeitiger Offenhaltung diplomatischer Kanäle, um Eskalation zu begrenzen.
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